King of Kotelett

2. September 2013, 14:00 Uhr

Es war ein weithin ödes Duell - aber Steinbrück hat ein paar Unentschlossene auf seine Seite ziehen können. Möglicherweise killt das Schwarz-Gelb. Und Steinbrück gleich mit. Von Andreas Hoidn-Borchers

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TV-Duell, Stefan Raab, Angela Merkel, Peer Steinbrück, Nichtwähler, Umfragen

Merbrück und Steinkel: ein TV-Duell, das keines war©

Gottseidank, es ist vorbei. Das war's also.

Und? Nichts und. Man hätte nicht sehr viel verpasst, wenn man den Abend genutzt hätte, um ins Kino zu gehen oder durch die Kneipen zu ziehen. Ja, Peer Steinbrück hat sich wacker geschlagen, das ist auch das Mindeste, was man von ihm in seiner fast aussichtslosen Lage erwarten konnte Den Kantersieg, den er hätte landen müssen, um den Trend drei Wochen vor der Wahl noch einmal ernsthaft zu drehen, den hat Steinbrück nicht geschafft. Aber das wäre auch zu viel verlangt gewesen. (Es ist übrigens ein Jammer, dass man solche Situationen nicht durch eine Art Geschichtssimulator jagen kann; man wüsste schon gerne, wie die Auseinandersetzung mit Merkel ausgegangen wäre ohne Vortragshonorare und Kanzlergehalt-Debatte. Wir haben da so eine Ahnung. Ach ja, hätte, hätte, Deutschlandkette…).

Und ja, Angela Merkel, von der mehr zu verlangen man sich abgewöhnt hat, beschränkte sich in den ewig lang sich ziehenden eineinhalb Stunden auf das, was sie am besten beherrscht: keine Fehler zu machen. In der Fußballersprache nennt man das Catenaccio. Die Null muss stehen. "Lassen Sie sich nicht einlullen", hatte Kontrahent Steinbrück die Zuschauer zu Beginn gewarnt. Es war vergebens. Wären nur Peter Kloeppel und sie im Studio gewesen, die Pharmaindustrie hätte sich weitere Forschung an Hypnotika sparen können… Wie erleichtert die CDU-Spitze über ihren Auftritt war, lässt sich leicht an der zwischen Wahrheit und Loyalität oszillierenden Erstreaktion von Finanzminister Wolfgang Schäuble ermessen: "Merkel ist die Gewinnerin. Sie werden von mir doch keine andere Antwort erwarten."

Kurz, beide waren in etwa so wie man sie kennt. Überraschungen? Fehlanzeige. Sieht man mal von der klaren Absage Merkels an die von CSU-Chef Horst Seehofer geforderte PKW-Maut ab - was nun die spannende Frage aufwirft, wer von den beiden Unions-Führern da mit welcher Begründung bei den Koalitionsverhandlungen im Herbst sein Wort brechen wird. Aber sonst: Ein SPD-Kandidat, der die soziale Welle ritt, aber seinen Coup versemmelte, dass Beamtenpensionen künftig nicht stärker steigen sollen als die Renten der Arbeitnehmer – man darf jedenfalls annehmen, dass er es so gemeint hat; ganz klar wurde einem das nicht. Was im Übrigen auch für die Kanzlerin gilt und ihre Einlassungen zu einer eventuellen deutschen Beteiligung an einem Militärschlag gegen Syrien oder weitere Hilfen für Griechenland nach der Wahl. Nichts Genaues weiß man auch nach dem Duell nicht. Soll wohl auch so sein.

Das war ohnehin die erschütterndste Erkenntnis des gesamten Abends: Da reden die beiden entscheidenden Politiker des Landes nicht nur aneinander vorbei - sondern auch meilenweit an ihren Wählern. Verständlich sprechen können sie nicht. Ihre Politik erklären können sie nicht. In kritischen Punkten die Wahrheit sagen wollen sie nicht, wobei das vor allem für die Kanzlerin gilt. Ja, es ist verdammt schwierig, komplexe Zusammenhänge in wenigen Sätzen zu vermitteln, vor allem, wenn dann auch gleich immer noch einer dazwischen quatscht. Aber ein bisschen mehr Mühe geben könnten sie sich schon. Und um an dieser Stelle auch mal mit dem Mythos vom Professor Klartext aufzuräumen: Steinbrück redet oft nicht weniger verschwurbelt als Merkel, nur auf seine Weise, schneller, intellektueller – und damit für den Normalzuschauer noch weniger verständlich. Ach, es ist ein rechtes Elend.

Der Held war Raab

Deshalb war das gefühlte und auch von den Meinungsforschern gemessene Unentschieden zwischen Kanzlerin und Kandidat kaum an Inhalten festzumachen. Es war eher eine Art Haltungsnote. Und in Erinnerung werden von diesem eher merk- als denkwürdigen Fernsehabend vor allem zwei Dinge bleiben. Die bescheuerte Deutschlandkette, die Angela Merkel um den Hals trug. Und die Einsicht, dass Stefan Raab im Land der Politmoderatorenzwerge eine unerwartet einsame Größe ist. Ausgerechnet der Pro-7-Heinz, mit dem Steinbrück erst gar nicht debattieren wollte, dieser schräge, vermeintlich unpolitische Show-Typ, dessen Einsatz im Vorfeld von so ziemlich allen sich als halbwegs seriös empfindenden Meinungshubern des politisch-medialen Komplexes als Zivilisationsbruch knapp unterhalb von ABC-Waffen eingeordnet wurde (Asche auch auf dieses Haupt!) – ausgerechnet dieser Stefan Raab brachte Leben in die öde Bude. Er hatte Leidenschaft, er fragte klar, er redete verständlich. Er hatte also alles, was den beiden Duellanten abging. (Und was Gerhard Schröder noch hatte, ach, Nostalgie, schnüff!) Zudem mühte er sich redlich, sich nicht von den einstudierten Plattitüden des in diesem Fall kongenialen Duos Steinkel abspeisen zu lassen. Allein der Ausdruck "King of Kotelett", den er Steinbrück wegen dessen Weigerung, als Vizekanzler in eine Große Koalition zu gehen, an den Kopf warf, war das Zuschauen wert.

Es ist vorbei. War's da also? Ja. Und nein. Ja, an der hohen Wahrscheinlichkeit, dass Angela Merkel auch nach dem 22. September Kanzlerin bleibt, hat sich auch nach dem TV-Duell wenig geändert. Und nein, es ist keine vergebliche Müh, dass die SPD wie der Teufel weiter um jede Stimme kämpft. Etwa jeder zehnte Zuschauer bekannte gestern, dass er nach diesen eineinhalb Stunden seine Wahlabsicht noch einmal überdacht habe. Gelingt es Peer Steinbrück, nur eine Million Wähler aus ihrer Lethargie zu reißen und für die SPD zu gewinnen, die Hälfte derer, die Schröder 2005 mobilisierte, dann dürfte zumindest das schwarz-gelbe Bündnis Geschichte sein. Das könnte zu schaffen sein. Der Politiker Peer Steinbrück, der ja, siehe oben, nicht für eine Große Koalition zur Verfügung steht, dann zwar auch. Aber es gilt in der Politik zuweilen auch der Satz: Nicht jeder kämpft immer nur für sich allein.

 
 
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