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26. November 2009, 06:02 Uhr

Showdown beim ZDF

Das Fernsehen soll die Mächtigen kontrollieren und nicht umgekehrt. Aber das Grundgesetz interessiert Ministerpräsident Koch im Fall Brender nicht. Ihm geht es nur um Macht und Einfluss. Von Katja Gloger

Brender, ZDF, Koch,

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender bangt um seinen Job© WDR/ZDF/Astrid Schmidhuber

Neulich wurde Johannes Hano, Korrespondent des ZDF in China, bei den Behörden vorgeladen. Seine Berichterstattung missfiel den Aufpassern mal wieder, das Übliche. Zu kritisch, zu unabhängig. Hano wehrte sich, verwies auf die Pressefreiheit. Doch das bügelten seine chinesischen Gesprächspartner kühl ab: Bei ihm zuhause in Deutschland, da ginge es doch auch nicht anders zu. In Deutschland werde das Fernsehen doch auch staatlich kontrolliert. Sprich: von den Herrschenden.

Es war ein zynischer, ein falscher Vergleich. Aber dennoch trifft er den Kern des Problems: Denn wenn heute ab 14 Uhr in Berlin der mächtige Verwaltungsrat des ZDF tagt, werden die Herrschenden über das Schicksal des Ersten Journalisten im ZDF entscheiden - und zwar aus politischen Gründen. Denn ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender soll jetzt endgültig weg, sein Vertrag nicht verlängert werden. So will es offenbar die momentane CDU-Mehrheit im 14köpfigen obersten Aufsichtsgremium des ZDF, allen voran CDU-Ministerpräsident Roland Koch und der ehemalige CSU-Ministerpräsident Edmund Stoiber. Seit Jahren schon nervt sie der Mann, viel zu unberechenbar ist er ihnen, viel zu unabhängig.

Karriere auf dem Parteiticket

In Zukunft soll gefälligst wieder gelten, was jahrzehntelang geübte Praxis im ZDF war: Politiker entscheiden, wer nett über sie berichten darf. Sie bestimmen, wer im System Karriere machen soll. Posten sollen wieder nach der gängigen politischen Farbenlehre vergeben werden, nach der Journalisten nicht zuerst gute oder schlechte Journalisten sind, sondern "Rote" oder "Schwarze". So hatten sich die beiden großen Parteien die Welt im ZDF aufgeteilt. In "Unsere" und in "Die Anderen".

Über Jahrzehnte ging das so, man verstand sich, das System sicherte Macht und Einfluss - auch für Journalisten, die auf dem Parteiticket Karriere machten. An diesem System sollte tunlichst nicht gerüttelt werden. Da war man sich einig. Parteiübergreifend.

Brender, der Unabhängige

Und dann kam dieser Brender, ein ehemaliger Jesuitenschüler, großgewachsen, der Schnauzer, großbürgerlich, mit krachendem Selbstbewusstsein. Aufbrausend, manchmal ungerecht. Aber stets unabhängig - schon aus Prinzip. Und das verlangte er von seinen Journalisten auch: Distanz und Unabhängigkeit. Er ärgerte die Mächtigen, legte sich immer wieder mit ihnen an. Schon aus Prinzip. Er machte das, was man von einem Mann in seiner Position erwarten kann: seinen Job.

Einem wie ihm ist piefiger Parteibuch-Journalismus zuwider, "Politschranzen" nennt er die Einflüsterer aus Staatskanzleien und Parteizentralen mittlerweile offen respektlos. Politiker forderte er listig auf, Kritik an ihm oder dem ZDF doch bitte schriftlich vorzutragen. So etwa der Motzbrief des ZDF-Fensehrates Dirk Niebel, damals FDP-Generalsekretär und heute Entwicklungshilfeminister, der sich mit FDP-Briefkopf schriftlich über die angeblich zu kurze Berichterstattung bei den Europawahlen beschwerte. Bei denen hatte die FDP besser als erwartet abgeschnitten.

Einfluss vom Kanzleramt?

Brenders Geistesblitz in der Wahlnacht 2005 schrieb Fernsehgeschichte, als er den pöbelnden Schröder den "Herrn Schröder" nannte und eben nicht mehr "Herr Bundeskanzler." Und Angela Merkel? Sie missachte die Demokratie, rügte er, weil sie sich im Wahlkampf keiner TV-Diskussion mit anderen Parteien gestellt hatte, sondern nur dem durchinszenierten Fernsehduell mit der SPD. Vor dem Ausschuss des Fernsehrats, in dem auch die Generalsekretäre der Parteien sitzen, musste sich Brender später rechtfertigen. Er hätte den vorgeschlagenen Ersatz, den niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff, akzeptieren müssen, hieß es. Dem ZDF-Chefredakteur stehe es nicht zu, zu entscheiden, welcher Politiker in eine Sendung komme. Als ob es völlig selbstverständlich sei, dass Parteipolitiker über Sendeinhalte bestimmen können. Der ehemalige ARD-Moderator Ulrich Wickert sieht gar Angela Merkel als treibende Kraft: "Es gibt Hinweise, dass das Kanzleramt sehr daran interessiert ist, dass Herr Brender abgelöst wird", sagte er zu stern.de.

Der zweite Anlauf

Schon vor einem halben Jahr wollte man Brender kippen. Da hatte CDU-Ministerpräsident Koch öffentlich Brenders faktischen Rausschmiss gefordert. Hatte ihm mangelnde Dialogbereitschaft und schlechte Qualität vorgeworfen. Der erste Versuch scheiterte - auch weil sich Intendant Markus Schächter hinter Brender stellte. Und weil renommierte ZDF-Journalisten in einem offenen Brief protestiert hatten. Damit täten die sich keinen Gefallen, drohte Koch daraufhin unverhohlen.

Jetzt soll es zum Showdown kommen. Ende. Aus. Zwar steht Intendant Schächter weiterhin hinter Brender. Die CDU-Vertreter im Verwaltungsrat aber hätten die notwendige Dreifünftelmehrheit. Und sie scheinen sich gar nicht mehr die Mühe zu machen, Brenders Rauswurf zu begründen. Würde jemand, unter solchen Voraussetzungen, von der CDU installiert, die Nachfolge Brenders antreten? Bislang hat sich immer jemand gefunden.

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