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26. Oktober 2009, 08:56 Uhr

Berlins Finanzsenator droht mit Klage

Schwarz-gelbe Steuerpolitik am Pranger: Berlins Finanzchef Ulrich Nußbaum befürchtet enorme Löcher in den Länderkassen und droht mit Verfassungsklage. Auch von Expertenseite kommt Kritik.

Koalitionsvertrag, schwarz-gelb, Union, FDP, Schulden

"CDU/CSU und FDP bereiten den Weg in den Verschuldungsstaat": Berlins Finanzsenator Ulrich Nußbaum© Alina Novopashina/DPA

Der Berliner Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) hat der künftigen schwarz-gelben Koalition im Bund damit gedroht, sie vor dem Bundesverfassungsgericht zu verklagen. Es könne nicht angehen, dass die Länder den größten Teil der von dem neuen Bündnis geplanten Steuersenkungen bezahlen müssten, sagte Nußbaum der "Süddeutschen Zeitung". "Wenn der Bund die Finanzierungsfähigkeit der Länder weiterhin so untergräbt, sind die Länder gezwungen, die Frage der Finanzordnung in Karlsruhe beim Bundesverfassungsgericht überprüfen zu lassen."

Nach Berechnungen der Senatsverwaltung für Finanzen kommen wegen der Koalitionsbeschlüsse auf die Länder Mindereinnahmen von jährlich 14 Milliarden Euro zu. Der Bund müsse dagegen nur zehn Milliarden Euro verkraften. Bis 2013 würden dem Gesamtstaat demnach insgesamt knapp 80 Milliarden Euro fehlen. Rechne man die rezessionsbedingten Mehrausgaben und Mindereinnahmen noch hinzu, steige die öffentliche Gesamtverschuldung von derzeit 1,5 Billionen auf 2,1 Billionen Euro. Damit erhöhe sich die Zinsbelastung von Bund, Ländern und Gemeinden um 20 Milliarden auf über 85 Milliarden Euro.

"CDU/CSU und FDP bereiten mit ihren Koalitionsbeschlüssen den Weg in den Verschuldungsstaat. Die gerade erst vereinbarte Schuldengrenze wird so vom Bund selber untergraben", kritisierte Nußbaum. Die Finanzkrise dürfe jedoch nicht zur Dauerentschuldigung für neue Schulden werden. "Ich frage mich, wo die CDU-Ministerpräsidenten und Ihre Finanzminister in den letzten zwei Wochen waren", sagte der Senator.

"Wachstumsausrichtung nur eine Phrase"

Heftiger Gegenwind für die schwarz-gelben Pläne kommt auch vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Einen Etikettenschwindel beim Koalitionsvertrag warf DIW-Chef Klaus Zimmermann Union und FDP vor. "Die Bezeichnung Wachstumsausrichtung ist nur eine Phrase", sagte Zimmermann der "Berliner Zeitung". Erst einmal starte die neue Regierung nur mit einer Steuersenkung für Familien und Arbeitnehmer. Unklar sei, wann die Unternehmen drankämen. Weil es bekannt sei, das private Haushalte viel von dem Ersparten zurücklegten, gehe "es hier eigentlich nicht um Wachstum", betonte der Ökonom. Vielmehr wolle die schwarz-gelbe Koalition offenbar zeigen, welches politische Lager sozial gerechter handele. "Letztlich erscheint der Schritt so, als hätten die Parteien den von vielen erwarteten und auch nötigen harten Sanierungskurs gezielt vermeiden wollen."

Insgesamt wirke der Koalitionsvertrag so, als sei es gegen alle ökonomische Realität vor allem darum gegangen, Wahlversprechen zu halten, kritisierte Zimmermann. Der Kurs laufe klar darauf hinaus, auf eine Sanierung des Haushaltes zu verzichten. Die Ankündigungen blieben vage, und es sei unklar, woher das Geld für versprochene Maßnahmen kommen solle.

"Das läuft nach dem Prinzip: Unter den jetzigen Umständen ist nichts anderes möglich, als einfach loszulaufen, um zu sehen, was noch auf uns zukommt." Die jetzige Wachstumsschwäche sei keine Folge eines zu geringen Konsums. Es wäre besser, auf Forschung und Bildung zu setzen und das Defizit mittelfristig durch Steuererhöhungen zu schließen, schlug der Experte vor. "So verdrängten nicht Staatsschulden private Investitionen." Dagegen gehe es der Regierung jetzt darum, nach den Banken und einigen Unternehmen nun auch die privaten Haushalte an der Rettungsparty zu beteiligen. "Das Kalkül dabei ist, die gerade gewonnene Machtbasis zu sichern und zumindest über die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen zu kommen."

CDU-Wirtschaftsflügel vermisst Mut zu Reformen

Nach Auffassung des CDU-Wirtschaftsflügels lässt die neue Regierung zu Beginn echten Reformwillen vermissen. "Der Koalitionsvertrag ist keine Reformagenda", kritisierte der Chef der CDU-Mittelstandsvereinigung, Josef Schlarmann, am Montag im Deutschlandfunk. Auf die Frage, ob es der Koalition an Mut zu Reformen fehle, antwortete er: "Das kann man so sagen." Zwar stimme im Grundsatz die wirtschaftspolitische Richtung, er habe aber Zweifel, ob die im Koalitionsvertrag festgelegten Maßnahmen ausreichten, um die Binnenwirtschaft in Schwung zu bringen. Die großen Strukturreformen, die über langfristiges Wachstum und Beschäftigung entschieden, würden nicht angepackt, bemängelte Schlarmann.

Steuerlich sei absehbar, dass die Koalition zwar die mittleren Einkommensbezieher entlaste, doch was im Bereich der Wirtschaftspolitik geschehe, reiche "mit Sicherheit" nicht aus, so der Wirtschaftspolitiker. Das gelte für Korrekturen an der Unternehmensteuerreform und die Pläne zur Erbschaftsteuerreform. "Dort muss entscheidend nachgearbeitet werden", forderte Schlarmann. Auch bei Strukturreformen am Arbeitsmarkt und in den sozialen Sicherungssysteme bleibe viel zu tun.

Reuters
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
auwei (26.10.2009, 16:53 Uhr)
@raptor
OK, das klingt doch schon mal sachlicher. Über die Sozialstruktur Berlins brauchen wir uns nicht zu streiten, über die fehlende Industrie auch nicht. Bei der Politik geht es um Prioritätensetzung. Macht man Schulden zugunsten der einen oder der anderen? Sprich: Der Lobbyisten oder der Mehrheit der Menschen im Stadtstaat? Das entscheidet im Zweifel der Wähler. Und das hat er. Mit Geld umgehen können Sozen und Rote genausowenig oder viel wie die anderen, die Schulden fließen nur in andere Kanäle. Und mir ist der soziale Frieden allemal lieber als ein paaar enxplodierende Konzerngewinne, die - das wissen wir - nie umd nimmer in Arbeitsplätze münden. Berlin hat, das stimmt, eine zu hohe Zahl an Transferempfängern. Aber ich habe noch keinen einzigen vernünftigen Vorschlag zum Umgang mit dem Problem gehört - außer dem bequemen Stammtischgemurmel, die "sollten doch alle mal arbeiten gehen". Ach ja?
raptor-xl (26.10.2009, 16:03 Uhr)
@auwei
kein ideologisches scharmützel. nur die fakten. berlin hatte viele schulden (mehr als 20 milliarden unter diepgen). dazu 2 milliarden der bankenpleite. heute 60 milliarden. also fast eine verdreifachung binnen weniger jahre.
also bitte festhalten von 1949 bis diepgen 22 milliarden. von 2001 bis heute fast verdreifacht. bei allen ideologien kann doch nicht weggewischt werden, dass gerade in den letzten jahren berlins schulden explodiert sind. und zwar so wie noch nie zuvor (nicht mal mit bankenkrise). da ist es völlig egal, was und wer das gemacht hat. frech wird es doch, wenn wowi sich in talkshows immer als sparer outet! der hat zwar einige stellen gestrichen, aber der rest platzt aus allen nähten. rot/rot hat also den haushalt völlig verhauen. und nun kann man streiten, ob das auch der cdu passiert wäre oder nicht. ich glaube nicht, aber viel wichtiger ist, dass die riesige verschuldung erst einmal anerkannt wird.
und wenn man dann auch noch behauptet wird, dass die bank der krise pleite ist, dann ist das nur noch realitätsfremd.

auwei (26.10.2009, 15:20 Uhr)
@raptor
Vielleicht klären Sie (und Ihr Kontrahent) erst mal die Begrifflichkeiten, bevor hier die ganz große Keule herausgeholt wird. Abgesehen davon: Es geht doch nicht wirklich um die Sache. Es geht um ideologische Scharmützel (wobei ich mich nicht ausschließe). Das hat viel mit Glauben und weniger mit Details zu tun. Berlin war immer ein tiefes Loch, führungsunabhängig. So gesehen sind Diepgen, Landowski, Wowereit und Nussbaum ein und dasselbe. Nur dass die Berliner eben lieber das rote "Dasselbe" haben wollen - ob es Ihnen passt oder nicht.
raptor-xl (26.10.2009, 14:58 Uhr)
@auwei
wen fakten interessieren? sie offenbar jedenfalls nicht. über andere sollten sie sich erst informieren und dann die kritik rausholen. sonst wirds peinlich... wie ihrem busenfreund gerade passiert. :D
raptor-xl (26.10.2009, 14:57 Uhr)
@undueberhaupt
entweder ist ihr ego so groß, dass ihnen nichts peinlich ist oder sie sind einfach wirklich nur absolut unwissend...

die berlin hyp lebt und es geht ihr bestens. sie hat auch die jetzige krise (als eine der wenigen) ohne hilfe überstanden und gilt heute als solides, gewinnabwerfendes geldinstitut.
auwei (26.10.2009, 14:12 Uhr)
@undüberhaupt
Wen interessieren Fakten?
undueberhaupt (26.10.2009, 12:37 Uhr)
@raptor-xl
Die Berliner Bank, die Sie zitieren, ist seit Jahren pleite!
raptor-xl (26.10.2009, 12:04 Uhr)
berlins schulden...
unter der cdu waren sicher groß. aber unter wowi hat wurden sie mal locker vervielfältigt. der bankenskandal von damals, was die cdu zu fall brachte, machte 2 milliarden aus. absolut lächerlich bei den bankskandalen von heute und berlins verschuldung von 60 milliarden (!!!). und überhaupt, die berliner bank, welche damals so gestützt werden musste, hat das geld längst zurückgezahlt. dennoch hat wowi immer weitere schulden machen müssen. denn wirtschaft, wohlhabende und geldanleger machen sich in scharen weg von berlin. wer was auf sich hält, der wohnt noch im grunewald oder gleich besser in potsdam. da aber kriegt brandenburg die steuern. und die firmen machen es nach... berlin verliert zusehens enorm viele arbeitslätze, aber gleichzeitig hohen zuzug von hartzIV-empfängern. da berlin für die ja fast alles zahlt oder mitfinanziert (von u-bahn bis museum) ist das scheinbar ein mekka der nichtarbeitenden. sarrazin hat immer gegen diese verschuldung angekämpft, aber er wurde kaum unterstützt. dafür hat er immer wieder deutlich (so wie erst letztens) die mißstände benannt. ob oilitsch unkorrekt oder nicht, stimmen tut alles was er sagte. alles!!!
und jeder, der nicht völlig verblendet ist, kann genau diesen mist auf berlins strassen jeden tag sehen...
no go areas haben wir nicht durch rechtsradikale. längst nicht! auf berlins strassen haben wir ganz andere probleme.
kabelmann (26.10.2009, 11:57 Uhr)
@erichmonika
Nein, die Schuldenbremse im GG ist eine Ausgeburt der GroKo. Die FDP hat das fröhlich abgenickt, das ist wahr. Aber ich möchte trotzdem darauf hinweisen, dass Berlin zum Zeitpunkt dieser Gesetzesänderung keinerlei Anstalten gemacht hat, sich gegen den Unsinn zu wehren. Es war damals schon bekannt, dass Eingriffe ins Steuersystem das Haushaltsrecht der Länder so weit einschränkt, dass diese im Prinzip pleite gehen können und keine Möglichkeit haben, sich zu wehren. Das hat nicht nur die Kanzlerin nicht interessiert, sondern eben auch die Herren Steinmeier, Steinbrück und vor allem Wowereit. Weshalb da jetzt 4 Monate später der Aufschrei kommt - ich kanns nicht verstehen
knilch_59 (26.10.2009, 11:45 Uhr)
An alle Untergangsfanatiker hier
Er wird nicht kommen: nicht in dieser, nicht in der nächsten oder den 5 folgenden Legislaturperioden. Wie leidensfähig eine Volkswirtschaft gegenüber katastrophaler Politik ist, lehrt Japan. Gegen deren Staatsschulden geht es uns prima, gegen deren Demografieproblem haben wir keins. Wer, wie ich, gestern wieder im bundesdeutschen Luxusstau auf diversen Autobahnen unterwegs war und gesehen hat, wie gerne wir immer noch unser Geld an die Tanke tragen und die Karre, sobald die Strecke auf einen Kilometer frei ist, das Gaspedal bis zum Anschlag durchtreten, der weiß, dass der Untergang viel weiter weg ist, als vielen lieb zu sein scheint!
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