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8. Februar 2009, 11:43 Uhr

"Ich habe nie gesagt: Was für ein geiler Job"

Er will zurücktreten, darf aber nicht. Muss bleiben in einem Amt, das er vom ersten Tage an hasste. Wo er sich missbraucht fühlte von Edmund Stoiber, der es ihm aufgezwungen hat. Und im Stich gelassen von Angela Merkel. Aus einem Gespräch mit Michael Glos im vergangenen Jahr, das schon damals einen müden, selbstkritischen Mann zeigt. Von Hans Peter Schütz

Michael Glos, Rücktritt, Aufgeben, amtsmüde

"Ich bitte dich, mich von meinen Ministerpflichten zu entbinden", soll Bundeswirtschaftsminister Michael Glos in einem Brief an CSU-Chef Seehofer geschrieben haben© Axel Schmidt/ddp

Anna Netrebko singt im Ministerbüro. Der Mann am Schreibtisch genießt die Stimme der Donna Anna in Mozarts Don Giovanni, die aus der Steroanlage perlt. Glücklich sieht Michael Glos für Sekunden aus. Dann holt er sich mit einem Satz zurück in die Welt des Bundeswirtschaftsministers, die er seit langem hasst. "Meine Frau hat mich gefragt: Weshalb tust du dir das an, diesen Job, in dem so viel über dich geschrieben wird, was dir Unrecht tut."

Weshalb hat Michael Glos das Amt des Bundeswirtschaftsministers überhaupt angenommen?

"Ich kam am Willen der CSU-Landesgruppe im Bundestag nicht mehr vorbei, nachdem sich Edmund Stoiber entschieden hatte, nicht in diesem Ressort in der Bundespolitik anzutreten, sondern lieber weiter mit segnender Hand Subventionen in Bayern verteilen wollte." Außerdem drängelte Angela Merkel, sagt Glos. "Sie wollte mich schon früher als Minister haben. Aber ich habe nie damit gerechnet, dass es so kommt." Er hat ihr getraut, bis in die letzten Monate hinein. "Als es mir schlecht ging im Wirtschaftsministerium, als schon spekuliert wurde, ob ich gefeuert werde, hat sie mich zu einem Kaffee eingeladen und zu mir gesagt: Das stehst du durch, denn ich stehe hinter dir."

Das sah dann so aus: Wenn Glos im Bundestag sprach, simste sich die Kanzlerin eifrig nach draußen. Als die Wirtschaftskrise gemeinsame Auftritte mit dem ersten CSU-Mann im Wirtschaftsministerium verlangt hätte, präsentierte sich die CDU-Kanzlerin lieber mit SPD-Finanzminister Peer Steinbrück. Hat Michael Glos in seinem Amt selbst Fehler gemacht, die Bürde des Amts unterschätzt? "Am Anfang habe ich zu viel Distanz zum Ministeramt erkennen lassen. Ich habe nie gesagt: Was ein geiler Job! Und was ich über die Ministerwürde dachte, das hat man mir auch angesehen," räumt der Mann ein, der von sich selbst einmal gesagt hatte, "ich wünsche meinem Land nicht, dass es ihm so schlecht geht, dass es mich als Minister braucht." Der Satz habe ihn bis heute verfolgt. "Meine unbesiegbare Spottlust wird mir eben immer als Schwäche ausgelegt."

Das Ministerium war ein Stoiber-Haus

Weshalb hat er ein Jahr gewartet, ehe er sich mit Walther Otremba einen beamteten Staatssekretär geholt hat, der das Ministerium endlich arbeitsfähig machte? "Ich habe ja selbst lange gar nicht gewusst, wo das Wirtschaftsministerium in Berlin überhaupt lag. Das war außerdem ein Stoiber-Haus als ich ankam. Er hatte im Ressort schon seinen Hofstaat versammelt, aber dann kam er nicht. Otremba wollte ich ja von Anfang an, aber den zu holen lehnte Stoiber ab, weil der ja früher schon für den von ihm ungeliebten Theo Waigel gearbeitet hatte."

Auch andere personelle Erblasten lasteten auf dem neuen Minister. Er holte sich den CSU-Politiker und Europaspezialisten Joachim Wuermeling als beamteten Staatssekretär in Haus, "weil die deutsche EU-Präsidentschaft vor der Tür stand und ich die Themen nicht kannte. Nach acht Wochen war mir klar, dass seine Berufung ein schwerer Fehler war." Wuermeling habe nie selbstlos für ihn gearbeitet. Der gab auch alsbald zu: "Die Chemie zwischen uns stimmt nicht."

Eitelkeiten unterschätzt

Auch mit Staatssekretär Bernd Pfaffenbach, einst wirtschaftspolitischer Chefberater von SPD-Kanzler Schröder, kam Glos von Anfang an nicht klar. "Mein Fehler war, dass ich die Eitelkeiten des Hauses und die des Herrn Pfaffenbach verletzt habe. Ich habe es nämlich gewagt, eine eigene Meinung zu haben bei der Prognose des Wirt-schaftswachstums und ich hatte mit meiner Prognose recht." Zu mehr Ansehen im Hause habe ihm das nicht verholfen, im Gegenteil. "Das war dumm für mich. Und es hilft ja nichts, wenn am Grabstein steht, er hatte Vorfahrt."

Weshalb hatte Michael Glos praktisch vom ersten Tag an eine schlechte Presse? "Als ich antrat, wusste ich noch nichts von dem bei den Wirtschaftsjournalisten üblichen Rudeljournalismus. Man hat mir angemerkt, dass ich nicht sehr glücklich war. Und bevor die ersten 100 Tage um waren, erschien der "spiegel" mit einem niedermachenden Porträt auf dem Markt. Daraus wurde dann eifrig abgeschrieben." Sein Problem sei vor allem gewesen, dass er "früher wenig operative Arbeit" gemacht habe. "Ich war unterwegs in der Außenpolitik, war im Haushaltsausschuss, war mal steuer- und finanzpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion." Er habe den Verbraucher im Mittelpunkt seiner Arbeit als Wirtschaftsminister gesehen. "Das hat die Wirtschaftsjournaille nie akzeptiert. Die wollen dass der Wirtschaftsminister nur für die Wirtschaft da ist."

Nur ein gespielter Choleriker

Ist er an den SPD-Ministerkollegen gescheitert? Mit Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier konnte er. "Wir haben bei den Koalitionsgesprächen gemeinsam die Außenpolitik gemacht. Am Ende sagt sagte Steinmeier: Schade, dass sie nicht mein Kollege im Kabinett werden, wir haben gut zusammengearbeitet." Im Kabinett sitzt Glos neben Peer Steinbrück, der ihn in der Krisen-Bewältigung so ausgebootet hat. "Wir duzen uns, obwohl mein Ressort ein rotes Tuch für ihn ist. Er ist ein echter Choleriker, ich bin ein gespielter."

Bei seiner Rücktrittsdrohung könnte auch er ein echter gewesen sein.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Benkku (08.02.2009, 20:22 Uhr)
@cba38
Nach Lektüre der Recherche "Kontraste" vom rbb möchte ich meinen Ausdruck "stümpern" durch das von Ihnen benutze Wort "Gesetze verbiegen" ergänzen.
cba38 (08.02.2009, 19:21 Uhr)
Tschuldigung.
Entschuldigung, ich vergaß Seehofer, den Gesetzeverbieger.
Er wersucht sich grad am Informationsfreiheitsgesetz, um zu vermeiden, das die BAFIN jedem Bürger Akteneinsciht geben muss.
Damit Banker und Politiker, die in Sachen Finanzkrise versagt oder bewusst Fehlentwicklungen in kauf genommen haben, zu schützen.
Bericht: http://www.rbb-online.de/_/kontraste/beitrag_jsp/key=rbb_beitrag_8545983.html
Seehofer solch sich Glos gleich anschliessen!!
cba38 (08.02.2009, 19:15 Uhr)
I moag net mehr!
Meine Güte, wann hat die bayrische CSU in letzter Zeit einen Politiker hervorgebracht, der Verantwortung in der Bundespolitik übernommen hat??
Die können in Bayern eine grosse Klappe haben, mehr nicht.
Jetzt wo es richtig schwierig wird, hat Glos keine Lust mehr. Oder ist ihm dieser Berliner Politkasperverein Namens Bundesregierung suspekt geworden?
Dort kann man auch nicht nach Gutsherrenart ALLEIN, wie die CSU in Bayern, entscheiden. Damit kommt die CSU anscheinend nicht klar.
Als Gysi in Berliner Senat hingeworfen hat, WAS sind sie über ihn hergezogen.
Stoiber, Huber, Glos, die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.
Ersterer wurde in Brüssel endgelagert (Hohlmeier gleich hinterher), Huber wurstelt sich in Bayern durch und Glos ergreift in solch schwierigen Zeiten gleich mal die Flucht.
Das Schlimme ist, das solche Rückzieher weich fallen. Ein normaler Arbeitnehmer kann nicht so einfach sagen "Ich will nicht mehr".
Da kommt gleich die Arbeitsagentur und sagt "Du hast deine Arbeitslosigkeit selbst verschuldet, Strafe muss sein".
Die Gesetze gelten anscheinend nicht für die, die sie gemacht haben.
Benkku (08.02.2009, 18:52 Uhr)
... und das Schlimme daran ist,
sollte sich der Mehlsack zum Verbleib bewegen lassen: Die schwache Führung braucht Nieten und stümpert so weiter und so fort.
Georges13437 (08.02.2009, 18:20 Uhr)
Keinen Arsch in der Hose
Wenn er wirklich zurücktreten will, soll er es machen, denn diesen Schritt kann nur er machen und da muß er niemanden fragen. Wie immer zeigt sich seine Weichheit, er hat einfach keine Power und war nie der richtige Mann für dieses Amt, obwohl er menschlich nicht der Schlechteste unter den Ministern ist.
Georges
Ernst_Derlage (08.02.2009, 17:20 Uhr)
Unser neuer Wirtschaftsminister...
...muss folgende Qualifikationen mitbringen:
1. Er darf kein Oberbayer sein
2. Er darf kein Niederbayer sein
3. Er darf kein Schwabe sein
4. Er muss aus dem Frankenland kommen. Und natürlich CSU-Mitglied, selbstverständlich!

Das reicht doch wohl, oder?
susiwolf (08.02.2009, 17:10 Uhr)
vorbereitet: Der Mühlenmarsch nach Berlin ...
Im Scheinwerferlicht der aktuellen deutschen Politik wird Michael Glos noch in Amt und Würden verharren. Die Suche nach innerem Abstand beginnt für den Bundesminister für Wirtschaft und Technologie allerdings erst Pfingsten.
Am Pfingstmontag wird er einen Marsch auf Berlin vorbereiten - anführen, um alle Mühlen, wie es sie in Deutschland gibt, anzusteuern. Sozusagen symbolhaft für den Kurs der Schwarzen und deren Politik wird auch eine Bannmühle besucht.*)
Dieser Marsch wird viele Anhänger finden. Interessanterweise werden Tür und Tor geöffnet von Hammer-, Kugel-, Strahl-, Schneid-, Trommel- und Walzenmühlen.
Herr Glos hat viel zu erzählen ... auch aus seinem Leben ... und nun die Abkehr.
Was da wohl alles passiert....
*) die Bannmühle oder auch der Mühlenzwang verpflichtete alle Untertanen eines Grundherren ihr Getreide ausschl. dort mahlen zu lassen. Verstöße gegen dieses Bannrecht wurden bestraft.
Latze (08.02.2009, 16:39 Uhr)
Unfassbar,
welch unbrauchbarer Schrott wir in der Regierung durchschleppen. Resoucen werden mit Leuten besetzt die kaum Ahnung vom Fach haben und die ganze Sache den Tag über aussitzen. Hier ist deutlich zu erkennen wer Deutschland wirklich regiert und das Sagen hat, nämlich die Lobbyisten!
Da kann man es doch mit den Zeugen Jehovas gleichtun und ganz laut rufen: DEUTSCHLAD ERWACHE!!!!!!
Benkku (08.02.2009, 16:32 Uhr)
Politischer Paukenschlag?
Wie man es nimmt, vorallem ist der Fall (Lethargie) aber symptomatisch. Es gibt Parallelen zu Fehlbestzungen auf der ganzen Linie, ganz ganz oben angefangen, nur mit dem Unterschied, daß die Postenverwalter sich - da angekommen - für unentbehrlich halten und nicht von selbst den Hut nehmen. Das Gestümper in den oberen Etagen ist nie so krass hervorgetreten wie gerade in den beiden letzten Legislaturperioden. Besonders hervorgetan durch Erfolglosigkeit (am effektiven Ergebnis zu urteilen) haben sich dabei nach meiner unmaßgeblichen Beobachtung folgende "Wassereimer": Merkel, Glos, Tiefensee, Aigner, Schavan, Leyen etc. Die Reihe ließe sich unendlich weit fortsetzen. Symptomatisch ist, daß eine schwache Führung unter sich nur Nieten duldet.
Akorahil (08.02.2009, 16:07 Uhr)
Was hat ihn je zum Minister qualifiziert?
Das Image von Glos hat er sicher nicht nur den Journalisten zu verdanken. Man sieht und hört Politiker ja auch „ungefiltert“ (Parteitage, Interviews in Funk und Fernsehen etc) und da hat er nie als scharfer Denker geglänzt.
Ich hoffe Deutschland bekommt endlich einen besseren...
Lustig übrigens was im Nachhinein so alles über das Innenleben der CSU bekannt wird. Noch ein paar Monate, und die CSU-Mannen werden Stoiber für so ziemlich ALLES verantwortlich gemacht haben ausser für schlechtes Wetter auf dem Mond und Brunnenvergiftung.
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