22. Dezember 2005, 10:08 Uhr

Hier wohnt die Kanzlerin

Natürlich könnten Joachim Sauer und seine Frau Angela Merkel ins Kanzleramt umziehen. Doch die beiden wohnen lieber in einem Mietshaus in Berlin-Mitte. Ein Besuch im Merkelschen Viertel.

Die Straße Am Kupfergraben, gegenüber der Museumsinsel: Im Haus vorn links arbeitet Richard von Weizsäcker, im mittleren der Häuser hinten links wohnt die Kanzlerin, in Nr. 6©

Dezembermorgen, düster, leise, alle Häuser dunkel im Kupfer graben an der Spree. Es ist der einundzwanzigste Morgen, an dem sie als Bundeskanzlerin erwacht. Es ist der Morgen, an dem sie weiß, dass sie im Parlament eine wichtige Aussprache verfolgen wird, die Aussprache über CIA und Folter und Entführung. Draußen nichts als klammes Dunkel. Keimender Tag. Einer, der niemals hell werden wird. Sie macht Licht in allen Zimmern. Hetzt hierhin. Hastet zurück. Schwarze Silhouette hinter lichten Fenstern. Unten wartet der Chauffeur. Sie knöpft ihre Jacke zu. 7.15 Uhr, sie muss los. Angela Merkel steigt in den Aufzug.

Gegenüber, im Pergamonmuseum, zieht Herr Peters mit dem Wischmopp seine Bahnen vor dem berühmten, uralten Altar. In knapp drei Stunden muss er fertig sein. Dann kommen die Besucher. Dann wird die rumänische Bettlerin draußen im Rinnstein sitzen und ihr Plastikschild den eiligen Menschen entgegenhalten: "Zu Hause habe ich drei hungernde Kinder." Dann wird Herr Mucatar ein Haus weiter das Tor zu seinem Imbiss aufschließen und den Stehtisch auf den Kunstrasen vor dem Tresen rücken. Dann wird die Garderobiere müde von der Schicht im "Gold Club" nach Hause fahren und vielleicht von den vielen Mänteln der vielen Männer träumen, die heute Nacht die tanzenden Mädchen in den Käfigen betrachtet haben. Dezembermorgen, düster, leise, im Kupfergraben an der Spree.

Eine merkwürdige Straße, dieser Kupfergraben. So viel Grau. So viele Baustellen. So kalt und windig und leer. Die Straßenbahnen rattern träge um die Kurve. Die Spree dümpelt im steinernen Bett um die Museumsinsel herum. In der Fassade des düsteren Hauses an der Ecke erzählen Einschusslöcher vom Krieg. Nebenan geht Richard von Weizsäcker in der altehrwürdigen Atmosphäre des barocken Magnus-Hauses seinen alterspräsidialen Pflichten nach. Vor seinen Fenstern hetzen Tausende Touristen auf überdachten Baustellenstegen von einem Museum zum nächsten. Überall prächtige Bauten von des Königs Architekten Schinkel. Hohe Kunst. Antike. Alles wertvoll. Alles vergangen.

Eine merkwürdige Strasse, dieser Kupfergraben. Ein merkwürdiges Zuhause, diese gelb gestrichene Nummer 6, in der Angela Merkel mit ihrem Ehemann Joachim Sauer den vierten Stock bewohnt. Ein merkwürdiges Viertel, dieses Merkelsche Viertel, dieser eine Quadratkilometer Berlin zwischen der geschäftigen Friedrichstraße und der bunten Oranienburger, zwischen den exquisiten Unter den Linden und dem verwinkelten Hackeschen Markt.

Objektschutz: Roman Preiß (l.) und Dirk Neumann vor dem Eingang zu Merkels Wohnhaus©

Früher, bevor die Wiedervereinigung diese Gegend zur modischen Mitte Berlins werden ließ, regierte das Stasi-Wachregiment Felix Dzierzynski die Straßen und Plätze. Dann, nach der Wende, kamen Käufer und Investoren, Leute wie Herr Meermann, der heute den Merkels die Wohnung vermietet. Seine Immobilienfirma gibt gern ein bisschen an mit diesen exklusiven Mietern. Auf Werbeseiten im Internet steht über das Haus geschrieben, dass es bereits eine "gute und prominente Mieterstruktur" gebe. 20 Euro der Quadratmeter. Plus Nebenkosten.

Viele Büros in diesem Doppelhaus. Die Deutsch-Britische Gesellschaft. Architekten. Rechtsanwälte. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Ottmar Schreiner. Und eben die Merkel-Sauers. Gut und prominent. So gut und prominent, dass vor der Tür rund um die Uhr zwei Objektschützer Wache schieben. Sie schlendern den Bürgersteig entlang. Sie drehen ihre Runden durch den bambusbewachsenen Innenhof. Und manchmal, selten, da stehen sie auch auf dem edlen Mosaikboden im Hausflur herum und wärmen sich für ein paar Minuten die frostigen Glieder.

An dem Tag, an dem Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten die Föderalismusreform im Kanzleramt berät, schieben Dirk Neumann und Roman Preiß die Zwölf-Stunden-Schicht vor ihrer Wohnung. Morgens um sieben haben sie den Dienst übernommen. Zwei Stunden Schlendern und Frieren, dann kommt die Ablöse. Eine Stunde Aufwärmen im schäbigen Pausenraum, zehn Minuten vom Kupfergraben entfernt. Dann wieder Schlendern und Frieren. Mit zusammen- gekniffenen Augen beobachten sie jedes geparkte Auto, jeden lungernden Jugendlichen, jeden der vielen Neugierigen, die die Stufen zur Haustür hochsteigen und in die runde Linse der Sicherheitskamera schauen und das goldene Klingelschild lesen und murmeln: "Aha, das stimmt also wirklich. Hier steht "Prof. Sauer". Das ist doch Merkels Mann."

Auf dem Klingelschild der Nummer 6 sind neben "Prof. Sauer" einige fantastisch klingende Namen zu lesen. Fantasienamen. Von oben nach unten gelesen heißen die angeblichen Mieter: Lustig. Ganz. Schön. Lustig. Oder. Ganz schön lustig, oder? Herr Neumann und Herr Preiß sind eben nur die, die die Wohnung der Kanzlerin von draußen schützen. Drinnen haben sich Beamte des Bundeskriminalamtes eingemietet - Beamte, die kleine Klingelscherze lustig finden. Eigentlich hätten sie es lieber gesehen, wenn Frau Merkel in eine frei stehende Villa gezogen wäre. Oder in die Wohnung im Kanzleramt. Nun wohnt Merkel noch immer in diesem schwer zu schützenden Objekt. Mitten zwischen Fensterfronten auf allen Seiten, riesigen Baugerüsten an den Museumsmauern gegenüber, massenweise Publikumsverkehr, Bussen und Baufahrzeugen - mitten im normalen Leben dieses Quadratkilometers Berlin, von dem sie so wenig mitbekommt.

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