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16. März 2008, 15:59 Uhr
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"Gier nach dem großen Geld"

Die Veröffentlichung der angeblichen Hitler-Tagebücher war vor 25 Jahren für den stern ein Desaster. In einem neuen Buch beschreibt jetzt ein ehemaliger Redakteur des Magazins, wie es zu diesem katastrophalen Flop kam.

Auf einer Pressekonferenz am 25. April 1983 präsentiert stern-Reporter Gerd Heidemann die Kladden mit den angeblichen Tagebüchern Adolf Hitlers© Thomas Grimm/AP

Herr Seufert, sind Sie bei den Recherchen für Ihr Buch möglicherweise darauf gestoßen, dass die Hitler-Tagebücher, die der stern 1983 veröffentlichte, doch echt sind?

Leider nein.

Schade. Warum haben Sie erst jetzt dieses Buch geschrieben, nach 25 Jahren?

Früher konnte ich es nicht tun, es war mir zu nah, ich habe die Erinnerung immer wieder weggeschoben. Aber vor fünf Jahren, zum 20. Jahrestag, habe ich mich über den ganzen Unsinn, der berichtet wurde, so geärgert, dass ich endlich mal einiges richtigstellen wollte. Außerdem fragte mich meine Tochter, wie das damals eigentlich war. Als ich es ihr erzählen wollte, sagte sie: Schreib es auf.

Titelseite des stern Nr. 18 vom 28. April 1983

Der Abdruck dieser angeblichen Tagebücher gilt bis heute als der GAU der deutschen Pressegeschichte. Wenn man ihn aus dem Abstand von 25 Jahren rekonstruiert, fällt es dann leicht oder schwer zu verstehen, wie es zu dieser Pleite kommen konnte?

Es bleibt bis heute eigentlich unbegreiflich. Die Welt im Verlagshaus Gruner+Jahr war damals auf den Kopf gestellt. Alle Kontrollmechanismen zwischen Redaktion und Verlag waren außer Kraft gesetzt. Die Katastrophe war programmiert.

Wodurch?

Man muss sich vergegenwärtigen: Hinter dem Rücken der Chefredaktion gehen zwei Redakteure, Gerd Heidemann und sein Ressortleiter Thomas Walde, mit ihrem obskuren Hitler-Projekt zum Vorstand des Verlages und bekommen dort nicht nur sofort 200.000 Mark Bargeld in die Hand und die Zusage über weitere zwei Millionen, sondern auch die Zusicherung für Verträge, die absolut fatal waren. Diese Verträge machten die Beteiligten durch exklusive Auswertung der Tagebücher zu reichen Leuten und schützten sie gleichzeitig vor jeder nachprüfenden Begutachtung ihrer Quellen durch Historiker und Sachverständige. Laut Vertrag musste noch nicht einmal die Quelle der Tagebuch-Lieferungen genannt werden.

Warum hat sich der Verlag auf solche Verträge eingelassen?

Weil durch Nennung der Quellen angeblich Menschen in der DDR gefährdet gewesen wären. Und das hätte die Beschaffung weiterer Tagebücher gefährdet. Also herrschte das Gebot absoluter Verschwiegenheit. Bunkermentalität.

Später ist die Chefredaktion dann aber einbezogen worden ...

... zu einem Zeitpunkt, als schon mehr als eine Million Mark gezahlt waren. Das war damals irrsinnig viel Geld. Angesichts dieser Investitionssumme konnte ja an der Geschichte gar nichts faul sein.

"Konnte" - oder durfte? Ein Fall von Autosuggestion?

Ja. Dazu kam die suggestive Wirkung der Bücher selbst. "Die Vorstellung, dass er das geschrieben hat", hat mal einer gesagt, als er ein Tagebuch in der Hand hielt. Man erschauerte unter der Faszination des Bösen.

Der Aufmacher mit der vollmundigen Ankündigung einer notwendigen Revision der Geschichtsschreibung

Das erinnert an den Film "Schtonk".

Vieles war tatsächlich wie später im Film. Es war ja nicht so, dass Heidemann und Walde keine Hinweise gehabt hätten, dass die Tagebücher faul sind. Aber sie haben diese Hinweise beiseitegeschoben oder ignoriert. Sie haben auch Gutachter getäuscht. Beispielsweise zwei Schriftexperten, die angeblich echte Hitler-Texte mit den Tagebüchern vergleichen sollten; aber diese "echten" stammten auch von Kujau, die Gutachter haben also Fälschungen mit Fälschungen verglichen. Ergebnis: Die Schriften waren identisch, folglich die Tagebücher echt. Alles, was die Sachverständigen in ihren Gutachten festhielten, wurde selektiv wahrgenommen und ausgewertet. Was für Echtheit sprach, wurde gern akzeptiert, was dagegen sprach, wurde ignoriert oder wegargumentiert, oft auf abenteuerliche Weise.

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Ausgabe 11/2008

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