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7. Oktober 2008, 17:48 Uhr

Der Untote erklimmt den Thron

Mehrfach war er politisch schon so gut wie erledigt. Jetzt wird Horst Seehofer zur letzten großen Hoffnung für die CSU: Als bayerischer Ministerpräsident und Parteichef wird er die Geschicke des Freistaats und der Christsozialen künftig lenken. Die CSU holt sich mit ihm einen brillanten Redner, aber auch einen skrupellosen Populisten an ihre Spitze. Von Tilman Gerwien

Christlich nicht nur, weil es der Parteiname verlangt: Horst Seehofer in einem Moment der Besinnung im Dom zu Meißen© Oliver Lang/DDP

Er hat das Unheil kommen sehen. Es war ein merkwürdiger Wahlkampf, in der Erinnerung kommt er Horst Seehofer ein wenig unheimlich vor. Es war ja nicht so, dass die Leute schimpften und pöbelten, nein, das nicht. Aber sie jubelten auch nicht. Sie standen einfach nur da, gleichgültig und stumm, eine amorphe, nicht zu packende Masse Mensch.

"Es ist so schrecklich, was sollen wir bloß machen, hast Du noch eine Idee?", fragten ihn Parteifreunde per SMS. Horst Seehofer antwortete: "Weiterkämpfen. MfG, Horst."

Manchmal machten sich die Leute in den Fußgängerzonen sogar lustig über die CSU, diese große, stolze Partei - seine CSU. Das hat ihn sehr verletzt.

Jetzt ist das Unheil da, die große, stolze Partei hat die absolute Mehrheit verloren, zum ersten Mal seit fast einem halben Jahrhundert, sie ist in einen politischen Albtraum gestürzt - und viele Mitglieder sagen, dass er der Einzige ist, der sie wirklich retten kann. Als Parteichef wird Seehofer den glücklosen Erwin Huber ablösen, zugleicht erbt er vom genauso glücklosen Günther Beckstein das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten.

Seehofer ist jetzt 59 Jahre alt, deshalb war es für ihn auch eine letzte Möglichkeit, ganz nach oben zu kommen. Für viele ist er nun die große Verheißung für eine andere CSU: mutig statt zerknirscht, Champions League statt Kreisklasse. Edmund Stoiber, der das Treiben seiner Nachfolger mit einiger Fassungslosigkeit verfolgt, hält diesen Horst Seehofer für das einzige verbliebene Alphatier unter den vielen Betatierchen der Partei. Der sagt vielsagend: "Ein einfaches 'Weiter so' kann es sicher nicht geben."

"Weil ihr es nicht könnt!"

Was Seehofer von Huber und Beckstein hält, hat er ihnen schon vor gut einem Jahr deutlich gemacht. Es war ein Krisentreffen des engsten Führungszirkels, es ging um die Stoiber-Nachfolge. Seehofer wollte schon damals um den Parteivorsitz kämpfen, aber Huber und Beckstein hatten Stoibers Posten längst unter sich aufgeteilt. Die beiden hockten nebeneinander zusammengesunken auf einem kleinen Sofa. Sie wollten von Seehofer wissen, warum er unbedingt auch kandidieren müsse. Seehofer baute sich vor ihnen auf, stolze 1,93 Meter hoch. Von dort oben bellte er dann nach unten: "Weil ihr es nicht könnt!"

Solche Gesten größter Herablassung gibt es viele im Leben des Politikers Horst Seehofer. Sie haben dazu beigetragen, dass selbst jetzt, da die Partei geschlagen und gedemütigt am Boden liegt, Zweifel seine Person umgeben. Er gilt als begnadeter Redner, scharfsinniger Analytiker, schlitzohriger Taktiker, aber auch als gnadenloser Egomane, der seinen Machtwillen nicht immer unter Kontrolle hat. Vielen ist er ein wenig unheimlich.

"Ich kann nicht buhlen, betteln, Netzwerke organisieren", sagt er von sich. "Honneurs machen, den Diener machen, das ist mir so was von zuwider." Er macht nicht den Eindruck, dass er unter diesem Unvermögen besonders litte, im Gegenteil: Immer wieder hat er sich als der große Solitär der deutschen Politik inszeniert. Er ist der Einzige im engsten Führungszirkel der CSU, der seit Jahren ohne Netzwerke und Seilschaften auskommt.

Kampf gegen das (Partei-)Establishment

In elitärer Vereinzelung schaut er auf den Betrieb, der ihn umgibt. Dieser Betrieb stellt sich ihm als großer, wuselnder Ameisenhaufen der Aufgeregtheiten und Eitelkeiten dar. Ab und zu pikst er mit kleinen Gemeinheiten in den Haufen hinein - und freut sich dann, dass tief unter ihm alles noch schneller durcheinanderwuselt. Ein spöttischer Dauerzug hat sich in sein Gesicht eingegraben, er zeigt seine Haltung zur Welt: Auf keinen Fall will er Ameise unter Ameisen sein.

Im Volk sieht er seinen wahren Verbündeten. Unaufhörlich sucht er die Nähe zu den "einfachen Menschen", mit denen er antreten will gegen das (Partei-)Establishment, das ihm bis dato den ihm gebührenden Platz verweigert hatte. Eine "natürliche kollektive Intelligenz" wittert er im Volk, und zu Horst Seehofers unumstößlichen Wahrheiten gehört der Satz: "Sie können auf die Dauer gegen eine Grundströmung in der Bevölkerung keine Politik machen." Große Hallen schätzt er nicht für seine Auftritte, ebenso wenig Fußgängerzonen - nein, am liebsten redet er in Bierzelten. Hier, sagt Seehofer, kriege er die Menschen am besten zu fassen. Keiner kann ihm da so richtig entwischen, bierselig und schwülwarm ist es, und oben steht dann er und versorgt die Leute mit eingängigen, gleichsam handgemachten Weisheiten. "Achtet mir die Bauern! Ein Volk, das seine Axt an die Landwirtschaft legt, legt Hand an seine Zukunft!"

Er reitet Attacken gegen kriminelle Ausländer und Sozialschmarotzer und stellt dagegen das Bild "der Menschen, die frühmorgens aufstehen und ihre Pflicht tun". Dann wieder moduliert seine Stimme in einen Herz-Jesu-Ton, und er spricht von "Gemeinschaftssinn" und "menschlichem Füreinander in der Zeit von Chips und Bits". In diesen Momenten meint man, den kalten Hauch der Globalisierung schon zu spüren, wie er durch die Ritzen des Bierzeltes dringt, aber Seehofer spricht weiter, und es bleibt warm, warm, warm.

Anders etwa als bei Roland Koch erlebt man keine schneidende ideologische Eiferei - eher einen Konservatismus des gesunden Menschenverstands. Dieser Mann ist vielleicht der letzte große Versammlungsredner des bürgerlichen Lagers. Und nur wer kein Bier trinkt und genau hinschaut, registriert den seltsamen inneren Abstand, mit dem er all das macht, die Unbeteiligtheit, ja innere Kälte, mit der er seine Effekte setzt. Er genießt seine Wirkung, steigt ins Auto, und für Momente sieht er dann glücklich aus, glücklich und erlöst.

"In Bayern bin ich gegen Gentechnik"

Auf der Suche nach der vermuteten "Grundströmung in der Bevölkerung", aber auch im Kampf ums eigene politische Überleben, hat sich Seehofer höchst wandelbar in seinen Einstellungen gezeigt. Als Gesundheitsminister kämpfte er für mehr Wettbewerb, jetzt singt er das Hohelied auf die Sozialbürokratie, wie sie ist. Erst war er gegen Merkels Kopfpauschale, jetzt verteidigt er ihre Gesundheitsreform. Früher war er für Gentechnik in der Landwirtschaft, jetzt ist er eher dagegen, genau genommen ist seine Position noch abenteuerlicher: "In Bayern bin ich gegen Gentechnik."

Jede dieser Positionen vertritt er mit dem Pathos lutherischer Überzeugungsgewissheit - hier steht er und kann nicht anders, aber: Dann kann er doch wieder ganz anders. Das macht ihn interessant, aber immer auch zu einer irrlichternden Figur. Man kommt sich von diesem Horst Seehofer schnell ein wenig manipuliert vor. Die CSU dürfte mit ihm nicht nur den vielleicht besten Redner, sondern auch den wohl skrupellosesten Populisten des bürgerlichen Lagers an ihrer Spitze haben.

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KOMMENTARE (10 von 12)
 
Prato61 (09.10.2008, 12:25 Uhr)
Rauchverbot
Irgendwie habe ich ein großes Problem damit, dass man die 20% Stimmenverluste der CSU allein an dieser - zugegebenermaßen dilettanitschen - Umsetzung des Rauchverbotes aufhängt. Soweit ich weiß gab es da noch eine völlig aus dem Ruder gelaufene Schul- und Bildungspolitik, völliges politisches Versagen bei der Aufarbeitung der Landesbank-Misere. Speziell im Bezirk Oberbayern (genau, das waren die Herrschaften mit den größten Verlusten) gab es dann noch das Themen 3.Startbahn, Ausbau A94 und viele andere kleine Sächelchen, die man hier aus Platzgründen nicht einzeln aufzählen kann.
Aber der Horschtl wirds schon richten: Weg mit dem Rauchverbot - und schon läuft das Schiff CSU wieder auf Kurs. Für alle Fälle sollte man vielleicht noch über einen verminderten Mwst-Satz bei Kauf von Lederhosen nachdenken. So als Schmankerl für den Wähler. Kommt sicher gut an!!
nightmare_online (08.10.2008, 11:16 Uhr)
@Stoosh2
Also die hohen Stimmgewinne der freien Wähler lassen IMHO den Schluss zu, das die Politik, die die CSU gemacht hat, dem Wähler in Bayern nach wie vor gefällt. Es hat keine Partei signifikant profitiert, die für eine andere Politik steht. Ich vermute es geht also mehr um Stilfragen und Personen.
Und zum Schluss: Wenn das Rauchverbot eine relevante Rolle bei den Stimmverlusten der CDU spielt, muss man konstatieren das es den Leuten in Bayern offenichtlich zu gut geht. Auf Basis einer solchen absoluten Nebensächlichkeit nicht mehr CSU zu wählen.
Stoosh2 (08.10.2008, 10:18 Uhr)
bayrisches Politikverständnis
@Ukiduki: Was heisst hier Süddeutsches Politikverständnis? Glauben Sie allen ernstes dass die Csu wg. der Personalie Beckstein/Huber 20 Prozent verloren hat? Ich denk mal eher dass da viel mehr Studiengebühren, Rauchverbot, Pendlerpauschale und allgemeine Vernachlässigung von Gebieten ausserhalb des Großraum München dafür verantwortlich sind... Alles Dinge die unter Seehofer bestimmt NICHT besser werden. Er wird die Partei schon dahin führen wo sie hin gehört, unter 40 Prozent! Im übrigen sind in Bayern weder links noch rechtsextreme Parteien in den Landtag eingezogen, da siehts in anderen, ach so politikverständigen Bundesländern schon anders aus.
seelenflieger (08.10.2008, 09:38 Uhr)
Nur damit ich das richtig verstehe...
... das "unmoralische" Absägen des Herrn Stoibers durch Beckstein und Huber hat die CSU nach unten gezogen, die Ernennung hinter verschlossenen Türen durch das vorzeitige Abdanken aller Mitwettbewerber, das jeder Definition von Demokratie spottet, soll jetzt ein positives Signal für die Zukunft setzen? Also wenn ich zur CSU-Basis gehören würde, würde ich mich ja vera***** vorkommen...
nightmare_online (08.10.2008, 08:52 Uhr)
ROTFL
Könnte es sein das der Autor seinen Frust darüber zum Ausdruck bringt das mit dem Sozialpolitiker Seehofer ein marktradikaler Kurs selbst bei der Traumkonstellation bzw. -koalition aus CDU und FDP deutlich unwahrscheinlicher wird, nachdem Seehofer CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident sein wird?
ukiduki (08.10.2008, 08:46 Uhr)
Erstaunen
ich muss als nicht-bayer schon sagen, dass mich das politikverständis der süddeutschen und vor allem ihre politiker schon immer sehr erstaunt haben. mir war es immer unklar, wie gestalten ala söder, huber, beckstein sich in der politik halte konnten und können. seehofer kommt da schon ein wenig anders daher, nicht unbedingt besser. wenn ich die politik seines ministeriums der letzen jahre gesehen habe, dann war sie nie im sinne der bürger, sondern rein durch lobbyismus geprägt. insofern ist es gut, dass er dieses verantwortliche amt abgibt. die verbraucher können hoffen.
tagora-sagittara (08.10.2008, 00:31 Uhr)
Das Grauen hat wieder einen Namen,..
und einen Körper!!
Dieser Mann in Bayern an der Macht,... das ist so wie im Freudenhaus nach ner Bibel fragen!!,... käuflich kann man die aber auch wo anders erwerben!!
Jaynay (07.10.2008, 23:56 Uhr)
gähn
wird nun versucht Seehofer wieder mal niederzuknüppeln, den einzig brauchbaren aus der CSU?
korruptes Klatschblatt
fritzfrie (07.10.2008, 23:27 Uhr)
Seehofer ist...
...das mit Abstand beste Beispiel für die aktuelle Politikergeneration: absolute Inhaltslosigkeit mit mit mehr oder weniger guter (bei ihm glänzender) Rhetorik vorzutragen.
Es ist so unglaublich erschreckend, wo wir in Deutschland gelandet sind. Du musst nur populistisches Zeug ins Mikrofon blasen und schon bist du der Messias - oder du tust gar nichts und kriegst die besten Umfragewerte.
Gab es das nicht schon einmal ???
SethusCalvisius (07.10.2008, 23:04 Uhr)
Vorwärts
in die Vergangenheit! Schon interessant, dass bei den Parteien eine gewisse Nostalgie-Welle eingestzt hat. Münte bei der SPD, Seehofer bei der CSU, Oskar bei den Linken, alles Politiker, die ihre Zeit eigentlich schon gehabt haben. Mal gespannt, wer uns da noch alles in nächster Zeit beehrt. Wie man hört, geht es Helmut Kohl ja inzwischen wieder besser....
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