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Der Terrorist aus dem Garten Englands

Khalid Masood wurde als Andrian Elms in Kent geboren und lebte zunächst ein bürgerliches Leben. Am Mittwoch tötete er in London vier Menschen und verletzte Dutzende. Wie konnte aus ihm ein Dschihadist werden?

Khalid Masood

Das Bild von Khalid Masood wurde von der Londoner Polizei herausgegeben. In Großbritannien rätselt man, wie aus ihm ein Dschihadist werden konnte Metropolitan Police/AP

Es gibt dieses Schwarz-Weiß-Foto von Adrian Elms, der später Adrian Ajao hieß und der ganzen Welt nunmehr als Terrorist geläufig ist. Damals war er Schüler, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt. Er hielt die Arme verschränkt wie alle Klassenkameraden. Es war nach einem 24-stündigen Fußball-Marathon seiner Schule in Tunbridge Wells, Kent. Sie sammelten damals Geld für eine Wohlfahrtsorganisation. Tunbridge Wells ist eine wohlhabende Stadt südlich von London, und Kent wird auch der Garten Englands genannt. Dieses Tunbridge Wells ist ziemlich reich, ziemlich konservativ und ziemlich weiß. Adrian fällt auf in diesem Foto. Er ist der einzige Farbige in seiner Klasse.

Geboren am zweiten Weihnachtstag 1964, als Sohn von Janet Elms, die ihn auf die Welt brachte mit gerade 17 Jahren, zwei Jahre darauf Philipp Ajao kennenlernte, zugewandert aus Nigeria. Sie heirateten und Philipp nahm Adrian als seinen Sohn an. Das Paar bekam noch zwei weitere Söhne, Alex und Paul, und alles was man weiß, ist, dass die Familie in ein sehr normales bürgerliches Leben lebte in einer Straße mit vielen viktorianischen Häusern. Adrian ging auf die Huntley School for Boys, eine Jungenschule, seine Schulfreunde erinnern ihn als intelligenten, witzigen und charmanten Jungen, der Schlag hatte bei den Mädchen der benachbarten Schule, zu der sie in der Mittagspause zum Flirten liefen.

Mit 16 verließ er die Schule, der Kontakt brach ab zu den alten Freunden. Sie sahen ihn am Mittwoch wieder. Im .

Adrian hatte danach andere Freunde, er dealte offenbar mit Drogen, geriet in Schlägereien und wurde 1983, da war er 19, erstmals verurteilt. Es folgten weitere Verurteilungen im Laufe der Jahre, mal wegen Körperverletzung, mal wegen Waffenbesitzes. Aber dazwischen lagen auch immer wieder Phasen, in denen es so ausschaute, als bekäme er sein Leben in den Griff. Er hatte den Nachnamen des Stiefvaters angenommen, hieß nicht mehr Elms, sondern Adrian Ajao, nannte sich dann später aber wieder Elms und schließlich Khalid Masood. Auch das gehört zu den Wendungen eines verirrten Lebens.

Radikalisiert im Gefängnis

Man weiß, dass er für einen Vertrieb chemischer Waren arbeitete, kurzeitig sogar deren Direktor war und in dieser Zeit seine erste Frau kennenlernte, Jane Harvey. Die beiden heirateten 1991, bekamen zwei Töchter und zogen aus Kent in die Nähe von Hastings in East Sussex. Irgendwann, Ende der 90-er Jahre und zu Beginn des neuen Jahrtausends, geriet sein Leben aus den Fugen. Er war immer wieder in Schlägereien verwickelt, er trank zu viel. Und wenn er zu viel getrunken hatte, wurde er aggressiv und unberechenbar. Im Juli 2003 stritt er sich mit dem Besitzer eines Cafés, stach ihn mit einem Messer ins Gesicht und wurde für diese Attacke zu zwei Jahren Haft verurteilt. Er saß sie ab in einem Knast in Norfolk, und in dieser Zeit, wird nun gemutmaßt, könnte seine Leben abermals eine Wendung erfahren haben. Diesmal von einem gewöhnlichen Kriminellen zu einem radikalisierten Konvertiten.

Er lebte fortan hier und dort, es wehte ihn mal an die Küste, Eastbourne, nach Luton, in den Londoner Osten und auch Birmingham. Frauen kamen und gingen. Knast abermals im Jahre 2003. Wieder ein Messerangriff. Zwischenzeitlich soll er auch in Saudi Arabien gelebt haben, in der Nähe von Medina. Dort, gab er später in seinem Lebenslauf an, habe er Englisch unterrichtet. Jedenfalls nannte er sich jetzt: Khalid Masood. Er besuchte Moscheen in und Birmingham und überzeugte sogar seine erstgeborene Tochter vom islamischen Glauben, die zu ihm zog und Burka trug.

Die üblichen Populisten melden sich

Wann genau und warum genau aus Khalid Masood, dem Konvertiten, ein militanter Dschihadist und Soldat des IS wurde, ist unklar. Die britischen Zeitungen sind voll mit Geschichten über Gefängnisse als Brutstätten des Extremismus. Das mag auch stimmen, war ebenso erwartbar wie die Reporter, die nun vor Moscheen stehen und dort auf verängstigte Gläubige treffen. Einer dieser Gläubigen fragte ungehalten, warum nicht auch Thomas Mair, der Mörder der Labour-Abgeordneten Jo Cox, als Terrorist bezeichnet würde. Mair hatte “Britain First“ gerufen, ehe er im vergangenen Sommer die Politikerin auf offener Straße umbrachte. Aber Mair ist weiß und kein Moslem. Die meisten Zeitungen schreiben über ihn als Mörder. Und nicht als Terrorist, der er ist.

Die üblichen Populisten melden sich auch zu Wort. Nigel Farage, einst UKIP-Boss, trat im amerikanischen Fernsehen auf. Er faselte von Immigranten und strengeren Grenzkontrollen und politischen Versäumnissen und sogar davon, dass London ein gefährlicher Ort sei. Es war ein unseliger, peinlicher und dummer Auftritt. Adrian Elms wurde genau wie Nigel Farage in Kent geboren. Und er wurde in Großbritannien zu Khalid Masood.

Drei Minuten vor der Todesfahrt löscht er WhatsApp-Mitteilungen

Seine letzte Nacht verbrachte dieser Masood in einem Hotel in Brighton. Er sei ein guter und freundlicher Gast gewesen, sagte der Manager. Nichts deutete darauf hin, dass er Stunden später vier Menschen töten und 50 verletzen würde. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Masood eben kein einsamer Wolf war. Die Polizei hat überall im Land Verdächtige festgenommen. Drei Minuten vor der Todesfahrt löschte er verschlüsselte WhatsApp-Mitteilungen auf seinem Mobiltelefon. Womöglich erhielt er letzte Anweisungen. Womöglich verabschiedete er sich.

All das wird irgendwann herauskommen. Und vielleicht auch, was derart falsch lief in seinem Leben, das hoffnungsvoll begann an einem Weihnachtstag in Kent, das man auch “den Garten Englands“ nennt.


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