Jahrelang präsentierte Weinguru Hardy Rodenstock immer neue sensationelle Funde aus vergessenen Kellern. Seinen größten Coup, die Jefferson-Weine, hat ein US-Milliardär analysieren lassen. Ergebnis: Die Flaschen sind gefälscht. Nun ermittelt das FBI. Von Michael Streck, Stephan Draf und Bert Gamerschlag

Diese vier Flaschen Wein kaufte William Koch Ende der Achtziger für eine halbe Million Dollar. Nicht ihr Alter, die gravierten Initialen "Th. J." machten sie wertvoll© William Koch
Diese Geschichte beginnt beim dritten Präsidenten der USA und endet beim einstigen Agenten von Tony Marshall. Wir aber steigen im Frühjahr 1985 ein, am Schlüsselpunkt eines Krimis, der vorige Woche zu Vorladungen honoriger Auktionshäuser vor New Yorker Gerichte führte und an dessen Ende eine Ikone als Popanz dastehen dürfte. Das FBI ermittelt gegen mutmaßliche Fälscher und Vertreiber angeblich gefälschter Weine. Im Zentrum der Ermittlungen stehen ein Deutscher und ein Brite: Weinraritätenhändler Hardy Rodenstock und der inzwischen im Ruhestand lebende Christie's-Auktionator und Weinautor Michael Broadbent. Seit sie vor mehr als 20 Jahren eine Flasche aus dem 18. Jahrhundert präsentierten, die für 105.000 Pfund einen Käufer fand, umspült den weltweiten Weinhandel eine Flut gefälschter Luxusweine, ein Strom, den die FBI-Ermittler jetzt trockenlegen wollen.
An einem Tag im März 1985 erreicht den damaligen Schlagerproduzenten Hardy Rodenstock ein Anruf aus Paris. Ihm wird Wein angeboten, alte Flaschen, verkorkt, mit Lack versiegelt und in einem Pariser Keller bei einem Mauerdurchbruch entdeckt. Rodenstock liebt alten Wein. Er sieht im Genuss einer alten Flasche "den ganzen Liebesakt", inklusive "Lebenslust und Lasterhaftigkeit". Die Szene der Verehrer greiser Tropfen ist klein, international und vermögend. Wie manche von Sex mit Elisabeth Flickenschildt träumen und ein Vermögen für deren letzten Lustseufzer gäben, delektieren sich andere eben am letzten Hauch moribunder Weine.
Rodenstock gehört noch nicht lange zur Szene, ein klassischer Parvenü - findsam und rege und seit Kurzem im Begriff, sich als Sammler und Trinker alter Tropfen einen Namen zu machen. Trotzdem steht er bereits im Ruf, gern und viel zu kaufen und gleich und bar zu zahlen. Darum erreicht der Anruf aus Paris auch den deutschen Nabob, damals wohnhaft im Westerwald. Er springt in die nächste Maschine an die Seine und eilt zur angegebenen Adresse im Marais, jenem Bezirk, der zur Zeit Ludwigs XVI. das Diplomatenviertel war. Dort erblickt Rodenstock die Fundstücke hinter der verheißenen Kellermauer.Man kann das so erzählen, weil Rodenstock es später so berichtet hat. Er beschreibt es und lässt sich zitieren in "Spiegel", "FAZ" und anderen Blättern.
Er sieht also die Flaschen. Sie werden von einem Herrn mit französischem Akzent angeboten. Auf der Ware ist an entscheidenden Stellen der Firnis der Zeit entfernt, dort, wo Gravuren sichtbar sind, Zahlen und Wörter in flüssiger Schrift: 1784 und 1787, Château Lafitte (so die frühere Schreibweise), Château Branne-Mouton, Château Margaux und Château d'Yquem; dazu die Kürzel "Th. J.". Es sind die Namen von Weingütern im Bordeaux. Rodenstock hat schon manche mundgeblasene Bouteille vernascht. Er kann Alter wie Echtheit einschätzen. Derart gravierte Exemplare wurden zwar vorher noch nie gesichtet und sind auch später nie mehr aufgetaucht - Form und Machart der Flaschen, Jahreszahlen und Château x lassen ihn aber ans Gesäß greifen. Er bezahlt den Verkäufer bar, packt die Trouvaillen in einen gepolsterten Alukoffer und sagt Adieu. So weit Version eins.
Version zwei ist neuer, ist auch von Rodenstock, klingt aber so: An einem Tag im März erreicht ihn ein Anruf aus Paris, alles wie beschrieben. Er fliegt hin, fährt aber nun zu einem Lagerhaus. Wo das lag, weiß er nicht mehr. Wie der Herr mit dem Akzent hieß? Rodenstock bedauert. Die Story mit dem Keller und dem Umbau? Achselzucken. Er will den Fundort nie gekannt haben. Der Verkäufer ist wohl tot. Rodenstock sieht Pullen, Namen, Jahrgänge, zahlt und geht. Das ist sonderbar. Schließlich war dieser Trip der wichtigste seines Lebens, die ergatterten Flaschen machten ihn im Nu deutlich reicher und weltberühmt. Zuvor war Rodenstock Schlagerproduzent. Er betreute Tina York, Tony Marshall und Gottlieb Wendehals. Die Frucht seiner Arbeit waren Schalala- und Schängeläng-Liedchen, zu denen Kassiererinnen träumen und Feldwebel Hojahojaho singend mit Bierflaschen im Takt klopfen. Diese Reise wandelt eine haarige Raupe in einen Schmetterling.
Wie oft wird er sich den Glückstag in Erinnerung gerufen haben. Nähme es wunder, wenn er ihn für seine Nachkommen aufgeschrieben hätte? Und jetzt ist ihm, ach, fast alles entfallen. Nicht lange, und die Weine werden vom Auktionshaus Christie's in London als 200 Jahre alte Flaschen identifiziert. Dafür stehen Urteil und Name Michael Broadbents, der als Gentleman des Weins gilt. Die Versteigerung einer einzigen dieser Flaschen wird einen Boom auf dem Markt alter Weine auslösen, der bis heute anhält, bei dem bislang Hunderte von Millionen Dollar, Pfund und Euro den Besitzer wechselten und der jetzt fürs Erste zusammenbrechen wird. Aber das ist heute. 1985, da ist noch alles rosig, da brechen für Rodenstock die schönsten Jahre seines Lebens an, mit viel Wein, viel Weib und viel Gesang.

Hrady Rodenstock, 65, wurde durch die "Jefferson-Flaschen" weltberühmt. "Alles Schwindel", behauptet sein Gegner© Regina Recht
Er wird ein Prinz der Münchner Bussigesellschaft. War er zunächst mit einer No-name-Frau verheiratet, wechselt er bald zu Tina York und wieselt sich über weitere Stationen zu Helga Lehner, einer Schauspielerin und ehemals "schönsten Frau Münchens". Er darf sich sonnen. Vielleicht ist seine zweite Version vom März 1985 so karg und kurz, weil seit August 2006 eine Klage vorliegt, anhängig beim Bezirksgericht Manhattan-Süd. Rodenstock hat sie kommen sehen, die dunklen Wolken, es kamen ja drängende Faxe aus den USA. Vertreiben konnte er sie nicht: Binnen wenigen Monaten ist dem Sonnyboy ein Gegner erstanden, so wie Don Giovanni der steinerne Gast begegnet. Der Komtur in dieser Oper ist ein US-Milliardär namens William "Bill" Koch, ein Sports- und Geschäftsmann, ein in Rechtshändeln bewährter Haudegen, der "Dammit!" ruft: "Meinhard Görke, Sie sind ein Betrüger, und mich verarschen Sie nicht!"
Wie jetzt, Meinhard Görke? Görke nennt Kläger Koch aus Florida seinen deutschen Gegner, jenen Mann, den alle Welt als Hardy Rodenstock kennt. "Jahrelang habe ich mit dem Wein getrunken, nie wusste ich, dass Rodenstock ganz anders heißt", sagt Karl-Heinz Wolf, Gründer des Gourmetlieferanten Rungis-Express. "Rodenstock soll Görke heißen? Hat er mir nie gesagt", sagt Fußball-Weltmeister Paul Breitner, noch ein alter Weg- und Weingefährte Rodenstocks, der sich aber längst von ihm distanziert hat. Koch ließ gegen Rodenstock ermitteln. Danach ist der Mann ein Herr mit erstaunlich vielen Wohnsitzen und ständig wechselndem Aufenthaltsort, der in Wahrheit wie eine Mischung aus Gurke und Möhre heißt und am 7.12.1941 in Marienwerder geboren wurde. Der Künstlername "Rodenstock" steht allerdings im Pass, ihn hat sich der Schlagerproduzent zugelegt, als er schon Nebengeschäfte mit Wein machte, "die ich aber laut meinen Verträgen nicht machen durfte".
Rodenstock, so Kochs Klageschrift, ist ein "Schwindler", und der Kläger sieht sich als "eines von vielen Opfern" in "einem anhaltenden Plan zum Betrug von Weinsammlern". Rodenstock beteuert seine Unschuld. Für Weinbeißer ist es erschütternd: Rodenstocks Geschichte mit den alten Flaschen aus dem Marais-Keller - getürkt? 20 Jahre lang ist alles zu Rodenstock geeilt, was Kenner sein wollte. Bei seinen großzügigen Raritätenproben zu sein war der Ritterschlag nicht nur der deutschen Society. Phänomenal, wie und wo der Kerl so viele alte Weine aufzutreiben wusste. Aus Zarenkellern, die selbst die Sowjets nicht gefunden hatten, rettete er sie, in den schottischen Highlands trieb er sie auf, in Venezuela hob er sie aus tropischem Moder, wie ein Indiana Jones der Weinszene. Man ging in eine Rodenstock-Probe wie in einen Gottesdienst.
September 1998, andächtig betreten 90 Gäste den kleinen Saal des "Königshof" in München - sie bestaunen, was Rodenstock zur 18. Raritätenprobe beschafft hat. 125-mal d'Yquem steht da, der berühmteste Süßwein der Welt. Schon junge Yquems kosten ein Sümmchen. Hier aber ist nicht allein das ganze 20. Jahrhundert versammelt, das 19. ist mit 39 Weinen dabei, und die zwei ältesten Flaschen sind aus dem 18. Jahrhundert. Mittrinken darf Finanzpotenz und Prominenz: Franz Beckenbauer zieht den ersten Korken - und zerfetzt ihn im Flaschenhals. Walter Scheel parliert mit Wolfgang Porsche, Glasfabrikant Riedel plaudert mit Dieter Kürten, Paul Breitner grüßt den Witzigmann Eckart, Asiaten haben ihren eigenen Tisch. Am Ende des mehrtägigen Gelages feiert der "Spiegel" Rodenstock als "Weinguru", für die "Woche" gehörte er zu den "drei oder vier berühmtesten Trinkern der Welt", und für die "FAZ" war er schon vorher dreifaltig: "Märchenprinz, Geheimagent, Gentleman". Wenn dieser Herr ein Hochstapler ist, dann hat die Weinwelt ein Problem
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Ausgabe 12/2007