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8. Oktober 2009, 16:25 Uhr

Kassensturz lässt Koalitionäre schlucken

Die Zahlen sind ernüchternd: Bis zum Ende der Legislaturperiode muss die Regierung bis zu 35 Milliarden Euro zusätzlich aufbringen, um die neue Schuldenregel nicht zu verletzen. Union und FDP sehen - im Gegensatz zu den Wirtschaftsweisen - dennoch Spielraum für Steuerentlastungen, wenn auch nur einen ganz kleinen.

Steuersenkungen, Wirtschaftsweise, Haushalt, Steuern,

"Entsetzliche Finanzlage": Kanzlerin Merkel und die Liberalen Niebel und Westerwelle beim Kassensturz© Michael Gottschalk/DDP

Union und FDP sehen sich bei ihren Steuersenkungsplänen mit massiven Sparzwängen im Bundeshaushalt der nächsten Jahre konfrontiert. Allein die neue Schuldenbremse im Grundgesetz verursacht bis Ende der neuen Legislaturperiode 2013 eine Finanzlücke von bis zu 35 Milliarden Euro, wie aus dem am Donnerstag bekanntgewordenen Finanztableau der Koalition hervorgeht. Hinzu kommen Milliardensummen zur Finanzierung bereits festgelegter Vorhaben.

Dennoch bekräftigten die Parteispitzen bei ihrer zweiten großen Koalitionsrunde unter Leitung der drei Parteivorsitzenden, Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Guido Westerwelle (FDP), dass es Entlastungen für Bürger geben werde. FDP-Generalsekretär Dirk Niebel betonte im Anschluss der Beratungen: "Es gibt den Spielraum für die notwendige Steuersenkungen."

"Regierung hinterlässt finanzpolitischen Scherbenhaufen"

Zurückhaltender äußerte sich der FDP-Verhandlungsführer in der Arbeitsgruppe Finanzen, Hermann-Otto Solms: "Der Finanzstatus ist entsetzlich. Die Regierung hinterlässt uns einen finanzpolitischen Scherbenhaufen." Die designierten Koalitionäre müssten jetzt versuchen, das Beste daraus zu machen. Die Frage konkreter Steuerentlastungen werde aber erst ganz am Ende der Verhandlungen entschieden.

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt sagte, Markenzeichen der künftigen schwarz-gelben Koalition werde ein Dreiklang aus "Entlastung, Konsolidierung, Zukunftsinvestitionen" sein. Ein Unionsvertreter nannte als Schwerpunkt bei den Investitionen die Bildung. Alle anderen Ausgabenwünsche müssten sich dem unterordnen. An dieser "wichtigen Grundsatzentscheidung" müssen sich nun alle Facharbeitsgruppen orientieren. Als mögliche Entlastungen nannte er mehr Kindergeld, höhere Kinderfreibeträge, Änderungen bei den Tarifen der Einkommensteuer sowie Erleichterungen für Unternehmen bei den Unternehmenssteuern und der Erbschaftsteuer.

Wirtschaftsweise warnen vor Steuersenkungen

Die "Fünf Wirtschaftsweisen" warnten die neue Bundesregierung unterdessen vor schuldenfinanzierten Steuersenkungen. Sie fordern angesichts der durch teure Krisenbekämpfungsprogramme massiv höheren Verschuldung Vorrang für die Haushaltssanierung und sehen kaum Spielraum für Steuersenkungen, sofern diese nicht gegenfinanziert werden. Die These, dass sich Steuersenkungen über ein höheres Wachstum selbst finanzierten, gelte allenfalls sehr begrenzt. Der Sachverständigenrat sieht vor allem die Notwendigkeit von Ausgabensenkungen und gegen Ende der Legislaturperiode sogar von Steuererhöhungen. Unter Wachstumsaspekten sei eine höhere Mehrwertsteuer die beste der schlechten Möglichkeiten.

In einem Finanztableau, das von Union und FDP als Grundlage für die weiteren Verhandlungen akzeptiert wurde, ist von einer Finanzlücke im Bundeshaushalt bis 2013 von 34,4 Milliarden Euro die Rede, die allein auf die neue Schuldenbremse im Grundgesetz zurückgeht. Das Geld dafür muss im Haushalt durch Ausgabenkürzungen oder Mehreinnahmen erbracht werden, will man die Schuldenregel nicht verletzen. Selbst bei einem besseren Konjunkturverlauf als derzeit angenommen bliebe immer noch eine Lücke von 29 Milliarden Euro.

Goldene Regeln als Schuldenbremse

Ab 2016 muss die Regierung die jährliche Neuverschuldung auf 0,35 Prozent des Bruttoinlandsproduktes begrenzen. Derzeit liegt der Wert bei 1,6 Prozent. Mit der schrittweisen Senkung des Defizits muss 2011 begonnen werden. Dem Finanztableau zufolge rechnen die künftigen Koalitionäre in den kommenden vier Jahren mit einer Neuverschuldung von insgesamt 297 Milliarden Euro. Nur bei einer günstigeren Entwicklung sei die Neuverschuldung auf dem bisher geplanten Niveau von 262 Milliarden Euro zu halten, sagte eine mit den Verhandlungen vertraute Person.

Angesichts der desolaten Lage der Staatsfinanzen dringen die Finanzexperten der künftigen Koalition auf goldene Regeln für die Haushaltspolitik. Die Fachpolitiker legten der großen Koalitionsrunde acht Vorschriften vor. Sie sollen sicherstellen, dass die Finanzen nicht aus dem Ruder laufen. Wichtigster Einzelpunkt ist die Forderung, den Ausgabenzuwachs stets unterhalb des Zuwachses des Bruttoinlandsproduktes (BIP) zu halten.

Reuters/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 31)
 
Aquarius2 (09.10.2009, 19:32 Uhr)
Grundsätzliches Dilemma
Ziel von Parteien und Parteipolitikern in Deutschland ist nicht, beste Lösungen zu suchen, umzusetzen und zu optimieren. Es geht ausschließlich darum, den politischen Gegner und seine Konzepte zu verunglimpfen. Insofern wird es in Deutschland immer so bleiben, dass alle 4 Jahre alles infrage gestellt und wieder umgestellt wird. Nachhaltige Politik und nachhaltiger Schuldenabbau sind so nicht zu leisten. Um die Machtgeilheit Einzelner zu befriedigen, wird den künftigen Generationen ein immer größer werdender Scherbenhaufen vererbt. Wie hat ein Bürgerrechtler zum Jubiläum des Mauerfalls vor 20 Jahren gesagt? --> Wir waren nicht das Volk, wir sind immer noch das Volk. Vielleicht muss dies den Playern im Bundestag und in den Parteien öfter und mit größerem Nachdruck deutlich gemacht werden ...
MBALZ (09.10.2009, 13:11 Uhr)
Mit unseriösen, nichteinlösbaren Versprechungen im Jörg-Haider-Stil an die Macht gekommen
Jeder, sogar die Journallie, hat bereits vor der Wahl daraufhingewiesen, dass die Haider-Stil-Wahlversprechungen der FDP nicht finanzierbar sind. Jetzt stellt sich Solms nach der Wahl hin, um zu lamentieren, dass die Vorgängerregierung ein katastrophales Erbe hinterlassen hätte. So soll dem Wähler das Nichteinhalten unseriöser Versprechen verkauft werden. Für wie dumm halten DIE LIBERALEN das Wahlvolk eigentlich? Postenjägerei und sonst steht nix dahinter. Obwohl die überwiegende Mehrheit aller Deutschen und auch der FDP-Sympathiesanten keinen Außenminister Westerwelle will, soll der HANS-DAMPF-VORSITZENDE Guido im AußwärtigenAmt plaziert werden (in Tradition Scheel/Genscher), egal ob?s für Deutschland gut ist oder nicht. Schließlich werden ja bereits von DEM Verbündeten USA hinreichend Bedenken signalisiert.
OttoB (09.10.2009, 12:23 Uhr)
Wie hieß noch diese Frau
und in welcher Partei war sie, die gemeinsam mit dem damaligen Finanzminister den Banken Rettungsschirm mit Milliarden Staatsverschuldung aufgespannt hat mit dene hohe Bonizahlungen gezahlt wurden.
Na Frau Merkel kann es ja nicht gewesen sein, sonst wüßte sie von dem Dilemma und brauchte nicht erst einen Kassensturz machen.
sportartmakler (09.10.2009, 12:22 Uhr)
@also ne.
das glaubst du hoffentlich nicht ernsthaft? parteibrillen trüben immer die vernunft.

natürlich hat damals auch erst ein kassensturz für klarheit gesorgt. natürlich auch der zurückgelassene scherbenhaufen, der obligatorische...
also_ne... (09.10.2009, 11:23 Uhr)
@ Styx
zu Ihrer Steuererhöhung:
CDU sagte damals 2%, SPD 0%. In der Koalition einigte man sich auf 3 %.
Bedeutet für mich, dass sich die Koalition in der Mitte getroffen hat und die SPD 4% gefordert hat.
Tja, in einer Koalition muss man halt Kompromisse eingehen...
also_ne... (09.10.2009, 11:21 Uhr)
Liebe Leut...
Glaubt Ihr der Schuldenabbau würde unter rot-rot-grün gelingen? Der Konstellation, die mehr Sozialausgaben verlangen, ohne konkreten, schlüssigen Finanzierungsplan, ausschließlich eine Stärkung der AN gegen die AG wollen, keine Erleichterungen für einen Aufschwung der Wirtschaft, Atomkraftwerke abschalten, ohne schlüssiges Konzept zum Ausgleich der Energien, etc. etc.

Aber destruktive Kritik fällt einfach leichter, als konstruktive. Damit nachher alle sagen können: "Hab ich ja gleich gesagt."
Ich glaube nicht, dass unsere Wirtschaft und Schuldenabbau unter einer anderen Regierung wirklich besser voran ginge.
Styx2007 (09.10.2009, 10:07 Uhr)
Soll sich ja niemand wagen, sich herauszureden
Es soll sich bloss niemand von Merkel und Konsorten wagen, sich jetzt herauszureden, weil das wahre Ausmass der Finanzlöcher nicht bekannt gewesen ist. Merkel und der rest der Superkoalition aus Schwarz und Rot wussten zu jeder Zeit, wie leer die Staatskasse ist - jetzt bin ich einmal gespannt, wann Supermerkel sich - wie immer von Ihren Wahllügen verabschiedet und schnell die MwSt erhöht. Die Volksverar... wird schön weitergehen, weil überhaupt kein Geld da ist für Steuersenkungen. Wie auch, nachdem Merkel schön die Milliarden den Banken hinten rein geschoben hat. Ich freue mich schon jetzt auf das debile Geschwätz von Pofalla, wenn er wieder vollmundig den Sch... von den beim Bürger ankomenden starken Entlastungen faseln wird - natürlich wohl wissend, dass an anderer Stelle das doppelt und zigfache an Mehrbelastung den Bürger treffen wird. Die lächerlichen Entlastungen von 1,5 ? / Monat kannsich Pofalla und konsorten dann auch in den Allerwertesten schieben!
Ofenberger (09.10.2009, 09:56 Uhr)
Wahlversprechen
Die FDP hat im Wahlkampt die Leute damit gelockt, dass sie einen Koalitionsvertrag nur unterschreibt, wenn ein neues, gerechteres Steuerrecht mit Steuersenkungen enthalten ist. An diesem Versprechen sollte Guido gemessen werden. Aber ich wette alles was ich habe, dass er auch ohne diese Vorgabe unterschreiben wird, weil er endlich mitregieren will. Ist also dieses Versprechen nur deswegen nicht gebrochen, weil es sowieso niemand ernst genommen hat? Bin mal gespannt, wie der STERN nach dem Bruch des Versprechens über Guido schreibt.
lazarus06 (09.10.2009, 09:41 Uhr)
@audio001 Ich glaube eher ...
und das wird wohl wahrscheinlicher sein, das Kapial und Wirtschaft wie schon die Schwarz/Rote Koalition nun die TIEGERENTE nicht am Bande hinter sich her sondern mit der Gerte vor sich her treibt
audio001 (09.10.2009, 09:33 Uhr)
Die Tigerente und ihre kleinen Rädchen..
Objektiv bewertet hatte schwarz/rot abgewirtschaftet!- Nur, objektiv bewertet läßt derzeit schwarz/gelb nicht erkennen, daß diese neue Konstellation in der Lage ist tatsächlich etwas in die richtige Richtung für dieses Land zu bewegen!?

Und wenn man den jetzigen Stand der Koalitionsverhandlungen Revue passieren läßt, ist auch ein irgendwie geartetes nachvollziehbares Konzept hierfür nicht erkennbar!


Das Ganze erweckt eher den Eindruck als wenn man es durch geschicktes Politikmarketing nun zwar durch Wahl zu einer Tigerenten-Koalition geschafft hat, aber die Tigerenten-Koalition nun auf dem Niveau der Eigenschaften verharrt, mit der die Tigerente von ihrem Schöpfer Janosch so trefflich beschrieben wurde (Quelle: stern.de, Janosch-Interview ?Die Tigerente, Schlämmer und Merkel? v. 19.09.2009): "Sie ist eine Holzente. Sie redet nicht, sie bewegt sich nicht. Sie ist unbeteiligt, also taubstumm, eigentlich handlungsunfähig."


Und wenn ich sie mir mit ihren kleinen Rädchen so anschaue ? die schwarz/gelbe Tigerente ? dann könnte ich mich fast der Illusion hingeben, daß sich irgendwelche Spitzenpolitiker in Berlin gerade anschicken, sie mit einem kleinen Bändchen hinter sich her zu ziehen...
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