. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
21. Mai 2010, 18:47 Uhr

Der Drahtseilakt von Jürgen Kraft

Rot-Rot-Grün ist tot, die nordrhein-westfälischen Parteien sondieren weiter. Nun türmen sich Fragen: Würde Kraft unter Rüttgers arbeiten? Besinnt sich die FDP auf die Ampel? Wer fürchtet Neuwahlen? Eine Analyse von Lutz Kinkel

Hannelore, Kraft, Jürgen, Rüttgers, NRW, Koalition, Bildung, Große Koalition, Sondierungsgespräche, rot-rot-grün, Bärbel, Beuermann

Streit schon vor der Sondierung: Hannelore Kraft, SPD, und Jürgen Rüttgers, CDU© Clemens Bilan/ddp

Den skurrilsten Auftritt bei den rot-rot-grünen Sondierungsgesprächen am Donnerstag im Düsseldorfer Hotel "Holiday Inn" hatte zweifellos Bärbel Beuermann, Spitzenkandidatin der Linken in Nordrhein-Westfalen. Wie mehrere Teilnehmer stern.de übereinstimmend berichten, sagte sie während der knapp fünfeinhalbstündigen Debatte kein Wort. Nichts zur DDR, nichts zum Haushalt, nichts zum Verfassungsschutz. Einfach gar nichts. Allerdings habe sie drei Mal gehüstelt. Als SPD- Spitzenkandidatin Hannelore Kraft Beuermann direkt ansprach, um ein Statement zu bekommen, habe der Linken-Politiker Rüdiger Sagel geantwortet. Beuermann schwieg weiter. "Einfach nur schräg", sei das gewesen, sagt einer der Teilnehmer.

Die Gespräche wären nicht an Beuermann gescheitert - aber ihr Verhalten trug zum negativen Gesamteindruck bei, der sich bei Grünen und Sozialdemokraten aufstaute. Ausschlaggebend war letztlich, dass sie den Linken nicht zutrauten, ein verlässlicher Regierungspartner zu sein. Die Widersprüche zwischen ihren programmatischen Ansätzen - Energiekonzerne verstaatlichen! Studiengebühren sofort abschaffen! Verfassungsschutz auflösen! - und den realistischen Perspektiven waren zu groß, die diskutierten Kompromisse zu diffus. Grüne und Sozialdemokraten sahen schon eine Legislaturperiode vor sich, in der die Opposition Antrag auf Antrag stellt, die das Linksbündnis in quälende innere Debatten treiben. Allein das Thema DDR hätte wäre ein Minenfeld historischen Ausmaßes geworden.

Grüne und SPD brachen das Gespräch schließlich ab - und killten damit die einzig substantielle Option auf ein Dreierbündnis im nordrheinwestfälischen Landtag. Ein Jamaika-Bündnis zwischen CDU, Grünen und FDP hatten die Grünen schon vor der Wahl ausgeschlossen. Eine Ampelkoalition mit SPD und Grünen will die FDP nicht eingehen - mit dem bizarren Argument, sie könne nicht mit einer SPD zusammenarbeiten, die auch Gespräche mit "Extremisten" führe. Es bleiben also nur noch zwei Möglichkeiten: Große Koalition oder Neuwahlen.

Neuwahlen?

Neuwahlen wären auf den ersten Blick der einfachste Ausweg, es ist zugleich jedoch der unwahrscheinlichste. Erstens herrscht unter den Parteien Konsens, dass sie nicht so lange wählen lassen können, bis ihnen das Ergebnis passt. Zweitens prognostizieren Wahlforscher, dass in diesem Fall der Verdruss unter den Bürgern steigen und die Wahlbeteiligung weiter absinken würde - was ein Eigentor für alle Demokraten wäre. Drittens hätten die Parteien - mit Ausnahme der Grünen, die derzeit einen fantastischen Lauf haben - bei Neuwahlen viel zu verlieren. Die Linke müsste nochmals bangen, ob sie in den Landtag einziehen kann. Gleiches gilt für die FDP, deren Zustimmungswerte bundesweit ins Bodenlose fallen - das ZDF-Politbarometer weist für den Monat Mai nur noch drei Prozent aus. Die CDU könnte ebenfalls ins Schwitzen kommen, weil Kanzlerin Angela Merkel in den kommenden Monaten unangenehme Sparbeschlüsse fassen muss. Denkbar ist allerdings auch, dass die CDU gewinnen würde, weil ihre Stammwähler, die bei der Landtagswahl zuhause geblieben sind, klare Verhältnisse schaffen wollen. Das wiederum ängstigt die SPD.

Eigentlich sind Neuwahlen für die SPD nur in einer Hinsicht interessant: Der Gedanke daran könnte die Liberalen derart in Panik versetzen, dass sie doch noch in eine Ampel-Koalition einschwenken. Momentan sei das Thema "tot", sagt ein FDP-Mann zu stern.de. Laut NRW-Landesverfassung würden sich Neuwahlen leicht herbei führen lassen: Eine einfache Mehrheit der Abgeordneten müsste die Selbstauflösung des Parlaments beschließen. Das wäre es dann gewesen.

Große Koalition?

Bleibt die Große Koalition. CDU und SPD jedoch liegen sich schon vor den Sondierungsgesprächen, die am Dienstag oder Mittwoch nach Pfingsten beginnen sollen, in den Haaren. CDU-Generalsekretär Andreas Krautscheid gab bereits eine Personalentscheidung bekannt. "Rüttgers ist für uns der nächste Ministerpräsident", sagte er. Die CDU hatte bei den Landtagswahlen einen hauchdünnen Vorsprung von 6200 Stimmen erzielt und leitet daraus ihr Recht ab, den Regierungschef zu stellen. Jürgen Rüttgers, der selbst ernannte "Arbeiterführer", ist für die SPD allerdings ein rotes Tuch. Zudem ist die Frage auch von genereller Bedeutung: Die Erfahrung mit der Großen Koalition in Berlin lehrt, dass politische Erfolge meist auf die Führungsfigur einzahlen, Misserfolge hingegen dem Juniorpartner anhängen. Da CDU und SPD wegen des minimalen Stimmenunterschiedes im Landtag die gleiche Anzahl Sitze haben, wird die SPD auch einen eigenen Anspruch auf die Staatskanzlei formulieren. Ein harter Streit ist vorprogrammiert.

Hannelore Kraft, Spitzenkandidatin der SPD, hat sich nicht auf Personalien, sondern auf Inhalte festgelegt. "Wir sind gewählt worden für einen Politikwechsel", sagte sie dem Westdeutschen Rundfunk. Nun müsse sich zeigen, ob längeres gemeinsames Lernen in den Schulen, die Abschaffung der Studiengebühren und eine Verbesserung der Kommunalfinanzen mit der CDU möglich seien. "Da werden wir keinerlei Abstriche machen können", sagte Kraft. Das ist, kurz gesagt, eine Generalattacke auf die Bildungspolitik, die Jürgen Rüttgers und sein Koalitionspartner FDP in der vergangenen Legislaturperiode gefahren haben. Die CDU hält verbissen am dreigliedrigen Schulsystem fest, die Studiengebühren wurden unter Rüttgers erst eingeführt. Auch hier wird es scharfe Auseinandersetzungen geben.

Womöglich ist ausgerechnet die Personalfrage noch am ehesten zu lösen. Kraft könnte ihren Anspruch auf das Amt des Ministerpräsidenten aufgeben, wenn die CDU Rüttgers aus dem Rennen nimmt. Als heißester Kandidat für dessen Nachfolge gilt Generalsekretär Andreas Krautscheid, der in Partei und Fraktion bisher eine gute Figur gemacht hat und selbst vom politischen Gegner respektiert wird. Strebt Krautscheid das Amt tatsächlich an, muss er jetzt öffentlich umso lauter für Rüttgers plädieren: Er kann nicht der Königsmörder sein. Das würde seine Vorfestlegung auf Rüttgers erklären. Integrationsminister Armin Laschet, der wegen seiner besonnenen Ansichten über Düsseldorf hinaus geschätzt wird, hat nach Einschätzung von Landespolitikern zu wenig Rückhalt in der CDU. Er gilt als zu "links", um Rüttgers beerben zu können.

Hessische Verhältnisse

Können sich SPD und CDU nicht einigen, bleibt die jetzige schwarz-gelbe Koalition bis auf weiteres geschäftsführend im Amt. Der Landtag würde sich am 9. Juni neu konstituieren, die Wahl des Ministerpräsidenten, die für den 23. Juni vorgesehen ist, ins Wasser fallen. Rüttgers würde unverhofft in die Verlängerung gehen. Diese Situation gab es schon einmal: in Hessen. Dass sie für niemanden vorteilhaft ist, dürfte sich inzwischen rumgesprochen haben.

Eine Analyse von Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
jomimo (23.05.2010, 17:20 Uhr)
Ist schon erstaunlich ....
Was nach Landtagswahlen so abläuft.

Hier in S - H bekam die Linke einen Sitz mehr im Landtag nachträglich, weil in Husum " falsch " gezählt wurde. Das ist nicht Nordstrand, aber auch nicht so sehr weit von PHC's Wohnsitz entfernt.

Was sagt uns das ?

Lügen, betrügen, tricksen - Politik in Gemeinschaft mit wirtschaftlichen Interessen hat sich längst über das hinweggesetzt, welches Lehrer und Eltern den Kindern als Demokratie vermitteln möchten.
Tajmahal1111 (22.05.2010, 22:46 Uhr)
Notfalls Neuwahlen...
Bei den rot-rot-grünen Verhandlungen über die Zukunft von NRW stellte Frau Kraft die DDR in den Mittelpunkt, obwohl es nichts mit NRW zu tun hatte. Bei den Verhandlungen mit der CDU wird sie den Politikwechsel in das Zentrum stellen. Auch hier verlangt sie, was kaum zu leisten ist. Denn der Wechsel bedeutet eine Abkehr von der bisherigen Politik von Rüttgers. Und mit der 'Ampel' treibt sie die FDP. Alles in der Gewissheit, sowieso Ministerpräsidentin zu werden, sei es nach mehreren Wahlgängen, sei es mit Stimmen der Linken. Das ist ihr klar. Und je deutlicher sie ihren Machtanspruch zeigt, desto besser bei eventuellen Neuwahlen. Die Zeit tickt gegen CDU und FDP Tag für Tag!
Oetker333 (22.05.2010, 16:36 Uhr)
@OttoB
Das mit Frau Beuermann und ihrem 5-stündigen Schweigen steht im Artikel.
die tragische Figur in der gesamten Geschichte ist für mich Herr Zimmermann. Dem nehme ich es ab wirklich eine Regierung bilden zu wollen. Vielleicht finden sich die vier Landtagsabgeordneten, die nicht Mitglieder von, vom Verfassungsschutz beobachteten, Organisationen sind, zu einer eigenständigen Parlamentsgruppe zusammen. Dann könnte man mit Rot-Grün endlich über Inhalte diskutieren ohne den personellen und ideologischen Ballast der anderen.
rockyciano (22.05.2010, 12:57 Uhr)
Ich glaube,
die Luft für die SPD wird schon ziemlich dünn - Steinmeier appelliert "schon" für die Ampel.............warum wohl??!!
OttoB (22.05.2010, 12:38 Uhr)
@schwarzenegger
Da sie ja scheinbar bei den Gesprächen dabei waren,
Zitat:Wenn die Linke tatsächlich solche Flanken bietet, ist sie noch nicht wählbar. Das DDR-Verhältnis muss eindeutig geklärt werden. Eine Spitzenkandidatin die 5 Stunden lang während der Verhandlungen schweigt, sollte dringend ausgewechselt werden.
Zitat Ende:
Dann sagen sie uns mal die Gründe genau die Frau Kraft nicht erklärt.
Für mich ist schwarz/rot und Ampel ein Verrat am Wähler.
Frau Kraft=Herr Schröder.
Die Sozialdemokratische Partei ist tot. Zur Freude der FDP und CDU.
mramorak (22.05.2010, 12:12 Uhr)
Warum nicht neuwahl?
Gibt es da einen anderen Grund, als die Angs der Linken Parteien, dass sich Hessen wiederholen wird? Auch 62oo stimmen sind eine Mehrheit! Will die SPD auch in Duesseldorf, dass die CDU die Kirche im Dorf laesst?
freierwille (22.05.2010, 12:10 Uhr)
"Hessische Verhältnisse"? - Stimmt nicht!
Die NRW-Landesverfassung sieht ausdrücklich vor, dass ein Ministerpräsident / eine Ministerpräsidentin im vierten Wahlgang mit EINFACHER Mehrheit gewählt wird. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Düsseldorfer Landtag wäre die Wahl von Hannelore Kraft spätestens dann so gut wie sicher: Im vierten Wahlgang würde eine Stichwahl zwischen Rüttgers und Kraft stattfinden. CDU+FDP = 80 Stimmen. SPD+Grüne = 90 Stimmen. Da es kaum vorstellbar ist, dass alle 11 Linke-Abgeordneten Rüttgers wählen, wäre Kraft schon bei zwei Enthaltungen oder Stimmen für sie aus den Reihen der Linken Ministerpräsidentin. Eine Regierung wird in NRW durch den Ministerpräsidenten /die Ministerpräsidentin ernannt - ohne Absegung des Landtages.

Eine Mehrheit für viele rot-grüne Wahlversprechen ließe sich auch ohne Koalitionsmehrheit leicht organisieren, wenn SPD, Grüne und Linke es mit dem viel beschworenen Politikwechsel wirklich ernst meinen.

Ob es dann im Nachgang doch noch zu Neuwahlen kommt, sei dahingestellt. Aber Hannelore Kraft könnte aus dem Amt der Ministerpräsidentin heraus in einen neuen Wahlkampf gehen ...
Hadschi (22.05.2010, 11:45 Uhr)
Eine Fusion wäre hier angebracht
Die SPD fusioniert mit der CDU, dem Steuerzahler wird es freuen, und der Stern fusioniert mit der Bildzeitung, dem Leser wird?s nicht auffallen.
Im Gegensatz zu den Grünen und der SPD hat Die Linke ihre ideale hier nicht verkauft. Das war in Hessen so und ist auch in NRW so. Hoffentlich wird sich daran auch nichts ändern.
rockyciano (22.05.2010, 10:25 Uhr)
@tomtomgo57
Mit dieser Einstellung spielst du denen doch den Ball zu und sie verbleiben im Sattel.Es gilz nämlich Folgendes: je weniger wählen,desto größer die Wahrscheinlichkeit,dass sie drin sind z.B: FDP.Das Fatale ist,dass viele Wähler diese Zusammenhänge nicht sehen bzw. erkennen.

Fazit:Bestimmte Parteien freuen sich über eine Vielzahl von Nichtwähler - und das ist auch aus deren Sicht gewollt
tomtomgo57 (22.05.2010, 08:40 Uhr)
Schlechte Verlierer
Frau Kraf!, nur weil Sie ein paar Stimmen dazu gewonnen haben, Herr Rüttgers! Der Wähler hat ganz klar gezeigt Sie sind nicht mehr gefragt! Aber alles was da gerade abläuft ist eine furchtbar miese Show, Kummelei, Schieberei und das einzige was ich immer und immer wieder schreibe Schwarz & Rot = Betrug am Wähler!!
Stell dir vor es sind Wahlen und keiner geht hin!!
Soviel Kommentar zum Thema Neuwahlen!!
MEHR ZUM ARTIKEL
Regierungsbildung in Nordrhein-Westfalen Kraft erneuert Gesprächsangebot an FDP

In NRW läuft alles auf eine große Koalition hinaus. Oder doch nicht? SPD-Landeschefin Hannelore Kraft hat der FDP indirekt erneut Gesprächsbereitschaft signalisiert. Die CDU dagegen will einen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers durchsetzen. mehr...

Sondierungsgespräche in NRW gescheitert Kraft beerdigt Rot-Rot-Grün

Nach knapp fünfeinhalb Stunden Gespräch hatten SPD und Grüne den Eindruck: Vergiss es mit der Linkspartei, das sind nur Amateure. Nun läuft es in NRW auf eine Große Koalition zu. mehr...

Berlin vertraulich! Röttgen rangelt um NRW-Chefposten

Wahlverlierer Rüttgers ist abgetaucht, der Kampf um den Vorsitz der NRW-CDU ist eröffnet - und da mischt auch der sonst so manierliche Umweltminister Röttgen mit. Welche Chancen hat er? Und wie geht Merkel nun mit dem Bundesrat um? mehr...

Der politische Abwasch der Woche Die SPD ist wie Schalke 04

Bischof Mixa ist ein feiner Kerl, die SPD hat klar die Wahl in NRW gewonnen und Schalke 04 wird immer Meister. Die Erde ist ja auch eine Scheibe, richtig? Zeit für den Abwasch. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe