Das letzte Tabu

29. Januar 2013, 11:17 Uhr

Der spanische Skandal-Arzt Eufemiano Fuentes steht vor Gericht. Er soll nicht nur Radprofis, sondern auch Fußballer versorgt haben. Ist Doping auch in der Bundesliga denkbar? Von Joel Stubert

Fuentes, Ullrich, Contador, Doping, Operacion Puerto

Doping-Kontrolleure im Fußball gibt es vor allem bei den großen Turnieren©

Es muss ein anstrengendes Spiel gewesen sein, nach dem der französische Fußballer Emanuel Petit 1999 folgenden Satz sagte: "Es kommt so weit, dass wir alle Doping brauchen. Einige tun es schon jetzt."

Wenige Jahre später kam heraus, dass eine ganze Mannschaft in den neunziger Jahren flächendeckend dopte: Juventus Turin. 281 verschiedene Medikamente hatte Juves Vereinsarzt Riccardo Agricola auf Lager, darunter auch das Blutdopingmittel Epo. Verabreicht wurde es der ganzen Mannschaft, darunter auch an Weltstars wie Petit-Kumpel Zinedine Zidane oder Alessandro Del Piero. Ähnliches lässt ein Video von Fabio Cannavaro (damals Parma) vermuten, der sich am Abend vor dem Uefa-Cup Finale 1999 bestens gelaunt Spritzen setzen ließ.

Der italienische Staatsanwalt Raffaele Guariniello deckte 2004 den bis dato größten Dopingskandal im Fußball auf. Er sagt: "Es ist einfacher, einen geständigen Mafioso zu finden, als einen geständigen Fußballer."

Die "Omertà", das Schweigegesetz der Mafia, findet scheinbar auch Anwendung, wenn es um Doping im Fußball geht. Und so ist es auch nur eine vage Hoffnung, dass Eufemiano Fuentes dieses Schweigen bricht und im derzeit laufenden Prozess in Madrid auch nur ein Wort über Doping im Fußball verliert. 2006 wurde der Spanier von der Polizei in der "Operacion Puerto" festgenommen. Er war eine zentrale Figur im Dopingskandal im Radsport. Doch laut eigener Aussage befanden sich auf seiner rund 200 Namen starken Kundenliste nur zu 30 Prozent Radfahrer.

"Schier unmöglich", sagt Sammer

Vor allem Leichtathleten und Fußballer sollen auf der Liste gestanden haben. Das berichtete zumindest der französische Journalist Stéphane Mandard, der Einblick in Fuentes' Unterlagen bekam. Vom FC Barcelona, Real Madrid und dem FC Valencia spricht er unter anderem. "Es ging um die Medikationspläne für eine ganze Saison", sagte Mandard 2008. Fuentes selbst schwieg zu den Vorwürfen den FC Barcelona auch in der Saison 2005/06 betreut zu haben, als die Katalanen den Champions-League-Titel holten. Er sei mehrfach "mit dem Tode bedroht" worden.

Nachgewiesenes Doping in Italien, schwere Anschuldigungen in Spanien - ist die Bundesliga eine Insel der Glückseligen, um die Doping einen Bogen macht? Bayern-Sportdirektor Matthias Sammer sagte 2011 in einem Interview mit dem Deutschlandradio, dass Doping in der Bundesliga "schier unmöglich" sei, "weil die Kontrollmechanismen viel zu eng sind und deshalb macht es kein vernünftiger Mensch, kein vernünftiger Verein und kein vernünftiger Verband. Das ist so."

Jeder Fußballer ist für sich selbst verantwortlich

In den achtziger Jahren war die Bundesliga scheinbar noch viel unvernünftiger. So schilderte Toni Schumacher 1987 in seinem Buch "Anpfiff" die Situation in der Bundesliga so: "Es gab Nationalspieler, die waren im Umgang mit der 'Stärkungschemie' regelrecht Weltmeister. Unter ihnen ein Münchener Spieler, den wir als 'wandelnde Apotheke' zu bezeichnen pflegten."

Fakt ist: Es spricht einiges dafür, dass es für die Spieler weiterhin genug Anreize gibt, mit verbotenen Substanzen ihre Leistung zu steigern.

Denn im Prinzip ist jeder Fußballer für sich selbst verantwortlich, bekommt für gute Leistungen (Tore, Punkte, Einsätze, Titel) entsprechende Prämien, mit denen er sein Gehalt steigern kann. Hinzu kommt, dass viele Profis wissen, dass sie in ihrer Karriere genug verdienen müssen, um auch danach ein ansprechendes Leben führen zu können. Außer durch Fußball haben einige keine Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Soziologen nennen dies "biografische Falle".

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