Gut gemacht, Frau Schröder!

21. Dezember 2012, 12:15 Uhr

Sie macht nicht vieles richtig, aber das schon: Familienministerin Schröder hat darauf verwiesen, dass Gott kein Geschlecht haben könne. Ein irritierender Gedanke für ihre stumpfen Parteifreunde. Ein Kommentar von Lutz Kinkel

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Ohne "Neger": Vorlesestunde mit Familienministerin Kristina Schröder (CDU)©

Wenn, beispielsweise, Rudolf Scharping erklären würde, 2 plus 2 seien 4, dann hätte er zweifellos Recht. Auch wenn er mal mit der Gräfin im Pool geplantscht hat und das Amt des Verteidigungsministers schmachvoll quittieren musste. Nun hat niemand die Absicht, Familienministerin Kristina Schröder mit Rudolf Scharping zu vergleichen. Aber: Wenn Schröder - eine zu Recht oft kritisierte Ministerin - im "Zeit"-Interview sagt, dass der geschlechtsspezifische Artikel für Gott keine Rolle spiele, dass man auch sagen könnte: "das liebe Gott" - dann hat sie Recht. Gott ist in der christlichen Religion ein universales Prinzip, das natürlich über den Geschlechtern steht. Oder will irgendwer behaupten, Gott dürfe nur auf die Herrentoilette?

Die Traditionalisten und Populisten in der Union fallen jetzt mit unglaublicher Häme über Schröder her - und zwar ausgerechnet die Frauen. Ganz vorne weg: Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU). Das sei "verkopfter Quatsch", sagt sie, man dürfe Kindern nicht die "starken Bilder" nehmen. Katerina Reiche (CDU), Staatssekretärin im Umweltministerium, stöhnt auf: "Der liebe Gott bleibt der liebe Gott!". Und Digitalprinzessin Dorothee Bär (CSU) twitterte: "Meine Priorität in der Frauenpolitik liegt auf Quote und Equal Pay. Nicht auf: "das" liebe Gott..." Dahinter setzte sie den kessen Hashtag #justsaying.

Vehikel für die Rache

Das ist es aber eben nicht: #justsaying. Bär benutzt Schröders Interviewäußerung als Vehikel, um auf ihre Politik einzudreschen. Das ist ziemlich billig, weil das eine nichts mit dem anderen zu tun hat, und weil das Argument "Es gibt doch Wichtigeres zu tun" wohlfeil ist. Ja: Es gibt, je nach Perspektive, immer Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel könnte Bär die Steuergelder, die ihr über das Abgeordnetenmandat zukommen, auch anders einsetzen als selbstverliebte Banalitäten zu zwitschern ("Nach drei Stunden #TXL nicht aus dem Kopf zu kriegen: Ohrwurm: "I wish I was at home - for Christmas!""). Oder sich, so hinten rum, an einer ohnehin geschwächten Ministerin schadlos zu halten. Resultiert das Schröder-Bashing, bei dem auffällig viele CSU-Politiker mittun, auch daraus, dass Schröder sich nie lauthals für die Herdprämie eingesetzt hat? Es müffelt nach kleiner Rache.

Heuchlerisch ist die Debatte sowieso. Denn gerade in der Politik sind die Sprachmanipulatoren, Wortverdreher und Propagandisten so häufig vertreten wie nirgendwo sonst. Warum spricht die Kanzlerin penetrant von der "christlich-sozialen Koalition"? Weil das so herzerwärmend klingt. Gleichzeitig lässt sie acht Millionen Deutsche im Niedriglohnsektor hungern. Anderes Beispiel: Warum haben Union und FDP immer das Wort "Kernkraft" benutzt? Logisch: Kernkraft hat was von Fruchtkernen. Irgendwie ökologisch und lecker. Lässt sich ja auch problemlos "entsorgen", zumindest waren vor der Energiewende alle Bärs, Haderthauers und Reiches davon überzeugt. Kurz: In der Politik wissen alle sehr genau, dass mit Begriffen Deutungen und mit Deutungen Weltbilder verknüpft sind. Die einen sprechen von Herdprämie, die anderen von Betreuungsgeld. #justsaying.

Es geht um den Gedanken

Nochmal: Es ist schräg, ausgerechnet Familienministerin Schröder zu verteidigen. Die Fans ihrer Politik sind auch beim stern extrem rar gesät. Gleichwohl ist es zu begrüßen, dass sie mit ihrer Äußerung über "das liebe Gott" gezeigt hat, dass sie Sprache reflektiert und im Sprachgebrauch auch emanzipatorisch und modern sein kann. Ihre einjährige Tochter wird diese Diskussion (noch) nicht verstehen, aber das braucht sie auch nicht. Schröder sagte ja: "Man könnte auch sagen: das liebe Gott." Es geht ihr um den Gedanken, um die Gewöhnung an eine geschlechtsneutrale Vorstellung von Gott, nicht um philologische Diskurse mit Babys.

Übrigens: Schröder vermeidet beim Vorlesen zu Hause auch Worte wie "Neger" und "Negerkönig" und umschreibt sie galant. Ich fragte Bär auf Twitter, ob sie auch das kritikwürdig findet. Die sonst so Mitteilungsbedürftige hat darauf nicht geantwortet.

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