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21. März 2009, 12:36 Uhr

Aus dem Leben eines Pleitebankers

Die Steuerzahler und Banken bürgen inzwischen mit über 100 Milliarden Euro für das Skandalinstitut Hypo Real Estate. Doch der frühere Chef Georg Funke ist sich keiner Schuld bewusst, klagt gegen seine fristlose Kündigung und auf die Weiterzahlung seines Gehalts. Wer ist der Mann, über den sich ganz Deutschland aufregt? Von Georg Wedemeyer

Georg Funke, Banker, Hypo Real Estate, Finanzkrise

Irgendwann hob er ab und verlor schlicht den Überblick: Ex-Hypo-Real-Estate-Chef Georg Funke© Timm Schamberger/ddp

Blick zur Decke, Augenrollen, Kopfschütteln. "Funke? Oh, mein Gott, Funke!" Ein paar nicht zitierfähige Kraftausdrücke und dann lautes Aufstöhnen. Fast schon amüsant, das Schauspiel, das Berliner Spitzenpolitiker bieten, wenn sie auf den Münchner Pleitebanker Georg Funke angesprochen werden. Die Kanzlerin sagt dann: "Ich will mich nicht weiter aufregen", und Finanzminister Peer Steinbrück findet es "dreist, erst ein Kreditinstitut in den Acker zu reiten und dann Abfindung zu verlangen".

Dieser Ritt in den Acker war reichlich teuer. Zurzeit muss Funkes ehemalige Bank, die Hypo Real Estate (HRE), mit 102 Milliarden Euro Hilfen und Garantien gestützt werden. Eine aberwitzige Summe. Sie entspricht den Haushalten von Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hamburg zusammen, mit denen über 32 Millionen Menschen verwaltet und versorgt werden. Aber das scheint Georg Funke nicht zu beeindrucken. Er klagt vor dem Landgericht München gegen seine fristlose Kündigung und auf die Fortzahlung seiner Bezüge bis 2013. Danach fordert er eine jährliche Pension von 560.000 Euro. Dabei geht es um Millionen.

Ansonsten hat der gescheiterte Banker jetzt jede Menge Zeit, sich um private Dinge zu kümmern. Dabei sieht er sich mit einem Luxusproblem der besonderen Art konfrontiert: Er muss sich entscheiden, in welcher seiner beiden Villen er mit seiner dreiköpfigen Kleinfamilie wohnen will. Bis vor Kurzem noch hat der Ex- Manager die 300-Quadratmeter-Villa im Münchner Vorort Vaterstetten, wo er mit Frau und Tochter residiert, zum Kauf angeboten. Das Exposé sparte nicht mit Superlativen: "Wohnen im Überfluss", "geeignet für Interessenten, die eine luxuriöse Innenausstattung lieben", "mit wertvollsten weißen Marmorplatten ausgelegt", "Gartenpavillon mit Whirlpool", "Garagenhaus für drei Pkw". 2,2 Millionen Euro wollte Funke für das gute Stück haben. Doch aus dem Deal scheint nichts zu werden.

Selfmademan aus dem Ruhrpott

Das Verkaufsangebot ist aus dem Internet verschwunden, und die Funkes wohnen immer noch in Vaterstetten. Angesichts der unerquicklichen Verhältnisse scheint die Familie auf den zum Jahresende 2008 geplanten Umzug in eine neue, 540 Quadratmeter große Villa verzichtet zu haben. Sie liegt in Münchens Nobelviertel Bogenhausen nahe der Isar. Ein bezugsfertiger stylisher Neubau, errichtet unter Funkes Regie. Kein süßlicher Protz mehr mit Walmdach, Marmor, Türbögelchen und verschnörkeltem Treppengeländer. Stattdessen Klotz-Architektur, Eichenparkett "geölt und gebürstet" und ein türkis schimmerndes Hallenbad. Kein Zweifel: Das neue Zuhause hätte repräsentieren sollen, wie der Bankmensch Funke sich selbst sah - nüchtern, modern, auf der Höhe der Zeit und vor allem erfolgreich.

Dieses Selbstbild war lange Zeit keineswegs absurd. Tatsächlich war Funke kein barocker Bankier, der vornehmlich andere für sich arbeiten lässt. Er war ein erfolgreicher Selfmademan aus dem Ruhrpott, der irgendwann abhob und schlicht den Überblick verlor. Seine Wiege stand in Gelsenkirchen. Zu Beginn seiner Karriere verwaltete er Sozialwohnungen in Essen. Erst 1984 entstieg der studierte Betriebswirt dem proletarischen Mief und heuerte bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank aus dem reichen und schönen München an. Dass er von dort 1989 in deren Londoner Filiale versetzt wurde, war sein großes Glück.

Funke hatte Fortune

Denn nach dem Mauerfall verstrickte sich das Mutterhaus in Deutschland in abenteuerliche Grundstücksgeschäfte. Am Ende hatten sich dabei ein paar Spekulanten die Taschen vollgestopft, fälschte die Bank ihre Bilanz, saß auf unverkäuflichen Grundstücken, und die Justiz ermittelte wegen Korruption und Untreue. Vor dem Untergang wurde die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank 1998 nur durch die Fusion mit der Bayerischen Vereinsbank zur Hypo-Vereinsbank gerettet. Und Funke war bei alldem nicht dabei gewesen.

Als er 1998 aus London nach München kam, war er so ziemlich der einzige erfahrene Immobilienfachmann der neuen Bank mit weißer Weste. Das ebnete seinen weiteren Aufstieg. Der Mann mit der einfachen Herkunft war sich nicht zu fein fürs Grobe. Als Bereichsvorstand kümmerte er sich um die alten Schrott-Immobilien, die der Bank nach wie vor schwer zu schaffen machten. Als der Vorstand beschloss, das unerquickliche Geschäft ganz loszuwerden und in eine neue Bank auszulagern, griff Funke zu. Das war seine Chance. 2003 wurde er Vorsitzender des Vorstandes der neuen Hypo Real Estate. Da war er ganz oben angekommen. Vorsitzender des Aufsichtsrates wurde Kurt Viermetz. Keine unwichtige Personalie für das spätere Desaster, denn der damals 64-Jährige hatte seine besten Bankerzeiten längst hinter sich. "Bei Besprechungen", so erzählt einer, der dabei war, "ist der regelmäßig eingeschlafen. Wir haben ihn dann immer durch lautes Anstoßen mit unseren Gläsern geweckt."

Neue Bank belächelt

Die Finanzelite belächelt anfangs die neue Bank und den Neuling Funke. Doch der arbeitete hart. Intern rühmte er sich, so ein Insider, "dass er selbst dann Akten studiert, wenn er auf seinem Hometrainer strampelt". Sein Hobby, die Fotografie, ließ er links liegen. Und Funke hatte Fortune. Schon im ersten Jahr schlug die HRE "leistungsgestörte" Kredite von rund 4,5 Milliarden Euro los. Alles, so schien es, wurde gut. Der Aktienkurs der HRE stieg steil an, das Schmuddelkind wandelte sich zur global vernetzten Immobilien-Investmentbank und der Sozialwohnungsverwalter zum Wunderkind. Die Bank wurde in die erste Börsenliga, den Dax, aufgenommen. Keine Girokonten, keine Sparbücher, keine Schalter. Es sollte die große Nummer sein. Das ungefähr muss die Zeit gewesen sein, in der Georg Funke abhob. In der er begann, an die eigene Unfehlbarkeit zu glauben. Und in der er entdeckte, dass ganz oben im Bankenwesen das Schlaraffenland liegt. Denn formal genehmigt zwar der Aufsichtsrat die Bezahlung der Vorstände, aber die personellen Verflechtungen sind meist so eng, dass die Gehaltsverhandlungen nicht selten einem freihändigen Griff in die Kasse gleichen.

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Ausgabe 12/2009

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