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8. Juni 2007, 13:50 Uhr

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Kinder versagen, Eltern verzweifeln - Lehrer verteilen Fünfen. Jetzt bleibt nur noch Nachhilfe. Die Branche boomt und wird immer professioneller. Worauf Eltern achten sollten, damit der Privatunterricht nicht zur teuren Dauereinrichtung wird. Von Bettina Schneuer

Vom Zweier-Notenschnitt runter auf vier Fünfer nach einem Schulwechsel: Die Notenaufholjagd im Nachmittagskurs kostete Daniel Teubers Mutter rund 3000 Euro© David Ausserhofer

Sie hat acht Augen und acht graziöse Beine, sie frisst nur Lebendiges, und ihr Biss ist sehr giftig. "Neulich hat sie sich gehäutet, hat fünf Stunden gedauert, ihr Chitinskelett hat richtig geknackt. Dabei steigt Bertas Blutdruck auf 450 - wir Menschen wären da längst tot!" Sachkundig referiert Vincent Kreutzenbeck, 13, über Berta - eine Vogelspinne. In Spinnenkunde hätte Vincent locker eine Eins. Ärgerlicherweise für den Siebtklässler aus Düsseldorf wird dieses Fach an seinem Max Planck Gymnasium nicht angeboten, sondern nur Klassiker wie Deutsch, Latein, Mathe und Englisch. Sein Gesamtnotenschnitt: knapp Zwei minus. "Das könnte schon noch besser werden", findet Vincent. Findet auch seine Mutter Victoria, 44: Denn ihr jüngstes Kind "ist zwar ehrgeizig - aber trotzdem ein fauler Hund, der erst in letzter Sekunde übt".

Ihre Töchter Faye, 16, und Laetitia, 14, mussten beide vom Gymnasium auf die Realschule wechseln. Vincent soll das nicht passieren. Deshalb bekommt er seit über zwei Jahren Nachhilfe: "Anfangs in Mathe, aber da stehe ich inzwischen auf Zwei Dumpingminus!" Latein dagegen ochst er immer noch, Ergebnis: Note Drei, eine besser als anfangs. Englisch schiebt er vor Klassenarbeiten extra ein. Beim "Studienkreis", Deutschlands größtem privaten Nachhilfeanbieter mit bundesweit über tausend Filialen, paukt Vincent jeden Donnerstag 45 Minuten. Derzeit allein, früher in einer Kleingruppe mit ein, zwei anderen: "Da kann ich auch öfter nachfragen. In der Schule finde ich das uncool."

Das Riesengeschäft am Nachmittag

Jeder vierte Schüler erhält während seiner Schullaufbahn Nachhilfe. Die meisten in Mathe, Deutsch und Englisch: ein Drittel der Gymnasiasten, knapp 30 Prozent der Real- und Hauptschüler, sogar schon 5 Prozent der Grundschüler. Ein Riesengeschäft wird da jeden Nachmittag gemacht: Bis zu fünf Milliarden Euro geben Eltern jährlich für Nachhilfe und Lernmittel aus, schätzt das Statistische Bundesamt. Tendenz steigend. Bei 65.000 bis 70.000 Schülern pro Jahr macht allein der Studienkreis einen Umsatz von 75 bis 80 Millionen Euro. Vor allem vor den Zeugnissen steigt die Nachfrage. Um sich auf diesem stark umkämpften Markt zu behaupten, verkaufte der Studienkreis Ende Februar zwei Wochen lang Gutscheine in allen tausend Tchibo-Filialen. Für 49,90 Euro können die Kinder in den gängigen Fächern einen Monat lang Nachhilfe bekommen. Rund 30.000 Gutscheine gingen über die Kaffeetheke. Finanziell lohnt sich die ungewöhnliche Aktion für den Nachhilfeanbieter zunächst nicht, der Dumpingpreis deckt nicht die Kosten. Aber man verspricht sich mit der Marketingaktion beim Studienkreis Zugang zu neuen Kunden. Bei Tchibo heißt es: "Bei uns kaufen viele Mütter ein, wir bieten viele Kindersachen. Warum also nicht mal Nachhilfe? Die Aktion ist toll gelaufen. Es gab ein gigantisches Echo." Nachhilfe - ein Konsumartikel wie Shampoo oder Strümpfe?

Lisa Leipold fand es "zu doll laut und voll" in ihrer Grundschulklasse. Ihre Mutter Petra (r.) arbeitet Vollzeit, deshalb hilft Studentin Melanie nach© David Ausserhofer

"Eine wesentliche Aufgabe der Schule wird in die Privatwirtschaft verlagert", warnt Renate Hendricks, ehemalige Vorsitzende des Bundeselternrats und Mutter von fünf Kindern. Ihr Einwand: "Private Nachhilfe ist die Kapitulation, der Offenbarungseid des jetzigen Schulsystems." Auch der Erziehungswissenschaftler Peter Fauser von der Universität Jena sieht darin einen Skandal: "Nachhilfe gehört als Teil individualisierter Lernförderung in die Schule. Dazu braucht man: erstens anderen Unterricht und zweitens Ganztagesangebote." Doch statt schwachen Schülern zu helfen, haben die meisten deutschen Bildungsstätten nachmittags geschlossen. Dass es auch anders geht, beweist Pisa- Spitzenreiter Finnland. Dort besteht ein Viertel des Unterrichts aus individuellen Fördergruppen. Nachhilfe wird in der Schule von den Lehrern organisiert, Qualität garantiert - und das alles umsonst.

Dabei wäre Deutschland gut beraten, wenn auch hier die Lehrer den Job übernehmen würden. Denn "der Nachhilfemarkt hat zur Folge, dass die Chancenunterschiede wachsen", sagt Peter Fauser. Nicht nur, weil Nachhilfe Geld kostet und sich nicht alle Eltern diese Extra-Ausgabe leisten können, sondern weil Schule und Lehrer dadurch Stärken, vor allem aber Schwächen von Schülern systematisch übersehen. "Die tauchen nur im Nachhilfeunterricht auf, weil sie in der Schule zu Sanktionen führen", sagt der Pädagogikprofessor. Auf Dauer würden die Schulen dadurch schlechter. Wenn sie es nicht bereits sind. "Nu stell dich nich so an! Schreib von deiner Banknachbarin ab!", hörte Lisa, 11, oft von ihrer Grundschullehrerin, wenn sie nachfragte, weil’s in der Klasse mal wieder zu laut war. Ihre Mutter Petra Leipold, 47, alleinerziehend und Abteilungsleiterin der Messe Berlin: "Echt das Letzte in Sachen Pädagogik und Disziplin!" Über Abacus hat sie eine Lehramtsstudentin angeheuert. Mit Erfolg. "Durch Melanie habe ich begriffen, was ein Tuwort ist, und die Sache mit dem Doppel-S bei Mehrzahl", erzählt Lisa. Kommerzielle Nachhilfe-Institute könnten Reformen im öffentlichen Schulwesen anstoßen, glaubt Jugendforscher Klaus Hurrelmann. "Sie tun das, was aus den international vergleichenden Pisa-Studien als dringende Entwicklungsaufgabe für das deutsche Bildungssystem gefordert wird: Sie realisieren die individuelle, gezielte Förderung von fachlichen Leistungen." Und anders als das Schulsystem sind die privaten Dienstleister erfolgsorientiert, kündbar und qualitativ überprüfbar.

Schüler profitieren deutlich von Nachhilfe

Denn eine gute Nachricht gibt es: Nachhilfe ist zwar teuer, aber ein Geschäft mit messbaren Erfolgen, so das Ergebnis einer Studie der Universität Bielefeld: Danach verbesserten sich bei 69 Prozent der Schüler die Leistungen durch Nachhilfe. Ja, sie profitierten sogar in den Fächern, in denen sie gar nicht gefördert wurden. Auch eine große Internetumfrage der Stiftung Warentest ergab: Bei rund der Hälfte der Nachhilfeschüler gab es leichte Notenverbesserungen, bei weiteren 30 Prozent sogar erhebliche. Rund 70 Prozent würden ihre Nachhilfe-Lösung weiterempfehlen. Eine Förderung zu Hause durch Mami oder Papi wäre zwar kostenlos, trotzdem sollten Eltern sich das ersparen: Selbst wenn sie die Zeit haben, die Vorbildung, und sogar das pädagogische Geschick - ihnen fehlt in der Regel der nötige emotionale Abstand. "Ich bin viel zu cholerisch, brülle los, wenn es nicht gleich schnackelt", gesteht die Mutter von Vincent. Die selbstständige Reitlehrerin zahlt, auch wenn es ihr "finanziell nicht leicht fällt", daher lieber dem Studienkreis 290 Euro monatlich für ihre drei Kinder, denn auch Vincents Schwestern Laetitia und Faye gehen zur Nachhilfe.

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Ausgabe 22/2007

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