Mehrfach war er politisch schon so gut wie erledigt. Jetzt wird Horst Seehofer zur letzten großen Hoffnung für die CSU: Als bayerischer Ministerpräsident und Parteichef wird er die Geschicke des Freistaats und der Christsozialen künftig lenken. Die CSU holt sich mit ihm einen brillanten Redner, aber auch einen skrupellosen Populisten an ihre Spitze. Von Tilman Gerwien

Christlich nicht nur, weil es der Parteiname verlangt: Horst Seehofer in einem Moment der Besinnung im Dom zu Meißen© Oliver Lang/DDP
Er hat das Unheil kommen sehen. Es war ein merkwürdiger Wahlkampf, in der Erinnerung kommt er Horst Seehofer ein wenig unheimlich vor. Es war ja nicht so, dass die Leute schimpften und pöbelten, nein, das nicht. Aber sie jubelten auch nicht. Sie standen einfach nur da, gleichgültig und stumm, eine amorphe, nicht zu packende Masse Mensch.
"Es ist so schrecklich, was sollen wir bloß machen, hast Du noch eine Idee?", fragten ihn Parteifreunde per SMS. Horst Seehofer antwortete: "Weiterkämpfen. MfG, Horst."
Manchmal machten sich die Leute in den Fußgängerzonen sogar lustig über die CSU, diese große, stolze Partei - seine CSU. Das hat ihn sehr verletzt.
Jetzt ist das Unheil da, die große, stolze Partei hat die absolute Mehrheit verloren, zum ersten Mal seit fast einem halben Jahrhundert, sie ist in einen politischen Albtraum gestürzt - und viele Mitglieder sagen, dass er der Einzige ist, der sie wirklich retten kann. Als Parteichef wird Seehofer den glücklosen Erwin Huber ablösen, zugleicht erbt er vom genauso glücklosen Günther Beckstein das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten.
Seehofer ist jetzt 59 Jahre alt, deshalb war es für ihn auch eine letzte Möglichkeit, ganz nach oben zu kommen. Für viele ist er nun die große Verheißung für eine andere CSU: mutig statt zerknirscht, Champions League statt Kreisklasse. Edmund Stoiber, der das Treiben seiner Nachfolger mit einiger Fassungslosigkeit verfolgt, hält diesen Horst Seehofer für das einzige verbliebene Alphatier unter den vielen Betatierchen der Partei. Der sagt vielsagend: "Ein einfaches 'Weiter so' kann es sicher nicht geben."
Was Seehofer von Huber und Beckstein hält, hat er ihnen schon vor gut einem Jahr deutlich gemacht. Es war ein Krisentreffen des engsten Führungszirkels, es ging um die Stoiber-Nachfolge. Seehofer wollte schon damals um den Parteivorsitz kämpfen, aber Huber und Beckstein hatten Stoibers Posten längst unter sich aufgeteilt. Die beiden hockten nebeneinander zusammengesunken auf einem kleinen Sofa. Sie wollten von Seehofer wissen, warum er unbedingt auch kandidieren müsse. Seehofer baute sich vor ihnen auf, stolze 1,93 Meter hoch. Von dort oben bellte er dann nach unten: "Weil ihr es nicht könnt!"
Solche Gesten größter Herablassung gibt es viele im Leben des Politikers Horst Seehofer. Sie haben dazu beigetragen, dass selbst jetzt, da die Partei geschlagen und gedemütigt am Boden liegt, Zweifel seine Person umgeben. Er gilt als begnadeter Redner, scharfsinniger Analytiker, schlitzohriger Taktiker, aber auch als gnadenloser Egomane, der seinen Machtwillen nicht immer unter Kontrolle hat. Vielen ist er ein wenig unheimlich.
"Ich kann nicht buhlen, betteln, Netzwerke organisieren", sagt er von sich. "Honneurs machen, den Diener machen, das ist mir so was von zuwider." Er macht nicht den Eindruck, dass er unter diesem Unvermögen besonders litte, im Gegenteil: Immer wieder hat er sich als der große Solitär der deutschen Politik inszeniert. Er ist der Einzige im engsten Führungszirkel der CSU, der seit Jahren ohne Netzwerke und Seilschaften auskommt.
In elitärer Vereinzelung schaut er auf den Betrieb, der ihn umgibt. Dieser Betrieb stellt sich ihm als großer, wuselnder Ameisenhaufen der Aufgeregtheiten und Eitelkeiten dar. Ab und zu pikst er mit kleinen Gemeinheiten in den Haufen hinein - und freut sich dann, dass tief unter ihm alles noch schneller durcheinanderwuselt. Ein spöttischer Dauerzug hat sich in sein Gesicht eingegraben, er zeigt seine Haltung zur Welt: Auf keinen Fall will er Ameise unter Ameisen sein.
Im Volk sieht er seinen wahren Verbündeten. Unaufhörlich sucht er die Nähe zu den "einfachen Menschen", mit denen er antreten will gegen das (Partei-)Establishment, das ihm bis dato den ihm gebührenden Platz verweigert hatte. Eine "natürliche kollektive Intelligenz" wittert er im Volk, und zu Horst Seehofers unumstößlichen Wahrheiten gehört der Satz: "Sie können auf die Dauer gegen eine Grundströmung in der Bevölkerung keine Politik machen." Große Hallen schätzt er nicht für seine Auftritte, ebenso wenig Fußgängerzonen - nein, am liebsten redet er in Bierzelten. Hier, sagt Seehofer, kriege er die Menschen am besten zu fassen. Keiner kann ihm da so richtig entwischen, bierselig und schwülwarm ist es, und oben steht dann er und versorgt die Leute mit eingängigen, gleichsam handgemachten Weisheiten. "Achtet mir die Bauern! Ein Volk, das seine Axt an die Landwirtschaft legt, legt Hand an seine Zukunft!"
Er reitet Attacken gegen kriminelle Ausländer und Sozialschmarotzer und stellt dagegen das Bild "der Menschen, die frühmorgens aufstehen und ihre Pflicht tun". Dann wieder moduliert seine Stimme in einen Herz-Jesu-Ton, und er spricht von "Gemeinschaftssinn" und "menschlichem Füreinander in der Zeit von Chips und Bits". In diesen Momenten meint man, den kalten Hauch der Globalisierung schon zu spüren, wie er durch die Ritzen des Bierzeltes dringt, aber Seehofer spricht weiter, und es bleibt warm, warm, warm.
Anders etwa als bei Roland Koch erlebt man keine schneidende ideologische Eiferei - eher einen Konservatismus des gesunden Menschenverstands. Dieser Mann ist vielleicht der letzte große Versammlungsredner des bürgerlichen Lagers. Und nur wer kein Bier trinkt und genau hinschaut, registriert den seltsamen inneren Abstand, mit dem er all das macht, die Unbeteiligtheit, ja innere Kälte, mit der er seine Effekte setzt. Er genießt seine Wirkung, steigt ins Auto, und für Momente sieht er dann glücklich aus, glücklich und erlöst.
Auf der Suche nach der vermuteten "Grundströmung in der Bevölkerung", aber auch im Kampf ums eigene politische Überleben, hat sich Seehofer höchst wandelbar in seinen Einstellungen gezeigt. Als Gesundheitsminister kämpfte er für mehr Wettbewerb, jetzt singt er das Hohelied auf die Sozialbürokratie, wie sie ist. Erst war er gegen Merkels Kopfpauschale, jetzt verteidigt er ihre Gesundheitsreform. Früher war er für Gentechnik in der Landwirtschaft, jetzt ist er eher dagegen, genau genommen ist seine Position noch abenteuerlicher: "In Bayern bin ich gegen Gentechnik."
Jede dieser Positionen vertritt er mit dem Pathos lutherischer Überzeugungsgewissheit - hier steht er und kann nicht anders, aber: Dann kann er doch wieder ganz anders. Das macht ihn interessant, aber immer auch zu einer irrlichternden Figur. Man kommt sich von diesem Horst Seehofer schnell ein wenig manipuliert vor. Die CSU dürfte mit ihm nicht nur den vielleicht besten Redner, sondern auch den wohl skrupellosesten Populisten des bürgerlichen Lagers an ihrer Spitze haben.