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7. Juni 2010, 09:33 Uhr

Gewinner und Verlierer im Präsidentenpoker

Wulff im Glück, Gauck im Himmel, Merkel zog die Niete - und die neue Sprecherin von Horst Köhler? Nun ja. Abräumer oder Pechvogel: Hier ist die Liste. Von Hans Peter Schütz

 
Christian Wulff, Joachim Gauck, Angela Merkel, Olaf Glaeseker, Volker Kauder, Jens Böhrnsen, Petra Diroll, CDU, Bundespräsident, Poker, Gewinner, Verlierer, Schloss, Bellevue

Noch einen Ministerpräsidenten verloren: Kanzlerin Angela Merkel, CDU© Stephanie Pilick/DPA

Gewinner: Christian Wulff
Weshalb hat er den Sprung zum Kandidaten fürs höchste Staatsamt so locker geschafft? Ein Jugendfreund hat seinen Politikstil einmal mit der Methode verglichen, mit der Wulff einst seine erste Ehefrau Christiane erobert habe: "Ziel erfassen, dann warten, bis sich die günstige Gelegenheit ergibt, und dann blitzschnell zupacken."

*

Super-Gewinner: Joachim Gauck

Einen deutscheren Lebenslauf kann man nicht haben: Geboren in der braunen Diktatur, aufgewachsen in der roten Diktatur, für die gesamtdeutsche Freiheit gekämpft, jetzt Kandidat fürs ranghöchste deutsche Amt. Dass die Linkspartei ihn für unwählbar hält, beweist, dass in ihren Reihen auch 20 Jahre nach der Einheit einige noch immer nicht in Deutschland angekommen sind. Die Sympathien, die Joachim Gauck zuteil werden, dürften für seinen Sieg nicht reichen. Denn dann wäre Schwarz-Gelb am Ende. Gauck hat dennoch einen bemerkenswerten Teilsieg über die Machtlogik Merkels errungen.

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Verliererin: Angela Merkel

Kein Geringerer als der Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegel" hat ihren Nachnamen politisch definiert: "M für Macht, e für erschöpfend, r für rigoros, k für kaltblütig e und l für extrem leidensfähig." Zwar stehe die Kanzlerin jetzt noch im Zenit. Aber: "Nach dem Zenit beginnt der Abstieg. Früher oder später. Das ist ein Naturgesetz." Dürfte der Naturwissenschaftlerin Merkel bekannt sein.

*

Gewinner: Olaf Glaeseker

Als Jugendlicher war er niedersächsischer Meister im Weitsprung. Jetzt ist Olaf Glaeseker der größte politische Sprung gelungen: Christian Wulff, dem er als Staatssekretär und Regierungssprecher seit zehn Jahren dient, soll Nachfolger von Köhler werden und Glaeseker ihn ins Schloss Bellevue begleiten. Denn er hat als Freund und Chefberater den "Wohlfühl"-Wulff entscheidend mitgestaltet. Er hat ihn überredet, im stern zuzugeben, dass er kein "Alphatier" sei. Dass ihm der "unbedingte Wille zur Macht" fehle. Der Medien-Darling Wulff wäre ohne Glaeseker nie möglich gewesen, sagen Kenner.

Glaeseker schrieb einst für die Oldenburger "Nordwest-Zeitung", Wulffs Heimatblatt. In Bayern und Baden-Württemberg kennen auch viele den Journalisten Glaeseker: Aus Bonn berichtete er einst für die "Augsburger Allgemeine", den "Schwarzwälder Boten", die "Heilbronner Stimme" und den "Mannheimer Morgen". Zu Wulff ging er, weil er mit seiner Frau, auch sie Journalistin, nicht von Bonn nach Berlin umziehen wollte. Jetzt muss er an die Spree.

*

Verlierer: Volker Kauder

Angela Merkel ist bekanntlich durch den Köhler-Rücktritt um den schönen PR-Termin eines Besuchs bei der Fußball-Nationalelf in Südtirol gebracht worden. Krisenbewältigung ging vor. CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder musste aus dem tiefsten Anatolien nach Berlin zurückeilen und verpasste einen Besuch im berühmten syrisch-orthodoxen Kloster Mor Gabriel. Auch nicht erfreulich. Viel schlimmer jedoch: Er konnte wg. Köhler nicht am Familienausflug der baden-württembergischen Bundestagsabgeordneten ans Grab des Apostels Jacobus im spanischen Santiago de Compostela teilnehmen. Die pilgerten ein kurzes Stückchen auf dem berühmten Jakobsweg. Dass dies gerade jetzt stattfand, hatte tieferen Sinn. Weil der Jakobstag am 25. Juli auf einen Sonntag fällt, ist 2010 ein Heiliges Compostelanisches Jahr. Wer da pilgert, bekommt alle Sünden erlassen, heißt es seit dem Mittealter. Auch politische Sünden, wie Kauder gehofft haben könnte, so er welche begangen hat? Der CDU-Abgeordnete Gunther Krichbaum räumte gegenüber stern.de fröhlich ein: "Schön wäre es schon - jetzt wissen sie, weshalb wir das machen."

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Gewinner: Jens Böhrnsen

Wer kannte vor einer Woche schon Jens Böhrnsen? Jetzt amtiert der 60-jährige SPD-Bürgermeister von Bremen nach dem abrupten Abgang von Köhler bis zum 30. Juni als Präsident. Ein "Privileg" sei das, räumt er ein. Und darf jetzt hoffen, auf sehr spezielle Weise davon zu profitieren: Dass er endlich bei den bremischen Bürgern in Sachen Popularität zu seinem sehr beliebten Amtsvorgänger Henning Scherf aufschließen kann, den er vor fünf Jahren abgelöst hat. In Bremen verkauft die Puppenmacherin Margrit Bartsch-Busche Hampelmann-Puppen von den lokalen Polit-Promis. Scherf ging bisher weg wie die bekannten Semmeln, Böhrnsen (8,50 Euro teuer) blieb liegen wie Blei. Jetzt soll er auf Präsidentenformat gebracht werden - "größer und mit schlankeren Beinen", sagt die Präsidentenpuppenmacherin. Das passe besser zur Würde des Amtes.

*

Vielleicht-Verliererin: Petra Diroll

Köhler hatte die Journalistin Petra Diroll als neue Sprecherin engagiert - aber an ihrem ersten Arbeitstag trat er zurück. Jetzt hat die bundespolitisch erfahrene Journalistin bis Mitte Juli einen nur sechs Wochen laufenden Vertrag. "Ich bin nicht Sprecherin des Präsidenten, sondern Sprecherin des Präsidialamts." Sie blickt dennoch gelassen in die Zukunft. Zu stern.de sagte sie: "Jetzt weiß jeder, dass ich einen Job suche." Denkbar auch, dass sie neben Glaeseker im Schloss Bellevue bleibt.

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Gewinner: David McAllister

Er soll Wulffs Nachfolger als Ministerpräsident in Niedersachsen werden. Dann wäre er der erste Ministerpräsident mit zwei Staatsbürgerschaften, der deutschen und der britischen. Geheiratet hat er im Schottenrock. Wird er nach seinem Nachnamen gefragt, antwortet er: "Ist doch ganz einfach. Großes M, kleines c, großes A - genau wie McDonald's."

*

Verlierer und Gewinner: die CDU

Die Partei verliert nach Roland Koch und bald wohl auch Jürgen Rüttgers noch einen Ministerpräsidenten und ihren derzeit letzten potentiellen Kanzlerkandidaten: Christian Wulff. Weg ist damit auch ein Mann, der, zumindest in jungen Jahren, die Gesinnungsfreunde unerschrocken gerügt hat. Mal riet er einem Landesparteitag, die Vorhänge im Saal vor die Fenster zu ziehen. Denn das Schauspiel, das die Partei biete, sei so jämmerlich, dass junge Menschen abgeschreckt würden. Noch frecher: Er sagte mal, es sei gar nicht so schlimm, dass unter den CDU-Bundestagsabgeordneten so viele Flaschen wären - wenn man nur Pfand dafür bekäme. Gewinnen kann die CDU einen Bundespräsidenten. Der muss aber im Amt über der Partei stehen.

Abstimmung

Wer soll Bundespräsident werden?

Abstimmen Ergebnis anzeigen
Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 40)
 
Bayernstammler (08.06.2010, 10:30 Uhr)
??????????????
Tempelhofer (07.06.2010, 12:04 Uhr)
@ Hans Peter Schütz
Ich hoffe, Sie lesen die Leserkommentare hier.

Dann sollten Sie sich bewusst sein, dass viele Ihrer Anhänger und Leser aus der äußerst rechten Ecke kommen. Aber das dürfte Ihnen, genausowenig wie dem Tagesspiegel, absolut nichts ausmachen.



Tempelhofer, jetzt sind Sie wohl völlig verlassen, von den guten Geistern. Haben Sie tatsächlich nochmals gelesen, was Sie da so schrieben?
Kippi (07.06.2010, 19:15 Uhr)
Christian Wulff
ist zweifellose für die Präsidentschaft sehr geeignet. Wenn im normalen Arbeitsleben
65 / 67 Jahre als Altersgrenze gesetzt werden, sollte dieses auch von Politikern respektiert werde. Im übrigen wäre es auch nicht gut,
zwei Ossis ( Merkel als Bundeskanzlerin und Gauck als Bundespräsident ) an der Spitze unseres Staates zu wissen. Sollte Wulffs Wahl durch Querelen in der Koalition scheitern, sollten Merkel und Westerwelle endgültig ihren Laden schliessen. Dann wären Neuwahlen das
einzig richtige Mittel in Deutschland wieder zu einer funktionierenden Regierung zu kommen.
++++
Bavaricus (07.06.2010, 18:32 Uhr)
ZERSTÖRT DIE EU SICH UND DEN EURO? Der BP Köhler hätte das Gesetz zur Griechenland-Hilfe nicht unterschreiben dürfen. Die Verfassungsrichter haben zwar den Eil-Antrag der fünf Euro-Kläger abgelehnt, aber nicht die Verfassun
Eigentlich hätte die Hand des Bundespräsidenten, eines ausgewiesenen Finanzfachmannes, verdorren müssen, als er das ?Währungsunion-Finanzstabilitäts-Gesetz? unterschrieb.
Denn anders als der fachlich überforderte BFM Schäuble kann Köhler Deutschlands finanzielle Belastbarkeit wie auch die für den Euro unerlässlichen Stabilitätserfordernisse realistisch einschätzen. Köhler war einer der Architekten der Europäischen Währungsunion (EWU); er weiß am besten, warum diese weder ohne eine Obergrenze für die Staatsverschuldung (den Stabilitätspakt) noch ohne ein Verbot der Staatshaftung für die Haushaltsdefizite und den Schuldendienst anderer Währungspartner auskommt: die viel zitierte No-Bail-Out-Klausel der EU-Verträge.

Im Zuge der Bankenkrise brach als erster Stabilitätsdamm der Stabilitätspakt.
Die EU-Kommission ließ seinen Bruch durch alle EWU-Staaten zu, obwohl sich in einer Krise der Banken, nicht der Staaten, auch andere Lösungen hätten finden lassen.
Jetzt bricht der zweite Stabilitätsdamm:
Die Währungsunion wird zur Haftungsgenossenschaft erklärt, der damit verbundene Rechtsbruch durch ein deutsches Kredit-Ermächtigungsgesetz ?geheilt?, das ebenfalls im Kern ein Bankensanierungsgesetz ist, denn unter dem Etikett Griechenland-Hilfe werden die in das Geschäft verwickelten Finanzinstitute vor Verlust und Konkurs bewahrt, die dahinter stehenden Staaten nur mittelbar.

Wer kann das besser beurteilen als der Bundespräsident als Experte in eigener Sache? Er war Abteilungsleiter und Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Sparkassen-Präsident, Bankmanager und Vorvorgänger des heutigen IWF-Chefs? Deswegen durfte er niemals das WFStG unterschreiben, zumal die Verfassungsklage von einem der führenden deutschen Verfassungsrechtler und vier Ökonomen zeitgleich vorlag.
http://www.dr-hankel.de/


turo (07.06.2010, 17:36 Uhr)
Der überpateiliche BP
Als 1999 die Wahl zum BP heranstand haben CDU/CSU einen überparteilichen Kandidaten vorgeschlagen.
Rot/grün winkte mit der Besgründung ab, man wolle keinen Überparteilichen.,
Wann wolle Johannes Rau,(er wurde es auch).
Die CDDU/CSU (laut Edmund Stoiber von gestern bei Anne Will) hatte GAUCK vorgeschlagen.
Noch Fragen??
undueberhaupt (07.06.2010, 16:49 Uhr)
Die Linken
Wen haben die Linken denn noch im Keller?
polka22 (07.06.2010, 16:09 Uhr)
Ort und geographiekenntnisse-vielleicht tut es anstatt Navi ein Atlas
Sehr geehrter Herr Schütz,
das Heimatblatt von Wulff ist die NOZ Osnabrücker- Zeitung,die Nordwestzeitung sitzt in Oldenburg,also bitte nicht Birnen mit Äpfel vergleichen,der Oldenburger wäre böse,
Oldenburg war früher eigenständig, die Osnabrücker nicht,zwar Regierungsbezirk,diesen Übernahm Oldenburg durch die Spd Weser-Ems -Bezir, danach von der CDU abeschafft,
daher Osnabrück hat die NOZ,Oldenburg die NWZ,aber bekanntlich ist das für Herr Schütz Provinz, und Proviunzposse hin oder her,wulff ist ein Mann aus dem Nordwesten.
Prologo (07.06.2010, 16:05 Uhr)
Wählt den Gauck und damit Merkel ab,....

.....denn das war wohl das wahre Ziel von Köhler, oder?

MfG,
T.
johannes0901 (07.06.2010, 14:28 Uhr)
@herc
Eine Stichprobe kann man nur dann ziehen, wenn man eine definierte Grundgesamtheit hat.Ohne Grundgesamtheit gibt es keine Stichprobe und ohne Stichprobe keine Repräsentativität.

So kann man z.B. bei einer offenen Onlinebefragung eine Grundgesamtheit bzw. eine Erhebungsgrundgesamtheit niemals angeben. Hat man einige Angaben über die Grundgesamtheit, die man mit Angaben der Befragung vergleichen kann, kann man hin und wieder versuchen, den Bias "abschätzen" - wobei man dann aber nicht mehr über Repräsentativität sprechen kann. Eine repräsentative Stichprobe für die Grundgesamtheit "Allgemeine Bevölkerung" kann aus offensichtlichen Gründen über das Internet schlichtweg niemals gezogen werden.

Stern007 (07.06.2010, 14:19 Uhr)
Parteipolitik - BP
Ich reibe mir manchmal verwundert meine Augen!... zunächst mal eine kurze Erklärung meinerseits:
1) Ich finde die Arbeit unserer Regierung als unzumutbar
2) Ich finde die Oppositionsarbeit derzeit als unzumutbar

Aber: Das Frau Merkel und die Regierung wegen Wulff so dermaßen angegriffen wird verstehe ich einfach nicht! Wenn es in der Bundesversammlung eine Mehrheit gibt, wird diese doch selbstverständlich auch genutzt! Das würde jede Mehrheit machen udn ist auch NICHT verwerflich!! Keiner, und erst recht nicht diejenigen, die jetzt so laut Schreien (Schreiben) würden die Opposition fragen, ob ihnen der Kandidat recht ist.
(Egal ob Wulff oder Gauck der bessere Kandidat ist, und am Ende wird es wahrscheinlich egal sein, beide finde ich eine gute Wahl)

Was ich aber an Herrn Gauck udn der SPD sehr irritiert, es wird lauthals die parteipolotik der CDU kritisiert! Aber schon die "nominierung" von Herrn Gauck und dei Vorstellung als Kandidat der SPD/Grüne ist doch schon Parteipolitik, Herr Gauck macht einen Wahlkampf für die SPD/Grüne! Anders kann man doch das Vorgehen nicht bezeichnen.
Genauso wie Wulff einen Wahlkampf für sich und die CDU macht.
Aber eines sollten Sie doch alle auch sehen können. Das wa der eine Macht ist doch nicht besser oder schlechter, nur weil es die andere Partei macht, die die einem angenehmer ist und dem eigenem politischen Interesse näher kommt....
herc (07.06.2010, 14:09 Uhr)
@tempelhofer & johannes0901
Die "linke Kampfpresse" votet:

Bild
Wulff = 27 % Gauck = 73 %

Welt online
Wulf = 20 % Gauck = 80 %
Berlin vertraulich!

Homo politicus Hans Peter Schütz notiert in seiner wöchentlichen Kolumne den manchmal keineswegs politisch korrekten Tratsch hinter den Kulissen des politischen Berlins für stern.de.

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