Ein Sprössling der Revolution übernimmt die Macht

15. November 2012, 08:40 Uhr

Xi Jinping, Sohn eines alten Revolutionsrecken, ist der neue starke Mann in China. Der 59-Jährige lebte in einer Höhle und ist mit einem Popstar verheiratet. Porträt eines unbekannten Pragmatikers. Von Niels Kruse

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Der neue Machthaber in Peking lächelt schon einmal vom Platz des Himmlischen Friedens aus auf sein Volk herab©

Es gibt da diese Geschichte aus seiner Zeit in der Verbannung. Auf einem Dorf musste sich der verwöhnte Junge aus der Stadt plötzlich mit Getreidekübeln und Entwässerungsgräben herumärgern. Abends kehrte der damals 15-Jährige in eine Höhle zurück und fraß sich im Schimmer einer Petroleumfunzel von einem Buch durchs nächste. Seine Nachbarn in Liangjiahe verstand er so wenig, wie sie ihn. Irgendwann aber versammelten sie sich immer häufiger bei Xi Jinping. Er beeindruckte nicht nur durch körperliche Kraft, sondern auch mit Ratschlägen und Geschichten aus seiner Pekinger Zeit. Jahre später durfte er wieder in die Hauptstadt zurückkehren - und Xi hatte in dieser beklemmenden und bitterarmen Welt eines gelernt: Der Kommunismus mag das Ziel sein, aber der Weg dahin führt nur über den Kapitalismus.

Jetzt, mehr als 30 Jahre später, ist der 59-Jährige kurz davor, zum mächtigsten Mann Chinas, und neben Barack Obama, zum mächtigsten Mann der Welt zu werden. Auf dem 18. Parteitag der Kommunistischen Partei wurde Xi zum Generalsekretär gekürt. Im März dann folgt seine Ernennung zum Präsidenten Chinas. So sehen es seit Jahrzehnten die Regeln der Partei-Nomenklatur vor. Auf dem mit Twitter vergleichbaren Kurznachrichtendienst Weibo witzelte jemand: "Die Amerikaner haben's schwer. Einen Tag vor der Wahl wissen sie noch nicht, wer ihr nächster Präsident sein wird. Wir wissen das schon seit fünf Jahren."

Exil im wahren Leben

Vielleicht hat es Xi Jinping auch schon länger gewusst oder zumindest geahnt, denn er gehört zur Riege der so sogenannten "Prinzlinge" - den Söhnen altgedienter Revolutionshelden, die in der noch jungen Volksrepublik zu den Führungskadern zählten, und deren Sprösslinge nun in die höchsten Ämter streben. Xis Vater Xi Zhongxun war bereits Kommunist, als die Partei noch im Untergrund kämpfte. Ab den 50er Jahren machte Zhongxun Karriere und stieg in die Führungszirkel auf. Der junge Jinping ging auf ein Elite-Internat, der Familie fehlte es im Gegensatz zum gesamten Rest des Landes an nichts. Bis 1962. Dann fielen die Xis bei Mao Tse-Tung in Ungnade und einige Jahre später, Ende der 60er, wurde Jinping, in die Verbannung geschickt. Ins Dorf in Liangjiahe, in der Provinz Shaanxi. Es war ein Exil im wahren Leben.

Denn hier, irgendwo im Nirgendwo lebte er sieben Jahre in einer Höhle, die die Menschen in die Erde gegraben hatten, es mangelte an allem. Doch diese kargen Wurzeln machten Xi Jinping zu dem, der er ist. Zumindest, zu dem, was man über ihn zu wissen glaubt: Der Kronprinz gilt als vorsichtig, realistisch, pragmatisch, ehrgeizig, konzentriert und effizient. Und, das ist selten auf höheren Hierarchieebenen in China, als weitgehend unkorrupt. Zwar soll er über Aktien und Immobilien im Wert von mehreren Hundert Millionen Dollar verfügen, aber Beweise für eine unredliche Herkunft gibt es nicht. Allerdings ist die KP Chinas mittlerweile ein Businessclub, in dem die Grenzen zwischen guten Geschäftskontakten und politischer Einflussnahme ohnehin fließend sind.

Kronprinz von Gnaden der grauen Eminenz

Den Weg nach ganz oben hat Xi Jinping mit dem Studium von Chemie und marxistische Theorie. Dann die Ochsentour für die Parteikarriere: Funktionär auf dem Dorf, im Kreis, in der Stadt und beim Militär. Als Gouverneur und Parteichef führte er die Küstenprovinzen Fujian, Zhejiang, sowie Shanghai - drei der dynamischsten Wirtschaftsregionen Chinas, die am ehesten mit europäischen Staaten vergleichbar sind. 2007 dann wurde er als Nachfolger für den nun scheidenden Hu Jintao auserkoren - vom früheren Staats- und Parteichefs Jiang Zemin persönlich, der mit seinen 86 Jahren im Hintergrund immer noch die Fäden in China zieht. Seitdem ist er zwar mächtigster Mann der Welt im Wartestand, doch wer im Land nach seinem Namen fragt, kriegt meist dies zur Antwort: Xi Jinping ist der Mann von Peng Liyuan.

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