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29. Mai 2008, 13:54 Uhr

Rechtsstaat light für Promi-Sünder

In Deutschland gilt gleiches Recht für alle Steuersünder - jedenfalls theoretisch. Praktisch sieht das anders aus. Milliardenschwere Steuerhinterzieher wie Reinhold Würth bekommen schon mal großzügige Promi-Rabatte. Von Hans Peter Schütz

Zoom

Der Milliardär Reinhold Würth bekam wegen Steuerhinterziehung einen Strafbefehl© Daniel Maurer/AP

Reinhold Würth war persönlich dabei, als das Land Baden-Württemberg einmal für sich mit dem Slogan Reklame machte "Wir können alles - außer Hochdeutsch." Jetzt steht fest, der Unternehmer Würth, weltgrößter Schrauben-Hersteller, Milliardär und einer der zehn reichsten Deutschen: Der ist nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer. Der kann auch im großen Stil Steuern hinterziehen.

Für Normalbürger mag der Strafbefehl, den das Amtsgericht Heilbronn jetzt gegen den Firmenpatriarch persönlich verhängt hat, sehr eindrucksvoll klingen. 700 Tagessätze muss Würth abliefern, was maximal 3,5 Millionen Euro Strafe sein können. Bedenkt man jedoch, dass die Staatsanwaltschaft ursprünglich davon ausgegangen ist, dass Würth privat 40 Millionen an Steuern hinterzogen hat und der Konzern insgesamt eine dreistellige Millionensumme, dann ist das ein generöses Strafgeschenk. Das zahlt ein Milliardär aus der Westentasche. Und außerdem bleibt ihm durch den diskret verabredeten Strafbefehl, der alle Details seiner Machenschaften verschweigt, die öffentliche Gerichtsverhandlung erspart.

Der Steuerhinterzieher Würth ist so gut davongekommen, wie es ein normal sterblicher Steuersünder kaum erwarten könnte. Der Ausgang des Verfahrens gegen ihn belegt eindrucksvoll, dass in der Bundesrepublik gleiches Recht für alle zwar im Grundgesetz steht, in der Praxis vor Gericht aber oft nicht stattfindet. Bei Würth war Kanzler Gerhard Schröder schon zu Gast, Ministerpräsident Günther Oettinger saß mit ihm vielfach zusammen, der Bundespräsident Horst Köhler hat ihn besucht. In seine Berliner Prunkvilla lädt Würth regelmäßig Politiker zu Drei-Sterne-Menüs ein. Er spendet an die Parteien, an die FDP vor allem, deren Mitglied er ist. Er sammelt Kunst im ganz großen Stil, operiert mit Stiftungen im Ausland.

Gute Behandlung bei guten Beziehungen

Vor diesem Hintergrund lehrt das überaus milde Würth-Urteil: Wer gute politische Beziehungen hat, die Parteien finanziell pflegt, wird gut behandelt vor Gericht. Würth hat ja während des Verfahrens mit seinem FDP-Austritt gedroht, was bestimmt den baden-württembergischen Justizminister Goll arg erschreckt haben dürfte. Der ist schließlich FDP-Mann.

Ministerpräsident Oettinger wiederum ruft zwar seit dem Liechtensteiner Steuerskandal markig nach konsequenter Anwendung der Steuergesetze, fordert sogar höhere Haftstrafen für Schwersttäter an der Steuerfront. Aber gegenüber dieser ihm sehr nahe stehender Person Würth hörte man nichts dergleichen. In Fällen wie diesem werden Deals gemacht, vor allem in Baden-Württemberg, wo man ja bekanntlich alles kann. Nur ein Beispiel: In München wird seit längerem rigoros gegen Siemens und die Zahlung von Schmiergeldern aus schwarzen Kasse vorgegangen. Beim Stuttgarter Autohersteller Daimler existierten ebenfalls weltweit schwarze Kassen. Die Staatsanwaltschaft war bisher wenig interessiert an diesem Tatbestand.

Einen weiteren Fall sollte der Otto-Normalsteuerzahler daher aufmerksam beobachten: Mit welcher Strafe wird die Steuerhinterziehung von Ex-Postchef Zumwinkel geahndet, die sich ebenfalls im Millionenbereich bewegt haben soll? Man möchte darauf wetten: Auch der bekommt einen satten Promi-Rabatt.

Von Hans Peter Schütz
KOMMENTARE (10 von 32)
 
ecomoc4u (30.05.2008, 15:42 Uhr)
pass wegnehmen.
bei gerechten strafen, würde dieser kapitalist und viele andere deutschland komplett verlassen und woanders produzieren.
.
ja und. dann sollen die doch ins ausland. dort können die sich maximal ein paar jahre halten, bedingt durch willkür, regimewechsel und vieles mehr, was nicht vorhersebar ist. auch könnte man in erwägung ziehen, die staatsbürgerschaft zu entziehen
.
wer dem gemeinwohl so einen hohen schaden zufügt, hat die staatsbürgerschaft nicht verdient, egal ob urdeutsch oder neudeutsch.
.
endbenutzer (30.05.2008, 08:19 Uhr)
@AttaTroll:
"...Es geht hier nicht etwa um ein Fäßchen Bier das der "Gutsherr" wohlwollend dem gemeinen Volk überlässt, sondern um Arbeitsplätze: 63.000 insgesamt, davon der Löwenanteil in Deutschland..."
.
Auch andere Unternehmer schaffen und erhalten Arbeitsplätze in Deutschland, ohne dafür die Steuer zu betrügen. Was soll diese Argumentation? Und die Nummer mit dem Privatflugzeug auf der (öffentlichen) Autobahn lässt tief blicken. Ist schon merkwürdig, wie verständnisvoll einige hier einem Steuergangster gegenüber sind. Kann aber vielleicht daran liegen, dass man selbst mal gerne den ein oder anderen Euro an der Steuer vorbeischummelt. Über das Rechtsempfinden einiger hier kann ich mich nur noch wundern...
heiner5362 (29.05.2008, 19:01 Uhr)
wenn der
ach so "honorige" mann es so dicke hat, warum leistet er sich einen solchen fauxpas?
weil er der klassische ausbeuter ist.
eure baumarkt-schrauben dieser firma
werden komplett in indien und china unter mörderischen bedingungen für die arbeiter dort gestanzt und eloxiert.
was von 5 cent das kilo im ankauf dort für 7,95 pro 50stück bei uns verkauft wird, die marge steckt sich dieser feine herr in die tasche.
die reine gier hat ihn wohl getrieben, wie so oft bei den abgehobenen die sich unverwundbar fühlen.
kein knast ???
erstmal sind richter auch nur menschen, einer kokst gerade in brasilien rum...
und lassen sich von parteifreunden auch gern mal unter druck setzen.
gerade oettinger und consorten die creme der deutschen wirtschaftsmafia.
diese ratten halten einander die hand vor den arsch und schieben sich gegenseitig die knete zu.
man beachte bei speziellen politikern das schmierige grinsen.
und die "wohltaten" die der herr würth verteilt ?
KFK (Flick) nannte das mal "LANDSCHAFTSPFLEGE".
also wohnen wir alle im gartenverein der bananenzüchter grossindustrieller e.V.
der banause wusste genau was er tat und wusste dass er so billig davonkommt.
umgang formt den menschen-man lese seine gästeliste, da wird doch alles klar.
enteignen
kfpdm (29.05.2008, 18:19 Uhr)
Die Antwort....
http://www.manager-magazin.de/koepfe/artikel/0,2828,556150,00.html
Dort steht:
"Bei der Bemessung der Strafen sei die vollständige Wiedergutmachung des Schadens berücksichtigt worden."
Ergo: Er hat die Steuern nachgezahlt und die ganze Aufmachung des Artikels auf Stern.de ist sowas von diletantisch... Wo bleibt der Journalistische Anspruch???
Gruß,
A.
kfpdm (29.05.2008, 17:51 Uhr)
Mal ne ganz blöde Frage....
Ersetzt der Strafbefehl über 700 Tagessätze die Rückzahlung der hinterzogenen Steuern? Mit Sicherheit nicht.... die holt sich das Finanzamt schon noch.
Ergo ist das die Strafe für seine Steuerhinterziehung. Das einzige was dann in Richtung 2-Klassen-Rechtsprechung geht ist die Tatsache dass er sich "freikaufen" kann und keine (öffentliche) Gerichtsverhandlung mit anschließender Verurteilung wegen Steuerhinterziehung wie bei "normalen" Steuerhinterziehern stattfindet.
Es wäre die Pflicht Seitens der Stern-Journalisten diese Frage abzuklären. Aber es ist ja verdammt einfach, schnell mal einen Artikel nach Bild-Manie zu schreiben und die tatsächliche Faktenlage nicht ernsthaft zu recherchieren.
Gruß,
A.
AttaTroll (29.05.2008, 17:48 Uhr)
@ endbenutzer
Ich verstehe ja Ihren Unmut, und Sie haben mit vielem was Sie sagen Recht, aber im Fall Würth liegen Sie tatsächlich falsch. Es geht hier nicht etwa um ein Fäßchen Bier das der "Gutsherr" wohlwollend dem gemeinen Volk überlässt, sondern um Arbeitsplätze: 63.000 insgesamt, davon der Löwenanteil in Deutschland. Und allein in Deutschland sind jetzt im 2. Jahr in Folge jeweils mehr als 1000 Jobs hinzugekommen, und wohlgemerkt: gutbezahlte Jobs, kein Niedriglohnsektor. Würth investiert weiter im großen Stil, und das hauptsächlich hier in Deutschland (etwa eine halbe Millarde im letzten jahr) Was ich meine ist: wir brauchen bei uns in Deutschland mehr Unternehmer von der Kategorie Würth. Den jetzt abzustrafen und damit ins Ausland zu treiben wäre ein falsches Signal. Das erkennt Oettinger richtig (obwohl ich diesen Typen sonst für einen Kotzbrocken halte). Und das haben vor ihm auch Teufel und Lothar Späth erkannt. Würth wurde schon immer verhätschelt; es gab sogar vor einigen Jahren auf der A6 Bauarbeiten, damit R. würth mit seinem Privatflugzeug auf der Autobahn landen konnte. Von mir aus kann er das ruhig. Ich gönne ihm sein Geld, und ich gönne ihm auch seine Extrawurst. Er zahlt ja auch "so" immer noch einen ganzen Haufen Steuern. - Das Problem ist unser Steuerrecht, das diejenigen, die leistungsstark und -willig sind, gnadenlos abzockt. Und das sage ich, obwohl ich links wähle!
Clibanarius (29.05.2008, 16:54 Uhr)
Nützliche und unnützliche Bürger?!
"Und ist damit für den Staat nützlicher als alle hier zusammen."
--------------------
Der Spruch kommt mir, in leicht abgewandelter Form, recht bekannt vor.
endbenutzer (29.05.2008, 16:40 Uhr)
@AttaTroll:
Was für eine Story! Mir kommen die Tränen. Niemand hat Herrn Würth zu irgendwelchen Wohltaten gezwungen. Da kann er noch so viel spenden/sponsorn: Es gibt in Deutschland Steuergesetze. Punkt. Was gibt es da eigentlich zu diskutieren? Ich glaub langsam wirklich, einige Leute wären besser im Mittelalter aufgehoben. Immer schön Danke sagen, wenn der Großgrundbesitzer einmal im Jahr ein Fass Bier für's Volk spendiert und den Rest der Zeit schön buckeln.
phocs (29.05.2008, 16:34 Uhr)
man zahlt keine Prozente ....
... sondern Euro, wenn man Steuern zahlt. Bedeutet, Herr Würth zahlt auch mit Betrug mehr Geld wie alle Steuerbeträge der Poster hier in diesem Forum addiert. Und ist damit für den Staat nützlicher als alle hier zusammen.
AttaTroll (29.05.2008, 16:32 Uhr)
Laßt den Würth in Ruhe!
Ich bin aus Schwäbisch Hall, was nicht weit von der Würth-Stadt Künzelsau entfernt liegt. Würth unterhält in Hall u.a. eine eindrucksvolle Kunsthalle und sponsort im angeschlossenen Alten Brauhaus Jazzkonzerte von Bands aus der Region. Sein Unternehmen ist hier bekannt für sehr gute Löhne und Gehälter, erstklassige Aufstiegschancen und hervorragendes Betriebsklima. Die Unternehmen der Würth Gruppe sind breit gefächert, vom Schraubenvertrieb über Eventagenturen bis hin zur Gastronomie. Und: Würth stellt ein. Selbstverständlich ist es nicht in Ordnung, wenn der Staat bei Steuerschulden mit zweierlei Maß mißt. Es ist richtig: Würth wird gehätschelt. Nicht nur von den Kommunalpolitikern oder dem Ministerpräsident. Aber sicher nicht wegen einem Gratisessen oder einer feuchtfröhlichen Party, sondern weil man sich fragt: Was tun wir, wenn der Würth weggeht? Nicht nur aus Künzelsau sondern ganz weg aus Deutschland? Und wenn die ganzen Arbeitsplätze plötzlich futsch sind? - Immerhin tut Würth etwas für seine Mitarbeiter und für seine Region - da soll er von mir aus auch selbst gut verdienen, da habe ich kein Problem damit. Der Wirtschaftsraum Schwäbisch-Hall/Künzelsau ist nicht schlecht aufgestellt. Trotzdem merken wir es hier sofort, wenn die Bausparkasse oder "der Würth" hustet. Es gibt ganz andere Steuerflüchtige, die ihre Arbeitsplätze trotz Millionengewinnen abbauen und ihre Goldbarren in Liechtenstein horten.
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