. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
21. Mai 2008, 17:01 Uhr

Gott gilt wieder was

Sich zu seinem Glauben zu bekennen, galt bei den Briten bislang als unschicklich, wenn nicht gar als "verrückt", wie Tony Blair jüngst zu Protokoll gab. Doch plötzlich gilt Gott wieder was. Deutlich zu sehen an einer längst überwunden geglaubten Diskussion über die britische Abtreibungspraxis. Von Cornelia Fuchs, London

Mit Hilfe des Herren gegen die Abtreibung oder alles wie gehabt? Die Briten diskutieren überraschend lebhaft über die Abtreibung© Luke MacGregor/Reuters

Die Szenen vor dem britischen Parlament erinnerten an Demonstrationen der ersten Frauenbewegung. Oder, auf der anderen Seite der Straße, an amerikanische Anti-Abtreibungs-Mahnwachen. Dort schwenkten die "Pro-Life"-Anhänger Plakate, die im Kampf "Für das Leben" auseinandergerissene, blutige Föten zeigten. Die "Pro-Choice"-Fraktion hatten sich dagegen auf die Farbe Rosa geeinigt. "Verteidigt 24 Wochen" - stand darauf geschrieben. 24 Wochen sind seit einer Gesetzesänderung 1990 der letzte Zeitpunkt, in der eine Schwangere in Großbritannien noch abtreiben darf.

Vor der Abstimmung waren es vor allem die Abtreibungsgegner, die aufgefallen waren, hatten sie doch den Oppositions-Führer David Cameron, den politischen Mann der Stunde, auf ihrer Seite. Der wollte für einen der fünf Veränderungsvorschläge stimmen, der den Zeitrahmen, in der eine Abtreibung möglich ist, von 24 auf 22 Wochen verringert.

Wo kommt denn diese Debatte plötzlich her?

Für viele Briten war es erstaunlich, was dort für eine Debatte wieder hervorkam, und welche Risse sie aufzeigte in einem Land, das viele Einheimische als durch und durch säkular bezeichnen würden. In Großbritannien steht der ausgewiesene Atheist und Wissenschaftler Richard Dawkins seit Monaten auf der Bestsellerliste, der ehemalige Premier Tony Blair wurde durchaus mit Häme überzogen, als er nach seinem Rücktritt öffentlich seinen Glauben und seine Konvertierung zum Katholizismus bekannt gab. Auf die Frage, warum er dazu nicht früher gestanden habe, antwortete Blair in einem Interview: "Weil ich nicht als Verrückter gelten wollte!"

Es ist nicht schick in Großbritannien, seine Religiosität offen zur Schau zu tragen. Wer glaubt, tut dies besser im Stillen. Gordon Brown, zum Beispiel, ist in einem Pfarrer-Haushalt aufgewachsen - und auch, wenn dies in seinem Fall für alle möglichen Charakter-Interpretationen herangezogen wird, erzählt er selber doch wenig und äußerst ungern über seine religiösen Ansichten.

Doch in den vergangenen Wochen stieg plötzlich auch der Glaube in das Bewusstsein der Briten. Für viele unerwartet tauchte plötzlich dieser Riss auf, der nicht mehr politisch Andersdenkende auseinander dividiert, sondern Gläubige und solche, die sich von einer Religion die Politik nicht vorschreiben lassen wollen. So wie der Oppositionsführer David Cameron für eine Reduzierung im Abtreibungs-Gesetz stimmte, so stimmten die Verkehrsministerin Ruth Kelly und zwei andere Mitglieder aus Gordon Browns Kabinett ebenfalls für eine kürzere legale Abtreibungs-Zeit. Alle drei sind katholisch.

Noch am Tag vor der Abstimmung zeigte der TV-Sender "Channel 4" in der renommierten politischen Dokumentations-Serie "Dispatches" einen Film über christliche Fundamentalisten auf dem Marsch auf das Unterhaus, die Bibel fest in der Hand. Anklänge an den Einfluss der christlichen Rechten in der amerikanischen Politik wurden laut, als eine Anwältin dabei gefilmt wurde, wie sie Abgeordneten vorformulierte Gesetzesvorschläge unterbreitete. Ihr Ziel: Das Abtreibungs-Gesetz erst einschränken, dann ganz abschaffen.

Zwei Millionen Briten sympathisieren mit dem Kreationismus

Diese Neu-Evangelikalen glauben im Übrigen nicht nur, dass Abtreibung immer Mord ist. Sie erzählen ebenso freizügig, dass der Islam eine Erfindung Satans sei, dass Homosexuelle genauso als Sünder gelten müssen wie Mörder und Pädophile, und dass die Welt ungefähr 6000 Jahre alt sein dürfte. Letzteres lehren sie auch in staatlich geförderten Religions-Schulen im Fach "Wissenschaft". Zwei Millionen Menschen in Großbritannien sollen angeblich mit einer solch radikalen christlichen Auslegung sympathisieren. Und die Demonstranten und Lobbyisten der Anti-Abtreibungs-Bewegung hatten sich den gestrigen Tag ausgesucht, um einen ersten, großen Sieg zu feiern.

Doch sie wurden enttäuscht. Alle fünf Anträge auf Änderung des Abtreibungsgesetzes wurden vom Unterhaus abgelehnt, der letzte Antrag, der vom Oppositionsführer David Cameron im Voraus als der Vernünftigste gelobt wurde, verlor mit 71 Stimmen - noch nicht einmal eine Reduzierung des zeitlichen Rahmens um zwei Wochen konnte die Mehrheit überzeugen.

Was dagegen überzeugt zu haben scheint, sind die klaren medizinischen Stellungnahmen. Vom Verband der Gynäkologen bis zur Assoziation der Perinatal-Mediziner haben alle Wissenschaftler zu verstehen gegeben, dass sie eine Gesetzesänderung für unnötig halten. Erst im vergangenen Monat hatten Studien zur Lebensfähigkeit von extremen Frühchen keine Veränderungen zur Situation von 1990 gezeigt, zu der das Gesetz zuletzt angepasst wurde. Auch heute haben Föten vor der 24. Schwangerschaftswoche keine realistische Chance darauf, das Krankenhaus lebend zu verlassen. Die Abtreibungsgegner mussten also ihre Plakate unverrichteter Dinge wieder einpacken.

Und, dies ist wohl eine der größten Überraschungen: Gordon Brown, dem Premierminister im Pech, hat die zweitägige Mammut-Abstimmung über das neue Embryonen- und Fertilitätsgesetz neue politische Macht gegeben. Er hatte sich zuvor entschieden und deutlich gegen eine Veränderung ausgesprochen. Es scheint als hätte er - nach einer Durststrecke parlamentarischen Ungehorsams - diesmal die Mehrheit im Parlament hinter sich gebracht.

Cornelia Fuchs

Cornelia Fuchs London ist der Nabel der Welt und Europa immer noch "der Kontinent". stern-Korrespondentin Cornelia Fuchs beschreibt in ihrer wöchentlichen stern.de-Kolumne das Leben zwischen Canary Wharf und Buckingham Palace, zwischen Downing Street und Notting Hill.

Ihre Meinung

In Großbritannien gilt nach wie vor eines der liberalsten Abtreibungsgesetze. Was halten Sie davon? Diskutieren Sie mit.

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (1)
Von Cornelia Fuchs, London
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
Eisenbaer (22.05.2008, 16:16 Uhr)
Die Kreatonisten...
...müssten sich meiner Überzeugung nach unbedingt einmal fragen, wer ihnen solche hirnverbrannten Ideen in den Kopf gepflanzt hat. Die Erde wurde binnen sechs Tagen erschaffen und Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild. Letzteres mag sein, aber deshalb Gott den Menschen gleichzusetzen halte ich für eine ausgewachsene Blasphemie. Soll heißen: Ein Tag für Gott, sind wie viele Tage für einen Menschen? Tatsächlich nur "einer", sind wir denn Gott gleich? Nein, doch nur nach seinem Ebenbild geformt. Unser Schatten an einer Wand ist uns auch gleich geformt, aber ist dieser Schatten auch ein Mensch?

Den Kreatonisten ist eines gleich: Sie begreifen Gott nicht in seiner Größe, sondern "schrumpfen" ihn auf ihre persönliche, kleinkarierte An-Sicht herunter. Sie sind halt nur Kleinkinder Gottes, begreifen noch nichts, sind aber ungemein stolz auf ihre Unschuld. Sie mögen sich im Paradise lebend wähnen, befinden sich in Wahrheit aber in ihrer persönlichen kleinen Hölle.
MEHR ZUM ARTIKEL
USA Kreationismus im Klassenzimmer

Die Gesetzeslage in den USA ist klar: Der religiös verankerte Kreationismus hat im Biologieunterricht nichts zu suchen. Darwins Evolutionstheorie ist fester Bestandteil des Lehrplans. Doch was passiert, wenn - wie eine aktuelle Studie zeigt - 16 Prozent der Lehrer selbst glauben, dass der Mensch vor 10.000 Jahren von Gott geschaffen wurde? mehr...

Schwangerschaftsabbruch Spanische Abtreibungskliniken streiken

Weil die Behörden mehrere Kliniken wegen vermutlich illegalen Schwangerschaftsabbrüchen geschlossen haben, sind spanische Abtreibungskliniken in den Streik getreten. Rund 2000 Frauen können deswegen nicht behandelt werden. mehr...

Ministerpräsident Sachsen-Anhalt Böhmer, die DDR und die toten Kinder

Die vielen Kindstötungen in Ostdeutschland sind ein Erbe der Abtreibungspraxis der DDR. Mit dieser These stößt Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer auf heftige Kritik. Zwar sehen Experten bei Abtreibungen durchaus einen Mentalitätsunterschied zwischen Ost und West. Aber ist das der Grund für die toten Kinder? "Quatsch". mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe