Die Bombe explodiert im Führerhauptquartier "Wolfschanze", in Berlin beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Der Diktator hat überlebt. Und lässt brutal zurückschlagen: Die meisten Verschwörer werden grausam hingerichtet.

Davongekommen: Am 20. Juli ist auch Italiens Diktator Benito Mussolini zu Besuch in der "Wolfschanze". Nur wenige Stunden nach dem Anschlag zeigt ihm Hitler den Tatort© Keystone
Die Bombe ist genau neben Hitler explodiert. Er muss tot sein. Am Mittag dieses 20. Juli 1944 taumeln verrußte Gestalten aus der "Lagebaracke" im ostpreußischen Führerhauptquartier Wolfschanze, andere werden auf Bahren herausgeschleppt. Der Attentäter, Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, beobachtet es, bevor er in einen Wagen steigt und flüchtet. Auf dem Weg zum Flughafen wirft sein Adjutant Werner von Haeften ein zweites Sprengstoffpaket aus dem Wagen. Stauffenberg hatte es nicht mehr geschafft, den Zeitzünder zu aktivieren.
Bei dem Attentat sterben vier der 24 Anwesenden. Die Betondecke ist teilweise eingestürzt, im Bretterboden klafft ein Loch. Stauffenberg hatte die Aktentasche dicht neben Hitler unter den Kartentisch platziert. Doch Hitler lebt. Er hat Prellungen, geplatzte Trommelfelle, leichte Verbrennungen. Seine Hose hängt in Fetzen, die Haare sind versengt. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel stürzt auf ihn zu: "Mein Führer, Sie leben! Sie leben!" Hätte Stauffenberg beide Bomben gezündet, wird der Sprengstoffsachverständige später feststellen, hätte niemand im Lageraum überlebt.
Der eingeweihte Nachrichtengeneral Erich Fellgiebel meldet am Mittag das Desaster nach Berlin. Dort, im Allgemeinen Heeresamt in der Bendlerstraße, warten die Verschwörer um General Olbricht auf das Zeichen, den "Walküre"-Alarm auszulösen. Mit dieser "Geheimen Kommandosache" soll das Ersatzheer eigentlich eventuelle Streiks oder Aufstände im Reich niederschlagen. Doch die Verschwörer hatten den Plan in eine Gebrauchsanleitung für einen Staatsstreich umgearbeitet.
Unter dem Vorwand, eine "gewissenlose Clique frontfremder Parteiführer" habe den Führer ermordet, wollen sie die Macht übernehmen: Die Kommandeure in den 21 Wehrkreisen, so ihr Kalkül, würden den "Walküre"-Befehlen gehorchen. Nur die wenigsten würden wissen, dass die Befehle manipuliert seien. So würde der Putsch quasi per Dienstweg verordnet.
Als einen eingeweihten Offizier im Bendlerblock die Nachricht vom gescheiterten Attentat erreicht, geht er vor lauter Panik erst einmal spazieren. Auch Olbricht, der informiert worden ist, zögert. Man isst erst einmal zu Mittag. Immerhin waren schon am Vormittag die Mitverschwörer im Heereshauptquartier in Paris und der Stadtkommandant von Berlin über den bevorstehenden Staatsstreich benachrichtigt worden. Auch in Wien und Prag weiß man Bescheid. Das Codewort lautet: "Übung". Gegen 14 Uhr löst Stauffenbergs alter Freund Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim den ersten "Walküre"-Alarm aus.
Gegen 13 Uhr hört Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, zugleich Gauleiter von Berlin, von dem Anschlag. Stauffenberg sitzt noch im Flugzeug, als SS-Reichsführer Heinrich Himmler am frühen Nachmittag befiehlt, ihn zu verhaften. Gegen 16.30 Uhr hastet Stauffenberg in die Dienstzimmer im zweiten Stock des Bendlerblocks. "Die Detonation war so, als ob eine 15-cm-Granate eingeschlagen hätte", ruft er. "Da kann kaum noch jemand am Leben sein." Entschlossen erteilt er Befehle. Die Sekretärinnen tippen, was das Zeug hält. Doch die Geheimschreiber für die Verschlüsselung arbeiten langsam: Als die ersten Fernschreiben in den Wehrkreiskommandos eintreffen, ist dort schon Dienstschluss. Immerhin bewegen sich einige motorisierte Verbände auf Berlin zu. Stauffenberg telefoniert, diktiert. "Der Führer Adolf Hitler ist tot", heißt es im ersten Fernschreiben. Es ist wie eine letzte Befreiung.
Schon seit Anfang Juli hatte er seine Bombentasche dabei, wenn er zu Hitler gerufen wurde. Immer wieder hatte er fast spitzbübisch erzählt: "Ich betreibe mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln den Hochverrat." Er habe sein Wort gegeben, ein Attentat auszuführen, sagte er: "Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen." Diese Worte werden als Stauffenbergs Vermächtnis gelten.
Am 6. Juli muss er dem Führer auf dessen "Berghof" bei Berchtesgaden vortragen - ausgerechnet über die Operation "Walküre". In seiner Aktentasche hat er Sprengstoff. Am 11. Juli spricht Stauffenberg in Hitlers "Morgenlage", die von 13.07 Uhr bis 15.30 Uhr dauert. Warum zündet er die Bombe nicht? Angeblich bestehen eingeweihte Generäle darauf, Göring und Himmler gleichzeitig zu ermorden. Vier Tage später fliegt Stauffenberg in die Wolfschanze. In drei Besprechungen referiert er über Stellungsbau und so genannte Sperrdivisionen. Diesmal ist es ernst: Am frühen Nachmittag wird in Berlin "Walküre"-Bereitschaft ausgelöst. Doch wieder zögern die Verschwörer. Während Stauffenberg verzweifelt telefoniert, geht die Besprechung zu Ende. Er fühlt sich verraten. Ein Foto zeigt ihn an diesem 15. Juli 1944. Er steht stramm neben Hitler in einer kleinen Gruppe. Groß und jung, todernst.
In diesen Tagen muss er sich gefragt haben, ob sich das Risiko eines Attentats angesichts der sicheren militärischen Niederlage wirklich lohne. Soll man nicht abwarten und dann die Chance der Kapitulation nutzen? Er schickt einen Vertrauten zu Henning von Tresckow, dem Kopf der Verschwörer.