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Dakar-Copilot von Zitzewitz: Überschläge, Knochenbrüche, Wüstensand

Als Copilot des Race Touareg hat Dirk von Zitzewitz ein großes Ziel: Er will die Rallye Dakar 2008 gewinnen. Einfach ist das nicht, die Konkurrenz ist hart und der Rennverlauf in der Wüste unvorhersehbar. Bei seiner ersten großen Rallye wäre er sogar fast verdurstet.

Von Björn Erichsen

Hannover, Stadtteil Vahrenheide, dort in einem kargen Industriegebiet, inmitten eingezäunter Gewerbehöfe, Metallgießereien und Anlagetechnikbetrieben trifft die Abteilung Motorsport des Volkswagen-Konzerns letzte Vorbereitungen für ein Rennsport-Großereignis: Die Rallye Dakar 2008. Hinter den Toren des großen Bungalow-Baus schrauben Mechaniker in grauen Overalls bis spät in die Nacht an den vier aufgebockten Race Touaregs herum. Mehr als Feintuning ist nicht mehr möglich, am 5. Januar sollen die Wüstenrenner in Lissabon an den Start gehen. Die metallicblauen Motorhauben lehnen an der Hallenwand, freier Blick auf Kabel- und Schlauchgewirr des mächtigen 2.5-Liter-Dieselmotors mit Doppelturbolader und Ladeluftkühlung, der den Boliden mit 280 Pferdestärken antreibt.

Ein Platz im Cockpit ist für Dirk von Zitzewitz reserviert, Jahrgang 68, hoch aufgeschossen, norddeutsch gelassen. Mit seinen verwuschelten Haaren und den markanten geschnittenen Gesichtszügen ähnelt er Nationaltorwart Jens Lehmann. Als Copilot von Giniel de Villiers ist er bei der Dakar-Rallye vor allem dafür zuständig, den Südafrikaner möglichst schnell und sicher durch die Wüsten Afrikas zu navigieren. Einfach nur ankommen reicht ihm nicht, denn auch in seinem Ehrgeiz gleicht er dem Fußballtorwart: "Wann immer ich zu einem Rennen antrete, möchte ich auch gewinnen", sagt von Zitzewitz. "Und ein Sieg bei der Rallye Dakar ist mein großes Ziel."

Bei der Dakar kommt es auf jede Minute an"

Doch bevor es soweit ist, steht in Hannover erstmal Vorbereitung auf dem Tagesplan: Fitnesstraining, Arbeitsabläufe einstudieren, vor allem aber brütet er derzeit mit den anderen Copiloten über Landkarten und alten Rennprotokollen. "Navi-Woche", heißt das im Rennfahrerjargon. "Wir haben vom Veranstalter bisher nur eine grobe Route bekommen, lediglich die Start- und Endpunkte sind bekannt", sagt von Zitzewitz. Den genauen Streckenverlauf erfahren die Teilnehmer immer erst am Vorabend einer Etappe. "Daher versuchen wir alle denkbaren Routen zu antizipieren. Je genauer wir die Strecke voraussehen, desto mehr Zeit sparen wir. Bei der Dakar kommt es auf jede Minute an."

Die Rallye Dakar, 1978 von dem Franzosen Thierry Sabine als Rallye Paris-Dakar ins Leben gerufen, ist das bedeutendste Offroad-Motorsportereignis der Welt. Alljährlich treten rund 500 Rennwagen, LKWs und Motorräder zur Wettfahrt über die 9000 Kilometer Strecke in die Hauptstadt des Senegals an. Die europäischen Etappen werden noch einigermaßen gemütlich absolviert, die Herausforderungen warten in Afrika, wo unwegsame Schotterpisten und metertiefen Wüstensand auf die Rennfahrer wartet, weitab jeder Zivilisation.

Ein Motorradfahrer will kräftig angeben und blamiert sich heftig.

Cockpit-Temperaturen über 70 Grad

"Fahren und Navigieren ist eine Sache", sagt von Zitzewitz, "aber es kommt genauso darauf an, dass man die gesamten Belastungen während der 15 Rallyetage gut wegsteckt." Und die haben es in sich: Cockpit-Temperaturen von über 70 Grad, Reifenwechsel in nicht mal zwei Minuten, nachts bei Minusgraden und hohem Geräuschpegel im Zelt schlafen. "Bei Wüstenrallyes muss man ständig auf das Unvorhersehbare reagieren, doch genau das macht ja auch den Reiz der Veranstaltung aus."

Neun Mal ist von Zitzewitz bereits bei der Rallye Dakar gestartet, drei Mal auf dem Motorrad, sechs Mal als Co-Pilot im Rennwagen. Ein fünfter Platz war bisher seine beste Platzierung, 1997 auf dem Motorrad, als bester deutscher Teilnehmer. "Nur wer vom ersten Tag bis zum letzten Tag perfekt durchkommt, hat eine Chance zu gewinnen", sagt von Zitzewitz. Im letzten Jahr sah es für ihn de Villiers lange Zeit ziemlich gut aus, doch dann warf sie ein technischer Defekt in aussichtsreicher Position fahrend zurück, am Ende wurden sie Elfter.

Bei der 30. Auflage wird es noch mal schwerer zu gewinnen, da ist sich von Zitzewitz sicher. "Zum Jubiläum hat der Veranstalter 'Ein Meer aus Sand' angekündigt, allein acht Etappen gehen durch die Wüstengebiete von Mauretanien." Und die Konkurrenz ist noch mal härter geworden. "Wir zählen neben Mitsubishi und BMW zu den Top-Favoriten, auch der Buggy von Jean-Louis Schlesser ist nicht zu unterschätzen." Bei aller Vielfalt der Fahrzeuge ist die Dakar-Rallye letztendlich eine Zweiklassengesellschaft. Die großen Werksteams machen den Sieg unter sich aus, die kleinen Teams fahren vor allem um die Ehre.

Dafür, dass er bei einem großen Werksteam fahren kann, hat von Zitzewitz lang und hart gearbeitet. Mit dem PS-Virus ist der gebürtige Ostholsteiner von klein auf infiziert, schon sein Vater fuhr Motorradrennen, genauso wie sein Bruder. Im zarten Alter von zehn Jahren bekam der kleine Dirk seine erste 80er, mit 19 gewann er erstmals die deutsche Enduro-Meisterschaft. Neun weitere nationale Titel folgten, insgesamt drei Vizeweltmeistertitel. Auf dem Motorrad fuhr er auch seine ersten Marathon-Rallyes, 2002 stieg auf vier Rädern um, seit 2005 sitz er bei VW im Cockpit.

"Mist, jetzt ist die Dakar für dich zu Ende"

Doch auch die Schattenseiten seines Sportes kennt von Zitzewitz zu Genüge: Unfälle, Knochenbrüche, Prellungen von den Zehen bis knapp unter die Haarspitzen. Bei der Dakar 2005 legte er gemeinsam mit dem Amerikaner Robby Gordon einen fünffachen Überschlag hin, die Bilder des spektakulären Unfalls gingen um die Welt. "Ich weiß es noch genau, als wir zum ersten Mal auf dem Dach aufschlugen, dachte ich nur: Mist, jetzt ist die Dakar für dich zu Ende", sagt von Zitzewitz. "Erst danach wurde mir klar, dass ich eventuell ein ernsteres Problem haben könnte. Als wir wieder auf vier Rädern standen, und ich merkte, dass ich unverletzt war wurde ich geradezu euphorisch."

1993, bei seiner ersten Wüsten-Rallye überhaupt, wäre von Zitzewitz sogar fast verdurstet: "Ich hatte mich gemeinsam mit der Spitzengruppe irgendwo in Marokko verfahren und nach einiger Zeit ging mir der Sprit aus", erinnert sich von Zitzewitz. "Keiner von den anderen gab mir Benzin ab, so dass ich den elektronischen Gefahrensender aktiviert habe. Ich dachte natürlich, dass bald der Hubschrauber kommen und mich rausholen würde - doch nichts geschah. Wenn man dann so mit wenig Wasser ganz allein in der Wüste steht, bekommt man schon Panik. Er nach elf Stunden hat mich ein Team des Veranstalters gefunden."

Die eigenen Grenzen richtig einschätzen

Immer wieder sind bei der Dakar-Rallye Todesfälle zu beklagen. Seit dem ersten Start hat das Rennen über 50 Todesfälle gegeben, bei der letzten Ausgabe 2007 kamen zwei Motorradfahrer ums Leben. Auf die Frage, ob er denn manchmal Angst habe, verziehen sich die sonst so entspannten Gesichtszüge des Berufsabenteurers. "Nein", antwortet er dann schnell und es klingt wie schon hundertmal gesagt. "Ich habe Respekt vor der Strecke, aber Angst habe ich nicht. Wenn man gewinnen will, muss man immer voll ans Limit gehen, aber eben nicht darüber hinaus. Die eigenen Grenzen richtig einzuschätzen, ist die wohl die wichtigste Eigenschaft eines Rennfahrers überhaupt."

Bis zum Start der Rallye wartet auf von Zitzewitz noch ein volles Programm: Presse- und Sponsoren-Termine, Malaria-Impfung, der Check beim Team-Arzt. Weihnachten kann er noch zu Hause feiern, im schleswig-holsteinischen Karlshof bei seiner Frau und seinen beiden Hunden Hugo und Peanut. "Peanut ist gerade erst elf Wochen alt und hält uns nachts gerne mal auf Trab", erzählt von Zitzewitz. "Aber direkt nach Weihnachten wird gepackt, am 29. Dezember fliege ich dann nach Lissabon - und komme hoffentlich als Sieger zurück."

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