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15. September 2007, 11:06 Uhr

Aufstand gegen Bio

Mit Strom und Gas aus Pflanzen soll künftig ein großer Teil des Energiebedarfs gedeckt werden. Doch nun regt sich Protest gegen Biogasanlagen. Die Anwohner fürchten Verkehr, Lärm und Gestank. Von Roman Heflik

Angst um die gute Landluft: Für das stern-Foto haben sich viele Bürger und ein Dalmatiner vor dem Acker bei Suckow versammelt, auf dem die Nawaro AG eine der größten Biogasanlagen Europas errichten will© Stefan Volk

Fast das ganze Dorf ist gekommen. Viele haben früher Feierabend gemacht, eine Familie hat sogar das Tapezieren der Wohnung unterbrochen, der Termin hier auf dem Acker ist wichtiger. Die Bewohner von Suckow in Mecklenburg- Vorpommern wollen Flagge zeigen. "Ich bin gegen den Standort", sagt die 66-jährige Elke Fleischer, "wegen der Geruchsbelästigung." Ihr Mitstreiter, Rechtsanwalt Steffen Peters, 38, meint: "Die Landschaft verschönert das auch nicht gerade." Karen Bohn, eine 55-jährige kaufmännische Angestellte aus dem Nachbarort Strenz, fürchtet den Lastwagenverkehr, "und zwar tagsüber und in der Nacht".

Und Sven Reiter, 45, Angestellter im öffentlichen Dienst, schimpft: "Die Leute, die hergezogen sind, wussten nicht, was da drüben mal hinkommen würde." "Da drüben", da ist zurzeit noch ein Stoppelacker, ungefähr 700 Meter entfernt von den schmucken Eigenheimen der Suckower. Dort vor den Toren der Kreisstadt Güstrow will die Nawaro Bio- Energie AG aus Leipzig im kommenden Jahr eine der größten Biogasanlagen Deutschlands errichten. Das technische Prinzip der Anlage ist der Natur abgeschaut: Wie ein überdimensionierter Kuhmagen verdaut sie große Ladungen Mais, dazu ab und an einen Happen anderes Getreide und einen kräftigen Schluck Gülle. Insgesamt eine Menge von 420.000 Tonnen pro Jahr. Die Lüftchen, die den verarbeitenden Bakterien dabei in den Gärkesseln entfleuchen, bestehen zu wesentlichen Teilen aus brennbarem Methan.

Biogas liefert zuverlässig Energie

Das so gewonnene Biogas wird gereinigt und verdichtet. Es hat dann dieselben Eigenschaften wie das Erdgas, das zum Beispiel aus dem gefrorenen Boden Sibiriens gefördert wird. Bis zu 46 Millionen Kubikmeter davon könnte die Anlage in Suckow pro Jahr ins Netz des regionalen Gasversorgers einspeisen, rechnet Nawaro-Vorstand Balthasar Schramm vor. Ein weiterer Teil des Gases würde vor Ort verstromt und Strom liefern für mehr als 7200 Vierpersonenhaushalte (insgesamt knapp 3,7 Megawatt). "Das ist ein richtungweisendes Projekt", sagt Schramm. "Und die Fläche bei Suckow bietet für seine Umsetzung so optimale Bedingungen wie nur wenige andere Standorte." Das Baugelände liege an einer Ferngasleitung, in die das Biogas direkt eingespeist werden kann. Gerüche würden dabei nicht freigesetzt, versichert der Unternehmer.

Doch das Misstrauen der Suckower gegen die Biogasindustrie ist groß. Viele von ihnen haben neu gebaut oder aufwendig saniert. Auch Ronald Ostermann, 40, Besitzer mehrerer Fitnessstudios, ist vor drei Jahren ins eigene Heim gezogen: "Jetzt habe ich Angst, dass es durch Gestank aus der Anlage zu einem Wertverlust kommt." Im Internet habe er gelesen, dass Häuser dann bis zu 50 Prozent an Wert verlieren. Was Windparkbetreiber seit Jahren kennen, widerfährt jetzt auch den Biogasproduzenten: Die Zustimmung für regenerative Energie in der Bevölkerung ist so lange groß, wie die Anlagen weit weg errichtet werden. Das Konfliktpotenzial wächst: Bis 2020 will die Bundesregierung den Anteil erneuerbarer Energien auf 20 Prozent steigern. Strom und Wärme aus Biogas spielen dabei eine entscheidende Rolle, denn anders als Wind und Sonne liefert Biogas zuverlässig das ganze Jahr über Energie, kann gespeichert und daher auch zu Spitzenverbrauchszeiten in größeren Mengen abgerufen werden.

Immer mehr Deutschen stinkt der Biogasboom

Laut Fachverband Biogas könnten bis 2020 im Idealfall 17 Prozent des deutschen Stroms vom Acker stammen, derzeit ist es noch rund ein Prozent. Die Zahl der Biogasanlagen hat sich von 1999 bis 2006 auf 3.500 vervierfacht. Und der Trend dauert an. Das Problem ist nur: Immer mehr Deutschen stinkt der Biogasboom. Soll irgendwo ein neuer Biogasmeiler errichtet werden, formieren sich meist auch Bürgerinitiativen, ob nun im mecklenburgischen Güstrow, im oberpfälzischen Mintraching oder in Nemitz im Wendland - bekannt durch die Proteste gegen das Atomendlager Gorleben. Nicht selten gelingt es den Bürgern, die Projekte zu stoppen. So musste beispielsweise Jacob Peters, Bürgermeister der 1000-Seelen-Gemeinde Tating in Nordfriesland, im vergangenen Jahr erleben, wie eine Bürgerversammlung den Vorschlag zu einem geplanten Ein- Megawatt-Kraftwerk förmlich in der Luft zerriss - und zwar "noch bevor irgendwelche möglichen Belastungen durch die Anlage geprüft werden konnten", wie der Lokalpolitiker betont.

Peters ist enttäuscht, hatte er sich doch für die Gemeinde Gewerbesteuereinnahmen und für die Landwirte einen zusätzlichen Abnehmer ihrer Produkte erhofft. Doch vor allem eine Bevölkerungsgruppe machte Stimmung gegen den Plan: "Viele Leute mit einem Zweitwohnsitz in der Gemeinde hatten Angst um ihre Ruhe", berichtet Peters. Dass der geplante Standort immerhin drei Kilometer vom Dorfrand entfernt gewesen sei, habe niemanden besänftigt. Die Firma, die das Biokraftwerk bei Tating bauen wollte, verstand die Botschaft und zog ihren Antrag zurück. Zuvor war sie schon im nahen Sankt Peter-Ording abgeblitzt. Christof Thoss vom Deutschen Verband für Landschaftspflege (DVL) bestätigt: "Wir beobachten derzeit einen Rückgang bei der regionalen Akzeptanz der Biomasse." Auch Günther Schulz, Vorstandsvorsitzender des Anlagenbauers Seva Energie AG, räumt ein, dass es oft schwer sei, eine Baugenehmigung zu bekommen: "Die Zustimmung in der Bevölkerung fehlt vielerorts."

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 37/2007

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