Christopher Lauer - ein Kopf, kein Thema

17. September 2012, 19:40 Uhr

Wer verbiegt eigentlich wen? Die Piraten das System oder das System die Piraten? Fraktionschef Christopher Lauer liefert eine Antwort. Er ist Profi geworden. Im politischen Showgeschäft. Von Philipp Elsbrock

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Kein Flausch: Christopher Lauer, Fraktionschef der Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus©

Jan Delay und Kurt Beck verbindet nicht vieles, aber auf eins können sie sich einigen: Sie mögen ihn nicht, diesen Christopher Lauer. Lauer, das ist der Pirat, der im Herbst 2011 vor Millionen Zuschauern in einer Anne-Will-Sendung bekannt wurde. Der mit dem fusseligen Vollbart und der Hornbrille und den dunklen Augen. Seit einem Jahr sitzt er für die Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus, seit drei Monaten ist er einer von zwei Fraktionschefs.

Dass Jan Delay ihn nicht mag, liegt am Programm der Piratenpartei. Die Piraten erwecken den Eindruck, das kostenlose Herunterladen von Musik und Filmen über Tauschbörsen sei ein Grundrecht in der digitalen Welt. Delay verdient sein Geld mit Musik, er lebt von den Platten, die er verkauft, und er wollte gern wissen, wo in diesem Ansatz der Piraten der Künstler bleibt. In einem Streitgespräch duellierte er sich mit Lauer. Das Urheberrecht gehört eigentlich zu Lauers Kernkompetenz, er ist kulturpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Im Gespräch kam ziemlich schnell heraus: Er hat kaum Ahnung von dem Stoff, Delay steckte ihn locker in die Tasche.

Image des intelligenten Solisten

Bei Kurt Beck, dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten, war die Sache ein bisschen anders. Er und Lauer waren zu Gast in einer Talkshow, und Beck erklärte mit vielen Worten, wie das Desaster am Nürburg-Ring zustande gekommen sei. Lauer saß aufreizend lässig daneben und kommentierte jeden Satz: "Ja, aha, ja. Irre." Irgendwann platzte Kurt Beck der Kragen und er rief: "Ihre Arroganz wird Ihnen auch noch vergehen!"

Arrogant und unwissend – Lauer, 28, gern in Dreiteilern von Drykorn unterwegs, kümmert sich nicht einen Deut darum, an diesem Eindruck etwas zu ändern. "Leute, die nett lächeln und winken, sind im Zweifelsfall austauschbar", sagt er. Seit einem Jahr sitzt er im Berliner Abgeordnetenhaus, als einer von 15 Abgeordneten. In dieser Zeit hat er sich rasend schnell medial vernetzt – und das, obwohl die Piraten Journalisten kritisch bis ablehnend gegenüber stehen. Lauers Fraktionskollege Oliver Höfinghoff sagt: "Er allein kommuniziert mehr mit Medienvertretern als die ganze Fraktion zusammen." Die Folge: Über keinen anderen Piraten wird so viel berichtet wie über ihn. Und kaum jemand macht es einem so leicht, ihn nicht zu mögen. Das, was seine Parteifreunde als "Flausch" zelebrieren, "Wir haben uns alle lieb" über Twitter? Gibt es bei ihm nicht. Lauer pflegt sein Image als intelligenter Einzelgänger – in den letzten Schuljahren wurde er als Hochbegabter gefördert.

Zigtausend Piraten zahlen nicht

Am 17. September 2011, einen Tag vor der Wahl, kannte ihn außer interessierten Berlinern noch niemand. Dann holten die Piraten 8,9 Prozent. Drei Tage später saß Lauer bei Anne Will und führte vor, welches Verständnis das grüne Politikfossil Bärbel Höhn vom Internet hat – nämlich gar keins. Diverse Fernsehsender porträtieren ihn, er schreibt unregelmäßig Beiträge für die "Frankfurter Allgemeine" und die "Zeit". "Der Showpirat", so nannte ihn kürzlich der "Spiegel". Lauer selbst sagt: "Es ist ganz klar, ich bin bei vielen Themen nicht der Hammerexperte, der jeden Paragrafen auswendig kann, aber darum geht's auch gar nicht." Worum dann? "Es geht darum, zu argumentieren: Warum wäre die Welt mit einer Änderung, wie die Piraten sie vorschlagen, jetzt besser?"

Das ist eine gute Frage, allerdings gibt es nur selten eine Antwort darauf. Das liegt vor allem an den Piraten selbst. Sie bringen kaum etwas zustande.

Eine Alternative zu den etablierten Parteien wollen sie sein, den Politikbetrieb aufmischen, dabei haben die Piraten noch nicht mal den eigenen Laden im Griff. Von den 34.000 Mitgliedern zahlt mehr als ein Drittel seine Beiträge nicht. "Ich hoffe sehr, dass wir unsere Beitragsquote bis Ende des Jahres so auf drei Viertel hochschrauben können", sagt dazu ganz behutsam der Bundesvorsitzende der Piraten, Bernd Schlömer. Bei Christopher Lauer klingt das so: "Die müsste man doch mal alle rausschmeißen. Das verstehe ich auch nicht, warum das nicht geschieht."

Lesen Sie auf der folgenden Seite, warum man Lauer nicht unterschätzen sollte - aber auch nicht ernst nehmen kann

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