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Technik-Geschichte

Austauschbare Bauteile : Project Ara sollte das revolutionärste Smartphone werden - und scheiterte krachend

Das Ara-Smartphone konnte aus verschiedenen Bauteilen zusammengesteckt werden
Foto: Google
Von: Christoph Fröhlich
Ara, ein Smartphone mit austauschbaren Bauteilen, war das vielversprechendste Technik-Projekt der letzten Jahre. Doch das Experiment scheiterte krachend. Es zeigte allzu deutlich, wie große Konzerne ticken.
Telefone ohne Tasten, Musik zum Herunterladen, mobiles Internet: Das alles ist für uns heute selbstverständlich. Doch das war sie nicht immer. In unserer Serie "Technik-Geschichte" werfen wir einen Blick zurück auf die Anfangstage jener Produkte und Technologien, die die Welt verändert haben. Diesmal: Der Aufstieg und Fall des wohl revolutionärsten Smartphones der letzten Jahre.
Zu wenig Speicher, eine miese Kamera, ein ausgelutschter Akku? Bislang bleibt einem in solchen Fällen nichts anderes übrig, als ein neues Smartphone zu kaufen. Das geht ins Geld und ist eine enorme Ressourcen-Verschwendung. Denn nur weil die Kamera kaputt ist, muss man ja nicht gleich das ganze Handy wegwerfen. Doch genau das wird meist getan.
Umso vielversprechender wirkte daher Motorolas "Project Ara", in dem das Smartphone von Grund auf neu gedacht wurde. Hier sollte man das Telefon nicht als fertiges Komplettpaket kaufen, vielmehr konnte man Ausstattung und Gestaltung des Geräts mit Hilfe von Modulen, die aussahen wie Legosteine, selbst gestalten. Die Erwartungen waren hoch, doch das Projekt scheiterte krachend.

Motorola geriet unter Druck ...

Die Geschichte des modularen Smartphones beginnt am 10. September 2013. An jenem Dienstag stellt Apple das iPhone 5s vor.  Ein Telefon, dessen größte Neuerung ein eingebauter Fingerabdruckscanner ist. Praktisch, aber keine Sensation. Und dennoch sind alle Augen nach San Francisco gerichtet. Dabei ist die wahre Revolution auf Youtube zu sehen, als der niederländische Jung-Designer Dave Hakkens sein College-Abschlussprojekt "Phonebloks" hochlädt. Zu sehen ist darin die Vision eines Lego-Smartphones, in dem sich alle Teile - vom Bildschirm bis zum Prozessor - austauschen lassen.
Das Video geht in den sozialen Netzwerken durch die Decke, innerhalb von 48 Stunden erzielt es Millionen Abrufe. Auch Dan Makoski, Lead-Designer bei Motorolas ATAP-Team (Advanced Technology and Projects), schaut sich den Clip an. Und er traut seinen Augen kaum. Sein Team arbeitet seit einem Jahr unter strikter Geheimhaltung an einem ähnlichen Gerät.
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Plötzlich steht er unter Druck: Geht er an die Öffentlichkeit oder hält er lieber die Füße still? Doch sieht er dann nicht wie ein dreister Ideendieb aus? 48 Tage später lässt Motorola schließlich die Katze aus dem Sack und stellt Project Ara vor. "Gäbe es Dave Hakkens virales Video nicht", sagte Makoski später im Gespräch mit dem US-Portal "Venturebeat", "hätten wir Ara mindestens ein Jahr später angekündigt." Rückblickend betrachtet wäre das vermutlich die bessere Option gewesen.

... und wollte das Gegenteil von Apple sein

Makoski prägt das Ara-Projekt wie wenige andere Menschen. Der Goldstandard der Smartphone-Branche war für ihn immer das iPhone. "Ich liebe Apples Design, aber die Maker-Bewegung zeigte, dass es auch ein anderes Modell gibt. Apple will das perfekte Objekt erschaffen. Für mich ist es der ultimative Ausdruck von Henry Fords Vision, ein Objekt eine Million Mal perfekt zu bauen", erklärt Makoski. "Aber meine Frage ist: Was, wenn wir exakt das Gegenteil tun?"
Motorolas damaliger Chef Dennis Woodside ist allerdings nicht begeistert von Project Ara. "Er sagte 'Ja, cool Leute, das ist interessant. Aber ihr wisst, dass dieses Maker-Zeug eine Nische ist. Niemand wird sich dafür interessieren", so Makoski.
Als Google Motorola im August 2011 für 12,5 Milliarden US-Dollar übernimmt, weht ein anderer Wind im Konzern. Die Aufmerksamkeit des Entwicklungs-Teams verlagert sich deshalb auf das Moto X. Iqbal Arshad, der eine leitende Position in Motorolas Ingenieurs-Team innehatte, sagt: "Ich habe keine Zeit für dieses verrückte Modular-Ding. Das ist architektonischer Wahnsinn."

Visionär gestartet, im Alltag durchgefallen

Doch dann veröffentlicht Hakkens das Phonebloks-Video, und das Netz dreht durch. Zahlreiche Firmen melden sich bei dem Niederländer, unter anderem Google. Von Rotterdam aus fliegt Hakken zum Motorola-Campus in Sunnyvale. Der Suchmaschinenriese versucht ihn anzuheuern, doch er will unabhängig bleiben. Am Ende einigen sie sich darauf, dass Hakken als Botschafter für das Bastel-Smartphone fungiert.
Die nächste Wende kommt 2014, als Google Motorola an den chinesischen Hersteller Lenovo verkauft. Die ATAP-Labors, in denen Ara entwickelt wird, behält der Konzern aber für sich. Der Plan: Das Basispaket des Ara-Phones soll gerade einmal 50 US-Dollar kosten und damit für Menschen in Entwicklungsländern erschwinglich sein. Premium-Modelle mit schnelleren Prozessoren und besseren Kameras wären für einen Aufpreis erhältlich gewesen. Angepeilt wurde ein Marktstart im Februar 2015.
Makoski verlässt nach nur zwei Jahren das ATAP-Labor. Die Entwicklung läuft aber auch ohne ihn vielversprechend weiter, auch wenn der Zeitplan nicht mehr zu halten ist. Im Oktober 2014 wird der erste funktionierende Prototyp gezeigt, im Januar 2015 folgen die ersten Module. Doch dann tauchen immer mehr Probleme auf: Die Magnete, welche die Module an ihrem Platz halten sollen, sind nicht stark genug, und die Verhandlungen mit Partnern kommen ins Stocken. Dennoch wird ein kommerzielles Pilotprojekt in Puerto Rico geplant.
Doch es kommt, wie es kommen musste: Viele Probleme lassen sich nicht beheben, der Test wird abgeblasen. Der Ara-Release wird auf 2016 verschoben. Im Juni 2015 geht ein weiterer Chef von Bord. "Ich erinnere mich, dass Phonebloks als 10-Jahres-Vision geplant war", sagt Hakkens gegenüber "Venture Beat". "Und dann kam Google und verkündete 'Okay, wir machen es in zwei Jahren'. Das war viel zu ambitioniert.

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Neuanfang als Premium-Phone

Die Vision vom 50-Dollar-Smartphone war am Alltag gescheitert. Unter der neuen Leitung peilt man nun das andere Extrem an: Ara soll ein Highend-Phone werden und zeigen, zu was ein Smartphone imstande ist. Man erträumt sich ein Business, wie es Apples App Store ermöglicht hat - von spezialisierten, nachrüstbaren Kameras bis hin zu Premium-Lautsprechern.
Eine besonders ungewöhnliche Idee ist die einer Technologieagentur, die ein Modul entwickeln will, in dem ein winziges Aquarium mit lebenden Mikroorganismen und Mikroskop verbaut ist, durch das man per App hindurchschauen kann. Google ist angetan von der Idee, und die Begeisterung elektrisiert das Ara-Team. Es gibt immer mehr Neuzugänge. Es scheint, als würde das Mammutprojekt im zweiten Anlauf klappen.

Ara scheitert endgültig

Auf das Hoch folgt das nächste Tief. Die beiden Google-Gründer Larry Page und Sergej Brin erschaffen den Mutterkonzern Alphabet und strukturieren das Unternehmen um. Sundar Pichai übernimmt das Ruder bei Google, ihm untersteht das ATAP-Labor und damit Project Ara. Um weitere Rückschläge wie die gescheiterten Projekte Google Glass und Nexus Q zu verhindern, wird Motorola-Chef Rick Osterloh als neuer Leiter installiert.
Und man will den großen Knall. Ara soll der Star der Entwicklermesse Google I/O im Sommer 2016 werden. Doch im April wird Regina Dugan, Leiterin der Motorola-Abteilung für innovative Forschung, überraschend von Facebook abgeworben. Damit fehlt nicht nur viel Expertise, sondern auch ein bekennender Fürsprecher des Ara-Projekts. Am Ende wird das Selberbau-Telefon nicht wie geplant auf der I/O gezeigt.
Das Klima verschlechtert sich zunehmend: LG setzte bei seinem Flaggschiff-Smartphone G5 ebenfalls auf austauschbare Module, doch bei den Kunden konnte das Konzept nicht punkten. Das G5 wird ein Flop. Zugleich wird die Auslieferung der Ara-Entwicklergeräte auf 2017 verschoben. Am 2. September 2016 schließlich legt Osterloh das Projekt ganz auf Eis. Die existierenden Prototypen werden weggesperrt, das Ara-Team widmet sich neuen Projekten. 
Einen neuen Anlauf hat seitdem kein Großkonzern mehr unternommen. Doch die Idee von austauschbaren Teilen fasziniert viele Nutzer noch immer.
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