Die Arbeitslosigkeit steigt. Und mit ihr die Zahl der Unternehmen, in denen sich Furcht und Misstrauen ausbreiten: Wen der Kollegen trifft es als Nächsten? Eine Klimastudie in deutschen Betrieben.

"Als Gekündigter wirst du gemieden." Münchner Siemens-Mitarbeiter, die von Entlassung bedroht sind oder gekündigt wurden, haben sich zum Netzwerk NCI zusammengeschlossen.© Frank Reinhold
Unten im Erdgeschoss ist die Vorhölle. Dort laufen geduckte Gestalten mit ausdruckslosen Gesichtern über die Flure. Im ersten Stock sehen die Patienten ein bisschen ansprechbarer aus, und im zweiten wartet Ralf Vogler×, ein kleiner, freundlicher Mann mit Lachfalten um die Augen. In seinem Leben ging es immer aufwärts: Abitur, als Einziger aus seinem bayerischen 200-Seelen-Dorf. Studium, viele Jahre im Ausland, dann ein guter Job bei einem großen deutschen Versicherungskonzern. Frau, zwei Kinder, Eigenheim. Alles perfekt.
Anfang 2000 flüstern die Kollegen auf einmal von "einschneidenden Maßnahmen", von "Rationalisierung" und "Outsourcing", und Ralf Vogler arbeitet noch ein bisschen härter. Weihnachten 2002 kommt die Kündigung, da schluckt er Johanniskraut und geht joggen um drei Uhr nachts. Seine Frau versteht nicht, was ihm den Schlaf raubt. "Du hast doch studiert, du musst doch was kriegen. Jetzt lach doch mal wieder", sagt sie. Er weiß nicht, ob er mit Ende 40 eine neue Arbeit findet; wie soll er das Haus abbezahlen, den Kindern das Studium finanzieren? Sie findet, er grübelt zu viel. "Über Geld redet man nicht, Geld hat man." Da brüllt der freundliche Ralf Vogler sie an, wie sie es noch nie erlebt hat in ihrer Ehe.
Ostern 2003 ist auf einmal sein Chef am Telefon: "Ralf, ich habe für dich gekämpft, du bist wieder eingestellt." Über ein Jahr geht alles gut. Weihnachten 2004 kommt die zweite Kündigung: Die ganze Abteilung ist jetzt überflüssig, heißt es aus der Zentrale, auch sein Chef. Da trinkt Ralf Vogler Alkohol, um die Angst vor der Zukunft zu betäuben, und rast nachts mit dem Auto bei lauter Musik über die Straßen. Sein Hausarzt schickt ihn in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie eines Hamburger Krankenhauses, Abteilung 162b, zwei Stockwerke über der Vorhölle, wie Ralf Vogler die Station für schwere Fälle nennt. Er sitzt im Behandlungsraum zwischen Gummibäumen und versucht, den Menschen wiederzufinden, "der ich einmal war: offen, optimistisch, neugierig auf die Welt".
Aber die Welt hat sich verändert: "Wenn es Hartz IV nicht gäbe, wenn es Deutschland besser ginge, wenn man wüsste, es geht aufwärts, dann wäre ich nicht so aufgewühlt", sagt Ralf Vogler. An diesem Donnerstag werden die neuen Arbeitsmarktzahlen bekannt gegeben. Weit über 5,2 Millionen sind ohne Job, mehr als je zuvor. Nach vier Jahren Wirtschaftskrise hat die Angst vor dem Jobverlust jeden erwischt, den einfachen Handwerker auf dem Land, die Bank- und Versicherungsangestellten in glitzernden Konzernzentralen und auch die Facharbeiter, die sich bis vor kurzem "beim Daimler" oder der "Siemens-Familie" noch wie verbeamtet fühlten. Laut einer Studie der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) fürchten mehr als 70 Prozent der Deutschen, sie könnten ihren Job verlieren. Fast die Hälfte der Deutschen erwartet laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des stern, dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse weiter verschlechtern werden, ein knappes Drittel hat Angst, in Armut abzurutschen.
Ralf Voglers Geschichte ist eine ganz normale Geschichte in diesen Tagen, sagt sein behandelnder Arzt Hans-Peter Unger. Es sind keine Psycho-Wracks, die bei einer Krise am Arbeitsplatz plötzlich den Halt verlieren, es sind oft ehrgeizige, im Leben stehende Menschen, denen ihr Job besonders wichtig ist. "Ängste und Depressionen nehmen vor allem in Betrieben zu, die früher Sicherheit geboten haben: Staatsbetriebe, Banken, Versicherungen, Kliniken. Alle meine Patienten, vom Pförtner bis zum Topmanager, leiden darunter, dass der deutsche Nachkriegstraum vom immerwährenden Aufstieg zerplatzt ist", sagt Unger.
Plötzlich sind wir alle Ossis: Die Ungewissheit, die nach dem Mauerfall fast alle ostdeutschen Arbeitnehmer beschlich, ist heute gesamtdeutsche Realität. Doch was passiert in einer Job-Welt, in der Angst eines der vorherrschenden Gefühle ist? Wie verändert sich das Betriebsklima? Kämpft jeder nur noch für sich selbst? Kleben alle an ihrem Sessel, werden zu Jasagern und Duckmäusern - nur nicht auffallen, nur keinen Fehler machen?
Der Chipdesigner Joseph Hielscher* war einer von den ersten 900 Mitarbeitern, die 2003 bei Siemens in München gehen sollten. Auf einmal stand sein Projektleiter vor ihm und den Kollegen, schwitzte und druckste: "So eine Scheiße, dass ich das machen muss, aber ich soll acht Leuten kündigen." Sofort kühlte das Klima in der Abteilung ab: Es wurde nicht mehr locker auf dem Flur geplaudert, alle arbeiteten verbissen vor sich hin, um die eigene Position zu retten. Die Gekündigten wurden gemieden, aus Scham, Hilflosigkeit und Angst. Joseph Hielscher nahm die Abfindung und ging: "Ich wollte einfach nur noch raus."
Mark Stausen* ist immer noch drin, er nennt sich selbst einen "Überlebenden". Vor knapp zwei Jahren, erzählt er, hat er die "Reise nach Jerusalem" mitgemacht, als Standorte der Dresdner Bank zusammengelegt wurden und in seiner Abteilung von 25 Mitarbeitern 15 gehen sollten. Alle wurden einzeln zum Chef gerufen. "Es war wie ein zweites Bewerbungsgespräch. Vorher hatte die Geschäftsleitung eine Formel gemailt, mit der man seine Sozialpunkte ausrechnen konnte: Ich bin nicht verheiratet, kinderlos - schlecht. Ich bin seit der Lehre bei der Bank - gut." Mark Stausen ertappte sich dabei, wie er seinen verheirateten Lieblingskollegen taxierte und sich fragte: "Der oder ich?" Mehrere Wochen vergingen bis zur Entscheidung: "Keiner hat mehr richtig gearbeitet. Wir fühlten uns wie bei einem Survival-Camp, brachten uns gegenseitig Schokolade oder umarmten uns spontan auf dem Flur." Dann war klar: "Ich darf bleiben."
Jetzt pendelt Mark Stausen jeden Tag insgesamt vier Stunden zu der Filiale, der er zugewiesen wurde, um fünf Uhr morgens klingelt der Wecker - "und dann gehöre ich der Bank, 16 Stunden lang". Früher konnte er relativ eigenständig seine Kunden betreuen, heute gibt es jede Woche neue Zielvorgaben aus der Zentrale in Frankfurt: "Es gibt die Top Five, das sind Fonds und Kredite, die wir in dieser Woche an Kunden bringen sollen." Die Kunden seien in diesem System nur Erfüllungsgehilfen: "Denen soll ich Hasenkötel als Kaffeebohnen verkaufen. Kein schönes Gefühl." Die ganze Woche stehe er unter Strom, sagt Mark Stausen, denn am Ende werde geprüft, was er verkauft habe. Sein Ergebnis wird dann in einem Ranking mit dem anderer Filialen verglichen.
Das alte Prinzip von Stechuhr und ständiger Kontrolle ist zurück - in modernem Gewand. Kassiererinnen müssen pro Minute eine bestimmte Zahl von Artikeln abrechnen, bei Reinigungskräften und Verkäuferinnen wird die Quadratmeterzahl hochgesetzt, um die sie sich zu kümmern haben. In einer Forsa-Umfrage für den stern gaben mehr als 70 Prozent der Beschäftigten an, die Situation an ihrem Arbeitsplatz sei härter geworden.
In diesem Jahr hat Mark Stausen bislang überdurchschnittliche Ergebnisse, das gibt ihm ein gutes Gefühl. 2004 lag er unter Durchschnitt - "da habe ich nicht mehr durchgeschlafen". Kündigen? "Wie denn? Die ganze Branche ist in der Krise. Und wenn ich als Letzter an einen neuen Arbeitsplatz komme, bin ich bei einer Entlassungswelle der Erste, der gehen muss." Aufbegehren, demonstrieren, mit Kollegen zusammen für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen? "Wogegen sollen wir denn kämpfen? Gegen die Gesetze des Kapitalismus? Dagegen, dass es da draußen ein Heer von Arbeitslosen gibt, die unsere Jobs williger und billiger machen würden? Im Vergleich zu denen geht's uns doch noch gut."
*Name von der Redaktion geändert
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Ausgabe 14/2005