Ein günstiger Privatkredit war der Anfang. Am Ende stürzte Bundespräsident Wulff über Gratisurlaube und seine Beziehung zu reichen Unternehmern. Nun wird er feierlich verabschiedet. Ein Rückblick.

Immer wieder kamen neue Details rund um Christian Wulffs Beziehungen zu reichen Unternehmern ans Licht. Am Ende blieb dem Bundespräsidenten nur noch der Rücktritt© John Macdougal/AFP
Begleitet von Kritik und Kontroversen wird Ex-Bundespräsident Christian Wulff am Abend in Berlin aus dem Amt verabschiedet. Der Große Zapfenstreich im Park von Schloss Bellevue ist das politische Ende einer Affäre, die drei Monate lang die Republik in Atem hielt, und deren juristisches Nachspiel noch andauert. Sie begann mit einem günstigen Privatkredit für Wulffs Haus in Niedersachsen.
Christian Wulff, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, bekommt von der Unternehmergattin Edith Geerkens zu günstigen Bedingungen einen Privatkredit über 500.000 Euro zum Kauf eines Hauses.
Wulff antwortet auf eine mündliche Anfrage im niedersächsischen Landtag, dass es zwischen ihm und dem Unternehmer Egon Geerkens in den vergangenen zehn Jahren keine geschäftlichen Beziehungen gegeben habe.
Bundespräsident Christian Wulff ruft von einer Auslandsreise in Kuwait "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann an, um einen Bericht zur Finanzierung seines Privathauses zu verhindern oder zu verschieben. Auf Diekmanns Mailbox droht er Medienberichten zufolge den "endgültigen Bruch" und "Krieg" mit Springer an, falls die Geschichte erscheint.
Meldungen der "Bild" und von stern.de über Wulffs umstrittene Hauskauf-Finanzierung bringen den Präsidenten in Erklärungsnot.
Während Wulff noch in der Golfregion unterwegs ist, verbreitet das Bundespräsidialamt eine Stellungnahme. Wulff habe im Landtag keine falschen Angaben gemacht. Zugleich wird eingeräumt: "Es bestand eine Vereinbarung mit Frau Edith Geerkens zu einem Darlehen aus ihrem Privatvermögen." Wulff selbst äußert sich nicht.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht Wulff ihr "volles Vertrauen" aus. Sie sehe keinen Grund, seine Angaben zu bezweifeln. Die niedersächsischen Grünen wollen prüfen lassen, ob Wulff gegen das Ministergesetz des Landes verstoßen hat, das die Annahme vergünstigter Kredite verbietet. Zugleich werden neue Details über Kontakte Wulffs zum den Geerkens bekannt. Wulff soll laut Medienberichten ihre Hilfe auch in Anspruch genommen haben, als er den Privat- durch einen Bankkredit ablöste. Zudem soll Egon Geerkens 2008 und 2009 insgesamt dreimal einer Wirtschaftsdelegation Wulffs angehört haben.
Der Bundespräsident bricht sein Schweigen: "Ich erkenne an, dass hier ein falscher Eindruck entstehen konnte. Ich bedauere das", heißt es in einer Mitteilung. "Es wäre besser gewesen, wenn ich auf die Anfrage der niedersächsischen Abgeordneten im Landtag über die konkreten Fragen hinaus auch diesen privaten Vertrag mit Frau Geerkens erwähnt hätte." In der Sache habe er nichts zu verbergen.
Nach einem Bericht des "Spiegel" lassen Äußerungen von Egon Geerkens den Schluss zu, das Geld für das Darlehen stamme von ihm selbst. Das Darlehen sei über ein Konto seiner Frau gezahlt worden, für das er aber eine Vollmacht habe. Er selbst habe verhandelt und überlegt, "wie das Geschäft abgewickelt werden könnte". Der Kredit stamme von Frau Geerkens, bekräftigt hingegen Wulffs Anwalt. Im Auftrag der Unternehmer bestätigt ein weiteres Anwaltsbüro, der Vertrag sei mit Frau Geerkens geschlossen worden, die Rückzahlung sei auf ihr Konto erfolgt.
Die Opposition verschärft ihre Kritik am Bundespräsidenten. SPD und Grüne verlangen, Wulff müsse alle Fakten auf den Tisch legen. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Erwin Lotter fordert ihn sogar zum Rücktritt auf. "Man muss selber wissen, was man macht", sagt Wulff der Nachrichtenagentur DPA. "Das muss man verantworten - das kann ich." Verfassungsrechtler äußern die Vermutung, Wulff habe mit der Annahme des Kredits womöglich das Gesetz gebrochen.
Der Bundespräsident räumt insgesamt sechs Urlaube in Anwesen befreundeter Unternehmer ein. Aus einer über seine Bonner Kanzlei vorgelegten Liste geht hervor, dass er seit 2003 drei Mal einen Privaturlaub in Häusern des Unternehmerpaares Geerkens verbrachte. 2008 und 2009 waren die Wulffs demnach außerdem beim Hannoveraner Finanzunternehmer Wolf-Dieter Baumgartl in Italien und dem Unternehmer-Ehepaar Angela Solaro und Volker Meyer auf Norderney zu Gast.
Merkel gibt Christian Wulff erneut Rückendeckung. Zugleich gibt es neue Enthüllungen über private Geldgeber in Wulffs Freundeskreis. Laut "Bild" wurden Zeitungsanzeigen, mit denen im Herbst 2007 während des niedersächsischen Landtagswahlkampfs für das Christian-Wulff-Buch "Besser die Wahrheit" geworben wurde, von dessen Unternehmerfreund Carsten Maschmeyer bezahlt.
Wulffs Anwalt betont, sein Mandant habe von den Zahlungen Carsten Maschmeyers nichts gewusst. Die Sitzung des Ältestenrats im Landtag in Hannover, auf der eine gemeinsame Linie zur Klärung der Vorwürfe gegen Wulff gefunden werden sollte, endet nach kurzer Zeit im Streit zwischen Regierung und Opposition.
Die Anwälte Christian Wulffs räumen gegenüber dem stern erstmals ein, dass der Unternehmer Egon Geerkens vor Wulffs Hauskauf in Großburgwedel den Politiker bei der "Suche nach einer geeigneten Immobilie" beraten habe. Geerkens Frau Edith habe dann die Gewährung eines Privatkredits angeregt. Wulffs Anwalt Gernot Lehr erklärt in einer Stellungnahme, aus der die "Welt" zitiert: "Die Modalitäten wurden gemeinsam besprochen, das Darlehen von Frau Edith Geerkens gewährt." Angesichts wachsenden Drucks auf Wulff fordern führende Mitglieder aus CDU und FDP ein Ende der Debatte. In der Weihnachtsansprache, so verlautet aus Teilnehmerkreisen, nimmt Wulff keine Stellung zur Kreditaffäre. Die Rede wird an diesem Tag aufgezeichnet, aber erst am 25. Dezember ausgestrahlt.
Der Bundespräsident entschuldigt sich öffentlich für die entstandenen Irritationen. Zugleich entlässt er seinen Sprecher Olaf Glaeseker ohne offizielle Angabe von Gründen. Einen Tag später enthüllt stern-Reporter Hans-Martin Tillack die Hintergründe: Glaeseker war offenkundig über seine engen Kontakte mit Partykönig Manfred Schmidt gestolpert.