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Angst vor Flüchtlingen? Entspann' dich mal, Alter!

Gerade ältere Generationen fürchten die hohen Flüchtlingszahlen als Bedrohung für ihren erarbeiteten Wohlstand, ihre vertraute Umgebung. Junge Menschen sehen das Fremde hingegen meist als Chance - und sollten den Alten daher Vorbild sein.

Von Andreas Petzold

Eine junge Helferin versorgt in Berlin einen Flüchtling mit Essen

Keine Berührungsängste: Anders als ihre Eltern oder Großeltern begegnen junge Menschen Flüchtlingen meist völlig unaufgeregt und frei von Ängsten

Ein ziemlich bewegtes Jahr geht zu Ende, in einem zutiefst verängstigten Land. Die meisten Deutschen, das belegen die Umfragen der vergangenen Wochen, kommen mit der von Angela Merkel aufgezwungenen Courage nicht zurecht. Eine Million Flüchtlinge sind in diesem Jahr in Deutschland aufgenommen worden. Und es ist kein Grund erkennbar, warum diese Zahl 2016 sinken sollte. Das Problem: Aus rational nicht nachvollziehbaren Gründen glauben viele Deutsche, dass die Migranten einen heimtückischen Angriff auf ihren hart erarbeiteten Wohlstand planen, sei er nun bescheiden oder üppig.

Es geht nicht um die Sympathisanten der AfD oder von Pegida, deren Ängste von Extremisten politisch missbraucht werden, um sie in die rassistisch-rechtsnationale Ecke zu steuern. Gemeint sind jene, die ihr Unbehagen nicht gleich in politischen Widerstand verwandeln, die sich nicht von plattem Rassismus und Islamophobie einfangen lassen.

Emotionen zwischen Unwohlsein und Zorn

Diesen Millionen Ängstlichen geht es vor allem um Besitzstandswahrung. Sie fragen sich, ob sich ihre vertraute Umgebung verändert, weil Flüchtlinge den angestammten Lebensraum mitbenutzen, den man doch eigentlich für sich und seinesgleichen für den Rest des Lebens reserviert hat. Sie fragen sich, ob am Arbeitsplatz neue Konkurrenten auftauchen? Ob die Mieten teurer werden, weil Asylbewerber auf den Wohnungsmarkt drängen? Ob die neuen Fremden die Zahl der Straftaten nicht doch steigern werden und den Terrorismus ins Land tragen?

Je nach Temperament erwachsen daraus Emotionen zwischen Unwohlsein und Zorn. Überwiegend betrifft dies die Älteren, die sich mit Kindern, Familie, einem Job und Freunden einen strukturierten Alltag geschaffen haben - niedergelassene Lebensentwürfe, die Sicherheit und Halt geben. Und in den vielen Gesprächen über den Gartenzaun hinweg bestärken sie sich gegenseitig in ihrer Verunsicherung, dass die Welt doch aus den Fugen geraten ist. Dafür lässt sich Verständnis aufbringen - einerseits! Andererseits lässt sich die Lebensqualität deutlich steigern, wenn man die neue Realität nicht allzu verbissen bekämpft.

Jungen Menschen macht das Fremde keine Angst

Wie das geht, führt die junge Generation vor. Ihre Haltung gegenüber den Flüchtlingen ist offen, unaufgeregt und überwiegend entspannt. Und damit sind sie ihren Eltern und Großeltern meist weit voraus. Sie können mit deren Ängsten nichts anfangen, weil sie mit alldem aufgewachsen sind, was den Alten Furcht einflößt. Sie waren vielleicht zehn Jahre alt, als Osama bin Laden das World Trade Center in New York zum Einsturz bringen ließ und mehr als 3000 Menschenleben auslöschte. Sie haben in den Jahren darauf den Terror in London, Madrid und auf Bali verfolgt, den Irak-Krieg, den Terror in Paris oder die drei Cafébesucher in Sydney, die ein iranischer Islamist an einem kühlen Nachmittag tötete. Die jüngeren betrachten Terrorismus als eine Art Lebensrisiko, "so, wie ihr in den Siebzigerjahren dem Risiko ausgesetzt gewesen seid, bei einem Verkehrsunfall zu sterben", sagte mir unlängst ein Maschinenbaustudent. 1970 gab es in Deutschland fast 20.000 Verkehrstote.

Migrantenströme machen jedenfalls jungen Menschen keine Angst, wenn sie nicht zu den wenigen gehören, die in ihrer Perspektivlosigkeit den Rechtsextremismus als Lebensziel entdeckt haben. Die anderen, die ganz große Mehrheit, sieht seit Jahren die TV-Bilder von Schlauchbooten voller Flüchtlinge im Mittelmeer, angeschwemmte Leichen und Kriegsflüchtlinge. Alles - leider - ganz alltäglich. Die Jüngeren trennen ihre Freundeskreise nicht nach Religionen. In ihren digitalen Netzwerken und den vielen Kurzzeitjobs werden Nationen und Ethnien durcheinander gewürfelt, ganz normal ist das, Herkunft ist allenfalls Folklore. Sie reisen für wenig Geld um die Welt und machen so das Fremde zur Normalität. Die jungen Menschen werden groß mit dem, was den Alten Angst macht. Für die einen endet der Horizont am Vorgartenzaun, für die anderen an der Datumsgrenze. 

"Ey, entspann' mal Dein Leben, Alter!"

Mag sein, dass in dieser Beschreibung der 20- bis 30-Jährigen eine Prise von übertriebenem Silvester-Optimismus steckt. Und natürlich gibt es Siebzigjährige, die mindestens so aufgeschlossen sind wie ihre Enkel. Aber die unterschiedlichen Einstellungen gegenüber den Flüchtlingen und den angeblichen Bedrohungen, die mit ihnen ins Land kommen, sind spürbar. Man kann den Verzagten und Ängstlichen fürs neue Jahr nur wünschen, dem Rat der Jüngeren zu folgen: "Ey, entspann' mal Dein Leben, Alter!"

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