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19. Dezember 2008, 20:08 Uhr

Eiskalt abserviert

Als Ermittler holten sie für den Staat Millionen, auch bei den großen Banken. Doch plötzlich war Schluss. Plötzlich störten sie die Geschäfte und wurden als Querulanten aus dem Dienst gemobbt. Die Geschichte von Rudolf Schmenger und seinen Kollegen von der Steuerfahndung Frankfurt, die jetzt auf Gerechtigkeit hoffen. Von Frauke Hunfeld

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Steuerfahndung, Steuerhinterziehung, Zumwinkel, Lichtinghagen, Ermittler, Steuerfahnder

Rudolf Schmenger, 47, zuletzt Amtsrat. Er wehrte sich gegen das Aus - und wurde per Gutachten für verrückt erklärt

Es ist aber auch zum Verrücktwerden, denkt Rudolf Schmenger, und dann muss er selbst lachen. Schon wieder so eine abenteuerliche Geschichte. Schon wieder ganz nah dran. Endlich mal einen Großen angeklagt, einen, von denen es sonst immer heißt, man ließe sie laufen. Klaus Zumwinkel, Ex-Postchef, soll Steuern hinterzogen haben, mithilfe einer Stiftung in Liechtenstein. Und gerade hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass ab einer Million Euro hinterzogener Steuern nur in Ausnahmefällen eine Bewährungsstrafe zulässig sei. Und ausgerechnet jetzt kommt heraus: Weil ein Amtsrichter den Durchsuchungsbeschluss für Zumwinkels Haus einen Tag zu spät unterschrieb, sind Taten vor 2002 womöglich verjährt. Damit sinkt die Summe der Zumwinkel zur Last gelegten Steuerhinterziehungen von 1,18 Millionen auf 996.000 Euro - knapp unter die magische Million.

Da kann Rudolf Schmenger nur den Hut ziehen. Vor den Anwälten des Herrn Zumwinkel, die auf die Fristüberschreitung gekommen sind. "Profis", sagt er. Profis wie er selbst mal einer war. Allerdings auf der anderen Seite. Schmenger war Steuerfahnder. Bis man ihn für verrückt erklärte. Aber vielleicht ist er ja bald wieder "normal".

Zwielichtige Gutachten

Der Anruf, mit dem er nicht mehr gerechnet hatte, erreicht ihn in der Frankfurter Krankenhauskantine. Sein Vater ist in der Klinik, er hatte einen Herzinfarkt, Rudolf Schmenger hat ja Zeit und besucht ihn jeden Tag. Der Mann am Telefon heißt Rainer Raasch und war bis vor Kurzem Richter am Frankfurter Landgericht. Jetzt führt er für die Landesärztekammer Hessen die berufsrechtlichen Ermittlungen gegen den Psychiater, der Schmenger und dessen Kollegen für dienstunfähig erklärt hat. Raasch untersucht den dringenden Verdacht, dass dieser Psychiater durch Gefälligkeitsgutachten der hessischen Finanzbehörde geholfen hat, unbequeme Beamte loszuwerden.

Richter Raasch hat eine Menge abenteuerlicher Geschichten gehört in seinem langen Berufsleben. Trotzdem fragt er immer wieder nach, so als könne er kaum glauben, was er da hört. Schmenger versteht ihn. Denn seine Geschichte klingt nicht wie ein Fall aus einer deutschen Finanzbehörde. Sondern wie von Franz Kafka. Und er ist nicht allein.

Die Geschichte der Steuerfahnder Rudolf Schmenger, Heiko und Tina Feser, von Sven Försterling, Marco Wehner, Frank Wehrheim, Dieter Reimann, Eckard Pisch, Wolfgang Schad und den anderen beginnt im Sommer 2001. Bis dahin galten die Steuerfahnder des Finanzamtes Frankfurt V als untadelige Finanzbeamte, manche von ihnen mit jahrzehntelanger Erfahrung, andere als junge Kräfte mit großem Potenzial und besten Beurteilungen. Manchen in der Fahnderszene galten sie gar als Stars. Sie machten in einem Verfahren gegen eine Großbank wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung auch vor den Vorstandsetagen nicht halt, und sie zwangen Großbanken dazu, die Steuern der Kunden nachzuzahlen, deren Namen sie nicht nennen wollten oder konnten.

Geschätzt und belobigt

Die Commerzbank und die Deutsche Bank hatten, unter anderen, Gelder reicher Kunden über Transferkonten anonym ins Ausland geschafft, und sie hatten gewusst, dass dies illegal ist. Die Frankfurter Fahnder schleppten kistenweise das Material aus den Banken und brachten reichen Steuerhinterziehern und deren Helfern in den Banken das Fürchten bei, dem kleinen Mann den Glauben an die Gerechtigkeit, und nebenbei brachten sie dem Land Hessen Zusatzeinnahmen von rund 250 Millionen und bundesweit rund eine Milliarde Mark zusätzlicher Steuergelder. Sie wurden geschätzt und ganz offiziell von ihrem Dienstherrn belobigt. In ihren Büros lagerte in Banken beschlagnahmtes Material, das bei Auswertung weitere Steuermehreinnahmen in Millionenhöhe erwarten ließ.

Aber dann geschah in diesem Sommer der Euphorie etwas Seltsames: Eine Amtsverfügung wird den Fahndern in verschlossenem Umschlag überreicht, in der der Leiter des Finanzamts, Jürgen Schneider-Ludorff, etwas verlangt, was in den Augen der Fahnder ungeheuerlich ist: Ein steuerstrafrechtlicher Anfangsverdacht soll ab sofort in der Regel nur noch dann bestehen, wenn "nach dem vorhandenen Belegmaterial ein Transfervolumen von DM 500.000 oder ein Einzeltransfer von DM 300.000 vorliegt". Auch ergäbe sich "insbesondere für Bankenfälle, welchen Kapitaltransfers in das Ausland in den Jahren 1992 bis 1994 zugrunde liegen und die strafrechtlich nicht mehr verfolgbar sind, nicht zwingend ein Anfangsverdacht für strafrechtlich noch nicht verjährte Folgejahre".

Die Fahnder wollen da nicht mitmachen. Sie befürchten Strafvereitelung im Amt. Sie wissen ja, dass Vermögen, das der Steuerpflicht entzogen wird, stets in kleine Tranchen gestückelt wird. Und sie kennen die Leute, die Millionen mit Autos oder in Koffern über die Grenzen schaffen, die Geldbündel, kiloweise eingenäht ins Bettzeug, in Steueroasen bringen, selbst oder mit Mittelsmännern, und sich auf der sicheren Seite wähnen. Und dann, nur ein kleiner, dummer, aber folgenschwerer Fauxpas, überweisen sie die Depotgebühren von ihrem Privatkonto nach Liechtenstein. So ein Einzelbeleg umfasst vielleicht gerade einmal ein paar Tausend Euro. Dahinter stehen jedoch oft Millionen. Immer haben die Fahnder ja nur einzelne Puzzleteile, aus denen sie das große Ganze erst zusammensetzen müssen. Und damit soll jetzt Schluss sein?

Strafversetzung

Der Steuerfahnder Regierungsoberrat Eckard Pisch erfährt nach Rückkehr aus seinem Urlaub von der neuen Verfügung. Er ist ein erfahrener Mann, seit mehr als 20 Jahren Beamter, der von der Kriminalpolizei über ein Jurastudium in die Steuerfahndung kam und als Sachgebietsleiter und Koordinator der Bankenverfahren tief mit der Materie vertraut ist. Seine Argumente haben Gewicht - normalerweise. In diesem Fall jedoch entledigt man sich seiner auf andere Weise: Nach seinem elfseitigen schriftlichen Protest, in dem er rechtliche und organisatorische Bedenken detailliert darlegt, wird ihm an einem Montag mitgeteilt, dass er ab Donnerstag aus der Steuerfahndung ans Finanzamt nach Darmstadt abgeordnet sei. Das ist eben der Preis des sicheren Arbeitsplatzes, und jeder Beamte, der meckert, kennt die Gefahr: Wenn du heute das Maul aufmachst, bist du morgen vielleicht in Hintertupfingen. Oder in Darmstadt.

Auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt erfährt von der Amtsverfügung und protestiert. Der für die Bankenverfahren zuständige Staatsanwalt Markus Weimann verbittet sich "die Veränderung der Beweismittelerhebung in laufenden Verfahren" und verweist auf das Legalitätsprinzip: Wenn man den einen wegen einer Steuerhinterziehung von 100.000 Euro oder der Beihilfe drankriegt, kann man den nächsten nicht bei gleichem Sachverhalt laufen lassen. Seine Bedenken verpuffen.

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Steuerfahndung, Steuerhinterziehung, Zumwinkel, Lichtinghagen, Ermittler, Steuerfahnder

Klaus Zumwinkel, 64, Ex-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post, verlässt im Februar 2008 in Begleitung seines Anwalts und der Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen (r.) sein Haus in Köln. Ihm wirft man Steuerhinterziehung in Millionenhöhe vor© Henning Kaiser/DDP

Wer genau mit diesen Aktionen was bezweckt, erfahren die Fahnder nicht. Offiziell lautet die Begründung: Personalnot. Man werde von den Bankenfällen überrollt, man habe zu viele Fälle und zu wenig Leute, und irgendwann müsse auch mal Schluss sein. Viele der Fahnder allerdings spekulieren, es sei eher die Angst um den Finanzplatz Frankfurt. Man wolle es sich mit den Banken und ihren wohlhabenden und einflussreichen Kunden nicht völlig verderben. Andere erinnern daran, dass gerade die hessische CDU ja ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht hat mit illegalen Vermögenstransfers in eine Liechtensteiner Stiftung namens "Zaunkönig", die die Parteispendenaffäre ausgelöst hat. Vielleicht hat der Zaunkönig Kinder bekommen? Wieder andere glauben, die Politiker sähen eben vor allem die unmittelbaren Landesinteressen und hätten eine simple Rechnung aufgemacht: Die Steuerfahnder und das Hilfspersonal muss das Land Hessen bezahlen. Die Mehreinnahmen gehen zum Großteil in den Länderfinanzausgleich. Will man wirklich die Großbanken und ihre vermögenden Kunden weiter an die Kandare nehmen, obgleich man selbst fast nichts davon hat?

"Lass gut sein, sonst machen die dich fertig"

So leicht jedoch wollen sich die Fahnder nicht abwimmeln lassen. Sie fürchten um den Erfolg dessen, was sie in jahrelanger Arbeit aufgebaut haben. Wenn der Grund ist, dass man seitens des Dienstherren Bedenken hat, die Vielzahl der Fälle aus Personalnot nicht bearbeiten zu können, dann muss doch mehr Personal her, statt dass man die Steuerhinterzieher laufen lässt. Die Ahndung eines Banküberfalls hänge schließlich auch nicht von der Höhe der Beute ab.

Als einer der Rädelsführer der Kritik wird nach der Versetzung des Bankenkoordinators Pisch von der Obrigkeit Rudolf Schmenger ausgemacht. Immer wieder erklärt er seine Bedenken, immer wieder bringt er Beispiele an, der Mann wird ziemlich lästig. Seine Beurteilungen verschlechtern sich abrupt, seine Fallhefte werden inspiziert, seine Wochendienstpläne kontrolliert, und es gibt nicht wenige, die ihn warnen: "Schmenger, lass gut sein, sonst machen die dich fertig."

Genauso kommt es. Gegen Rudolf Schmenger, Steuerfahnder, Amtsrat, 41 Jahre alt, seit 24 Jahren untadeliger Beamter, seit elf Jahren in der Steuerfahndung, stets mit den besten Beurteilungen, wird von seinem Vorgesetzten Schneider-Ludorff ein disziplinarisches Vorermittlungsverfahren eingeleitet. Die Vorwürfe: Hier sei ein Formular nicht richtig ausgefüllt, dort eine Telefonnummer unleserlich geschrieben, an einem Tag habe er sich zwischen 7.30 und 8.25 Uhr unerlaubt vom Arbeitsplatz entfernt oder habe mit einem Kollegen auf dem Flur über ein Verfahren geredet, das ihm nicht zugeschrieben war. Dass Schmenger später vor dem Verwaltungsgericht siegt und keiner der Vorwürfe haltbar bleibt, nützt dem unbequemen Staatsdiener nichts: Schmenger muss die Steuerfahndung verlassen und wird zum 31. März 2003 in die Großbetriebsprüfung versetzt. Das Namensschild an seinem Büro wird abmontiert, der Netzzugang zu seinen elektronischen Daten gekappt, und was aus den zuletzt von ihm bearbeiteten Ermittlungsverfahren wird, weiß er nicht.

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Ausgabe 51/2008

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KOMMENTARE (10 von 67)
 
maxen (09.09.2009, 02:10 Uhr)
.. da herrscht Verwirrung, nicht Regierung
"Wenn ich wirklich weiss, was es heisst,
im grossen SINN zu leben, so ist es vor allem die Geschäftigkeit, die ich fürchte.

Wo die grossen Strassen schön und eben sind, aber das Volk Seitenwege liebt;
wo die Hofgesetze streng sind,
aber die Felder voll Unkraut stehen;
wo die Scheunen ganz leer sind, aber die Kleidung schmuck und prächtig ist;
wo jeder ein scharfes Schwert im Gürtel trägt; wo man heikel ist im Essen und Trinken und Güter im Überfluss sind:
da herrscht Verwirrung, nicht Regierung." - Laotse
Frederik72 (22.12.2008, 14:33 Uhr)
Feudalismus
Irgendwie erinnert mich das alles an den Feudalismus, nur haben sich die Regeln geändert, wann man zum Feudalherren zählt und wann zum einfachen Volk. Der Umgang untereinander ist im Prinzip gleich geblieben. Gut, es gibt keine modrigen Kerker mehr und das Fallbeil wurde auch abgeschafft, aber sonst.....
Kommentator21 (22.12.2008, 08:59 Uhr)
das war klar das Postwinkel und Co deckt
http://www.freace.de/artikel/200805/260508a.html
darüber gibt dieser Artikel Auskunft, Amigowirtschaft eben...
lazarus06 (21.12.2008, 17:36 Uhr)
Solange die Herren nur bei kleinen Fischen klingeln
Und die hoch hängen ist die Welt doch in Ordnung.Der kleine Selbständige wird ruiniert.... die großen.. lassen die Steuerfahndung feuern :-)
nelly1965 (20.12.2008, 15:16 Uhr)
Ich warte
immer noch darauf, das endlich mal ein Journalist die Politiker als das entlarvt was sie wirklich sind..
Korrupte Egoisten die nur den eigenen Vorteil im Sinn haben. Von wegen Volksvertreter.. Dieser Artikel ist jedenfalls ein guter Ansatz..Danke!
voice36 (20.12.2008, 14:06 Uhr)
Eiskalt abserviert
...wehe man 'pinkelt' den oberen 500 ans Bein und zeigt sie auch noch an, das konnte nicht gut gehen.Und der Staat steckt den Kopf in den Sand.Geld regiert die Welt,da wird wohl was dran sein...und von wegen vor dem Gesetz sind alle gleich.... manche sind eben gleicher... Bananenrepublik ist passend... nur 'sie' wachsen noch nicht...koruppt ist es ja schon genug..und der ehrliche der 'Dumme'
Schumbitrus (20.12.2008, 12:11 Uhr)
Mit mehr solchen Artikeln könnte der Stern ..
Mit mehr solchen Artikeln könnte der Stern in der Tat ein Vakuum füllen.
Denn im offenkundigen Niedergang des mittlerweile schon als "ehemalig" zu bezeichnenden Nachrichtenmagazins wurden sämtliche Boni, Meriten und frühere Verdienste aufgegespeist -- das einzige, wofür dieses Magazin noch steht ist dessen letzte Seite - die sollten ihren "Hohlspiegel" auf die Titelseite drucken -- das wäre wenigstens ehrlich.
Und da man das "Fakten, Fakten, Fakten" - Magazin ja ohnehin nie ernst nehmen konnte, klafft am Nachrichtenmarkt des seriös betriebenen investigativen Journalismusses ein Lock in der Größe der "Sirius Star" ..
Mein Wunsch an den Stern:
Machen Sie regelmäßig solche Artikel (& weniger "Busen- & Püppchenbilder") -- und ich könnte mir vorstellen, den Stern zu abonnieren.
Y. Sschumbitrus
hjohjo (20.12.2008, 11:54 Uhr)
@the_Nick: Selber Dreck am Stecken?
Bei Ihrer Forderung nach Abschaffung der Steuerfahnder werden ihnen primär jene asozialen Subjekte zustimmen, die die Gemeinschaft durch Steuerhinterziehung schädigen. Wer ernsthaft die Abschaffung der Steuerfahndung fordert, der macht das sicher nicht, weil er sich durch die vielleicht manchmal selbstherlichen Beamten belästigt fühlt, sondern weil er Dreck am Stecken hat. Sie auch?
the_Nick (19.12.2008, 23:48 Uhr)
Gut so...
Steuerfahnder braucht kein Mensch. Jeder Handwerker und Selbständige wird mir zustimmen. So Selbstherrlich wie die auftreten... Fehler werden kaschiert... Wie STASI...
heinzbecker007 (19.12.2008, 22:22 Uhr)
Bananenrepublik
Es scheint es gibt an den Schaltstellen der Macht korupte Staatsdiener, Beamte und oder Politiker die unsere Superreichen und Steuerkriminelle schützen. Das alles liest sich wie in einem Politthriller wo eine korupte Beamtenschicht wie in einer Bananenrepblik schalten und walten kann ohne jegliche Kontrolle.
Mir wird schlecht je länger ich über solche Vorfälle nachdenke.
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