Mit großem Tamtam haben die Parteien ihren Internetwahlkampf geführt. Nun hängen ihre Digitalleichen herum. Nur die Piraten machen eifrig weiter - und fürchten sich vor ein bisschen zu viel Interaktion. Eine Bilanz. Von Lutz Happel

Wollen die Generation Online erreichen: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ex-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier bei Facebook© Julian Stratenschulte/DPA
Es sollte das Jahr werden, in dem sie Kontakt aufnehmen. Die Volksparteien wollten das Internet, bevölkert mit der so begehrten Spezies der Jungwähler, 2009 erobern. Wer aber den Kanzlerinnen-Videoblog "Frag Angie", Ronald Pofallas Videotagebuch oder den Wahlkampf-Blog des SPD-Kandidaten Steinmeier sah, der konnte den Eindruck gewinnen, dass der erste deutsche Online-Wahlkampf auch im Fernsehen hätte stattfinden können; nach dem klassischen Sender-Empfänger-Modell.
"Wir orientieren uns noch viel zu sehr am traditionellen Wahlkampf. Das ist aber auch eine Altersfrage", sagt der medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen selbstkritisch zu stern.de. "Ich habe weder bei der Union, noch bei den anderen Parteien ideale Beispiele gesehen, zu denen meine Kinder gesagt hätten: Vadder, das ist eine gelungene Kampagne!" Dabei sollte doch der Bundestagswahlkampf, so wurde prophezeit, als Medienrevolution in die Geschichte eingehen. Barack Obama hatte als Präsidentschaftskandidat vorgemacht, wie man eine erfolgreiche Graswurzelkampagne im Netz organisiert. Nur, aus der deutschen Revolution ist am Ende ein Revolutiönchen geworden.
Für Simon Lange, Sprecher der Piratenpartei, ist klar, woran es den Volksparteien mangelt. "Sie sind im Netz viel zu traditionsbehaftet und vor allem nicht glaubhaft. Wenn PR-Agenturen den Wahlkampf einer Partei leiten, dann ist das alles andere als authentisch. Und wenn ich mich bei der Mitmach-Seite einer Partei erstmal registrieren muss, um zu sehen, was dort passiert, ist das einfach intransparent."
Sicher, nie zuvor haben die deutschen Parteien derartig viel Zeit und Geld in ihre Online-Auftritte investiert, in eigene Videokanäle und Plattformen. Es wurde gebloggt und getwittert, als wäre morgen Wahlsonntag und jeder deutsche Spitzenkandidat, der etwas auf sich hielt, pflegte ein oder gleich mehrere Social-Network-Profile. Doch kein einziger parteipolitischer Youtube-Spot, kein Kandidatenprofil und schon gar kein Twitter-Account hat im deutschen Online-Wahlkampf 2009 die Schallgrenze von 100.000 Aufrufen überschritten, wie eine Recherche auf politik-digital zeigt. Zum Vergleich: Obamas Facebook-Account hatte zum Höhepunkt der Demokraten-Kampagne über sieben Millionen Unterstützer.
Bezeichnenderweise sind gerade die Mitmachangebote der Parteien gefloppt. Die Unterstützernetzwerke "meinespd.net", "team2009.de", "mitmachen.fpd.de", meinekampagne.gruene.de" und "linksaktiv.de" waren als Schnittstelle zwischen Offline und Online-Wahlkampf gedacht. Dort konnte sich beteiligen, wer nicht gleich Parteimitglied werden wollte. Doch Mitmachen hieß auf diesen Plattformen eben nicht gleich Mitentscheiden, sondern nur zu oft zugemüllt werden mit Wahlkampfslogans und Werbe-Nulltext. "Die Interaktion hat in den USA besser funktioniert", sagt Christoph Bieber, Forscher am Zentrum für Medien und Interaktivität der Universität in Gießen. "Hierzulande werden Online-Aktivitäten oft als Konkurrenz zu innerparteilichen Strukturen angesehen. Die Partei muss dann ihren Mitgliedern erklären, warum man jetzt auch noch Mitmacher von Außen anwirbt."