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8. Juni 2010, 17:28 Uhr

Warum die Linke Gauck nicht will

Die Linke geht mit Luc Jochimsen in die Präsidentenwahl. Warum kann sie nicht einfach Gauck mitwählen, den Kandidaten von Grünen und SPD? Einer der Gründe hat drei Buchstaben: DDR. Von Hans Peter Schütz

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Luc Jochimsen, Kandidatin der Linken für die Bundespräsidentenwahl, wurde einvernehmlich nominiert© Tobias Schwarz/Reuters

Wer den Linkspolitiker Uli Maurer befragt, ob er den Präsidentschaftsbewerber Joachim Gauck nicht doch akzeptieren könne, reizt seinen Spott aufs Äußerste. "Dass uns SPD und Grüne Gauck angeboten haben, das ist so, wie wenn die CDU in den siebziger Jahren der SPD Franz Josef Strauß zur Wahl als Bundespräsident hätte aufdrücken wollen", sagte er stern.de. Also hat die Linke eine Gegen-Gauck nominiert: Luc Jochimsen, ehemalige Journalistin und Linkenpolitikerin.

Warum ist Gauck in der Linken nicht vermittelbar? Unstreitig ist, dass der ehemalige Stasi-Jäger hohe Wertschätzung genießt, auch im bürgerlichen Lager. Nach einer aktuellen stern-Umfrage wünschen sich 42 Prozent der Bevölkerung Gauck als Bundespräsidenten, nur 32 Prozent den schwarz-gelben Kandidaten Christian Wulff. Gauck betonte auf der SPD-Spargelfahrt am Dienstagabend nochmals, dass er sich als Kämpfer für die Demokratie verstehe - jenseits aller Parteigrenzen. Mit diesem Anspruch scheint er ein emotionales Bedürfnis der Deutschen zu befriedigen.

Gleichwohl: Die Linke will ihn nicht. Sondern Luc Jochimsen, Jahrgang 1936, geboren als Lukrezia Schleussinger in Nürnberg. Sie war Führungskraft des Hessischen Rundfunks, später PDS-Spitzenkandidatin in Hessen. Was sie für die Linken so attraktiv macht, ist ihr lebenslanger Kampf gegen den Krieg und für soziale Gerechtigkeit. Damit spiegele sie die Identität der Partei, heißt es.

Beide Punkte - Nein zum Krieg, Ja zur sozialen Gerechtigkeit - markieren in der Linkspartei die Trennlinie zu Gauck. Im Gegensatz zu anderen herausragenden evangelischen Theologen habe Gauck nie gegen den Krieg in Afghanistan Stellung bezogen. Und nie ein Wort zur Frage der sozialen Gerechtigkeit von sich hören lassen, "höchstens üble Polemik gegen die Anti-Hartz-IV-Demos der Vergangenheit", so ein Linker. Deswegen verschwimmen in den Augen der Partei die Unterschiede zwischen Wulff und Gauck: Beide seien "Vertreter des kalten Bürgertums."

"Ein Großinquisitor, der damals kein Held war"

Natürlich spielte auch Gaucks Tätigkeit bei der Aufarbeitung und Verwaltung des Stasi-Erbes eine wichtige Rolle. Noch immer ist er für einige in der Linkspartei eine Hassfigur, der undifferenziert die Stasi und Fraktionschef Gregor Gysi verfolgt habe. Noch immer wird in der Partei kritisch diskutiert, was Gauck wohl in der jener Stunde gemacht habe, in der ihm - ohne Zeugen - seine eigene Stasi-Akte zur Verfügung gestellt worden war. Ein Mitglied der Führung der Linkspartei: "Wir haben ein Problem mit Leuten, die sich heute als Großinquisitor betätigen, aber damals alles andere als Helden waren." Gauck hätte sich zumindest auch gegen die Verfolgung von Kommunisten in Westdeutschland stark machen müssen, heißt es.

Natürlich las man in der Linkspartei-Zentrale mit Missvergnügen, dass das Beharren auf einer eigenen Kandidatin als "Wahlhilfe" für Wulff interpretiert wurde. Rein rechnerisch stimmt das natürlich. Denn ohne die 125 Stimmen der Linkspartei hat der rot-grüne Kandidat Gauck keine Chance auf eine Mehrheit in der Bundesversammlung. Nicht einmal für den nicht undenkbaren Fall, dass einige liberale Wahlmänner lieber ihn wählen als Wulff.

Die Schuldfrage für den Vorgang "Gauck" schieben die Linken rigoros SPD und Grünen zu. Die hätten nicht den geringsten Versuch gemacht, einen für alle drei Oppositionsparteien akzeptablen Kandidaten zu finden. Die linke Parteivorsitzende Gesine Lötzsch: "Das zeigt, dass sie Herrn Gauck benutzen wollten, um ein bisschen gegen die Kanzlerin zu stänkern." Die SPD übersieht in den Augen der Linkspartei zudem, dass die Präsidentenwahl sich vor dem Hintergrund des "geplanten schwarz-gelben Kahlschlags vollzieht". Gauck stehe doch voll hinter der geplanten Umverteilung durch das Sparpaket.

Nicht ausgeschlossen ist jedoch, dass die Linkspartei ihre Abneigung gegen Gauck noch überwindet. Erreicht Wulff nicht schon im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit von 623 Stimmen, könnte die Linkspartei bei der dritten Wahlrunde, bei der die relative Mehrheit genügt, strategisch umdenken.

Ihr Fraktionsvize im Bundestag, Dietmar Bartsch, hat das zum Ärger der Parteiführung schon mal vorlaut ausgeplaudert: "Wenn Wulff im ersten Wahlgang keine Mehrheit erhält, dann muss die Linke alles dafür tun, dass der Kandidat der Regierung keine Mehrheit bekommt." Dann sei Gauck zu unterstützen. Dabei geht es für ihn nicht um eine Sympathiekundgebung für Gauck, sondern allein um die Chance, Angela Merkel zu stürzen. Sollte Wulff nicht durchkommen, wären ihre Tage als Kanzlerin gezählt.

Taktische Spielchen ohne Erfolgsaussichten

Für andere Linke, beispielsweise André Hahn, Chef der sächsischen Linksfraktion, ist diese Aussicht noch kein Grund, für den "Mann der Vergangenheit" (Lötzsch) zu votieren. Stattdessen sollten SPD und Grüne Gauck zurückziehen und einen von allen drei Oppositionsparteien getragenen Bewerber präsentieren. Doch dieses taktische Spielchen wird - auch in Teilen der Linken - als völlig unrealistisch bezeichnet.

Gauck selbst scheint die Haltung der Linken gelassen zu beobachten. Er würde sich zwar zu einem Gespräch mit der Linken-Bundestagsfraktion einladen lassen, aber er würden der Linkspartei keineswegs so weit entgegenkommen wie 2004 Gesine Schwan es tat, als sie gegen Horst Köhler kandidierte. Anbiedern liegt ihm nicht. Seine Grundüberzeugung ist klar: "Die Linke ist von gestern."

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Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 44)
 
SteinMain (10.06.2010, 06:31 Uhr)
Ich versteh nur noch "Gauck"
So als sorgenvoll, teigig-faltiges, sichtbar übelriechendes Gesicht der KapitalismusKrise wäre doch der alte Bahn-Mehdorn eigentlich das populärste Mittel der Wahl gewesen, von der Qualität als Geschichtsfälscher her eventuell gleich der Guido Knopp.
Wanderflke (09.06.2010, 22:07 Uhr)
42 Prozent der Bevölkerung . . .
Hätte der Stern vor 4 Wochen eine Umfrage gestartet: ?Wer ist Gauck??, hätten 90 Prozent der Befragten vermutlich nur dumm geguckt. Hier erfragen die einschlägigen Meinungsmacheinstitute (Forsa!) mal wieder das, was die einschlägigen Medien gerade ins Volk hineinmanipuliert haben.
Nur, warum gerade Gauck? Warum wird ein Neoliberaler, für den das Wort Solidarität verdächtig, Sozialabbau ein erstrebenswertes Ziel ist, warum wird gerade der zum Volkstribun aufgebaut?
Die Antwort ist gar nicht schwierig. Einerseits glaubt man damit natürlich DIE LINKE treffen zu können. Das gehört zum Pflichtprogramm; wer da gut ist, bringt es vom kleinen taz-Schreiber zu den Großen innerhalb der neoliberalen Kampfpresse.
Andererseits aber wurde der abstürzenden FDP mit diesem Kandidaten aber eine Trumpfkarte bei den Haushaltsverhandlungen in die Hand gespielt: erhöht ihr unseren Millionären die Steuern, wählen wir Gauck! Und von wem? SPD und Grünen!
Diese ganze Farce ist ein wunderbares Beispiel für das Zusammenspiel innerhalb des neoliberalen Parteienkartells. Der dumme Wähler kann wählen was er will, er bekommt immer das gleiche, er hat nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Und bleibt daher zunehmend zu hause, sofern er nicht inzwischen aufgewacht ist und die Alternative erkannt hat.
Wanderflke (09.06.2010, 22:04 Uhr)
@haeuschen
Altersheimer?
haeuschen (09.06.2010, 21:40 Uhr)
hatte eine Weile vergessen ,wer die Linke wirklich war und ist.
Wanderflke (09.06.2010, 21:33 Uhr)
Lafontaine attackiert Gauck
Wer sich über das Verhältnis der LINKEN zu Gauck informieren möchte, wird hier fündig:
http://www.sueddeutsche.de/politik/bundespraesidentenwahl-lafontaine-attackiert-gauck-1.956428

joactin (09.06.2010, 19:05 Uhr)
SED noch in den Köpfen
Joachim Gauck ist eine Symbolfigur dafür, dass die DDR ein jämmerlicher Unrechsstaat war.
Für Gauck zu sein wäre für die Linke, über den eigenen Schatten springen zu können.
Skillet4 (09.06.2010, 17:28 Uhr)
Es wäre jetzt die Gelegenheit,
das Amt nicht wiederzubesetzen, ohne dass jemandem ein Zacken aus der Krone fiele.
Frau Merkel reist so viel in der Welt umher, um zu repräsentieren, dann repräsentiert sie halt noch ein bisschen mehr. Begnadigungen verweigern, mit Häuptlingen tanzen, eine Unterschrift hier, ein mahnendes Wort da, ich würde der Erweiterung ihrer Befugnisse da zustimmen.
Nicht um dem Establishment eine Symbolfigur wegzunehmen.
Nein, aus Kostengründen.
hosiannarunner (09.06.2010, 15:55 Uhr)
Der wahre Charakter
Für mich war die sogenannte Linke schon immer unwählbar, weil sie aus der SED hervorgegangen ist. Einige Bekannte haben mir immer wieder erzählen wollen, dass "das ja jetzt ganz andere sind und das ist über zwanzig Jahre her ... und Frieden ... und Einsatz für sozial Schawache ... und blabla". Jetzt zeigt sich eindrucksvoll in der Weigerung der Linken, einen in weiten Teilen der Bevölkerung geschätzten und für das Amt sicher geeigneten Kandidaten zu unterstützen, weil man immer noch sauer wegen der Aufarbeitung der DDR-Verbrechen ist, deren wahrer Charakter.
Diese sogenannte Partei ist mit Vorsicht zu genießen.
AttaTroll (09.06.2010, 15:40 Uhr)
Politisches Schmierentheater
Ich denke, der SPD geht es hier weniger um einen Bundespräsidenten Gauck als darum, Merkel & Co vorzuführen - und das klappt ja bisher ausgezeichnet: Die meisten Deutschen würden viel lieber Gauck als Wulff im Amt sehen und erkennen Merkels Aktion als das was sie in Wahrheit ist: Ein ausgeklüngeltes Machtspielchen mit dem Nebeneffekt sich einen parteiinernen Konkurrenten elegant vom Hals zu schaffen. Das bringt Schwarz-Gelb jede Menge Minuspunkte - und genau das ist die Absicht. Die SPD rechnet nicht wirklich mit einer Wahl Gaucks - wenn er es tatsächlichen packen sollte - umso besser. Aber auch wenn er nicht gewählt wird, ist er bereits der Gewinner. Ist in meinen Augen nichts weiter als ein Schmierentheater von Rot-Grün - ich bin sicher, dass Gauck nicht nominiert würde, wenn SPD/Grüne eine Mehrheit in der Bundesversammlung hätte. Dann würde man wahrscheinlich Steinmeier oder Steinbrück entsorgen.
Außerdem mußte Rot-Grün vorher klar sein, dass Gauck für die Linke kaum wählbar sein durfte - es ist also klar dass man auf deren Stimmen keinen gesteigerten Wert legt - auch das spricht dafür, dass man vor allem Merkel in die Bredouille bringen möchten.
Die Linken reagieren völlig richtig und haben mit Frau Jochimsen eine großartige Persönlichkeit aufgestellt (obwohl ich sie mit 74 Jahren ein wenig zu alt für den Job finde).
@ Prologo
Die Linke ist nicht "deppert" - ganz im Gegenteil: sie ist clever, weil sie sich nicht vor diesen Karren spannen läßt. Außerdem will sie im Gegensatz zu der SPD tatsächlich eine andere Politik. die bekäme sie aber nicht, wenn sie jetzt die Koalition sprengt. Was wäre die Folge? Wir hätten den bürgerlichen BP Gauck und vermutlich für den Rest der Legislaturperiode Schwarz-Rot. Es wird noch einige Gelegenheiten geben, Merkel loszuwerden UND danach eine andere Politik zu machen.
StillerBeobachter (09.06.2010, 15:38 Uhr)
@ vegefranz
Ach Franzl, Du dumme Nuss! Der Einmarsch der Russen in Afghanistan war doch schon 1979. Die Linke gibt es doch erst seit 2007. 1979 herrschte doch noch der Kalte Krieg und es begann ein irrer Rüstungswettlauf. Mag sein, dass sich einzelne SED-Mitglieder über den Einmarsch der Russen in Afghanistan gefreut haben, aber was hat das mit der heutigen LINKEn zu tun? Rein gar nichts!
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