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Neustart bei Volkswagen Chancenverwertung

Martin Winterkorn hat seinen Rücktritt erklärt
Martin Winterkorn hat seinen Rücktritt erklärt
© press-inform - das Pressebuero
Martin Winterkorn ist als Konzernlenker bei Volkswagen zurückgetreten. Wer und was kommen jetzt auf den größten Autobauer Europas zu? Es wäre zu einfach, die Probleme der Wolfsburger allein bei den Dieselbetrügereien zu suchen.

Die Verantwortlichen im Hause Volkswagen gaben in den vergangenen Tagen eine alles andere als gute Figur ab. Erst ließ sich Martin Winterkorn am Dienstagnachmittag zu einer verwirrenden Videobotschaft hinreißen, nicht zurücktreten zu wollen. Am Tag danach teilte der Aufsichtsrat emotionslos mit, dass man am Freitag dieser Woche einen neuen Vorstandsvorsitzenden präsentieren werde. Martin Winterkorn hätte die Verantwortung für das Diesel-Desaster in den USA übernommen und seinen Platz geräumt. Erinnert alles an das hin und her in der Fußball-Bundesliga. Erst Treueschwüre und tags darauf sitzt der Trainer - mit entsprechenden Dankeshymnen für seine Verdienste versehen - auf der Straße. Während geschasste Übungsleiter in den meisten Fällen ein paar Monate später von einem neuem Club angeheuert werden und ab dann stolz das neue Marken- / Vereinslogo in die Kameras halten, wird dies bei ehemaligen VW-Chef nicht so sein. Martin Winterkorn ist 68 Jahre alt und ganz nebenbei derart mit seinem Arbeitgeber Volkswagen verwoben wie es wohl nur wenige Konzernchefs waren.

Seine Verdienste für VW, den europäischen Automobilbau und die deutsche Wirtschaft sind unbestritten. Doch es war und ist bei weitem nicht alles Gold, was oberflächlich glänzt. Volkswagen hat sich aus dem schnöden Mittelmaß, in dem sich Marken wie Opel, Ford, PSA oder Toyota seit Jahren tummeln, an den Zaun zur ersten Liga hochgearbeitet. Seit zwei / drei Jahren klopft man mit Polo, Passat und Golf an die güldene Premiumtür, hinter der man das einstige Vorzeigemodell Phaeton schon vor einem Jahrzehnt gut versteckt geparkt hat. Qualität und Anmutung gingen bei allen Modellen nach oben - die Erträge zeitgleich nach unten. Wie ein erfolgreicher Fußballtrainer haben es Martin Winterkorn und seine Mannen bei aller Produktverliebtheit vergessen, eine zweite Personalreihe mit entsprechendem Potenzial für höhere Aufgaben auszustatten. So fällt die Suche nach einem Nachfolger schwerer als bei anderen. Wolfgang Bernhard war dafür an sich vor ein paar Jahren vorgesehen. Doch der geradlinige und betont zielgerichtete Bernhard verdarb es sich insbesondere mit der Wolfsburger Arbeitnehmervertretung und ging letztlich genervt zurück zu Daimler.

Die größten Chancen auf die Nachfolge von Martin Winterkorn hat der jetzige Porsche-Chef Matthias Müller. Er kennt als Winterkorn-Gefolgsmann das Unternehmen, seine Prozesse, die einzelnen Marken und auch seine Risiken. Schließlich schleppt der VW-Konzern mehr als jeder andere mit einer oftmals unwilligen Gewerkschaft und einem trägen Land Niedersachsen als Anteilseiner schwere Zusatzgewichte an den Füßen mit sich herum, die die Wolfsburger seit Jahrzehnten über Gebühr lähmen. Müller ist in Konzern und Wirtschaft gemeinhin angesehen, sofort verfügbar, fähig und wohl auch willig Volkswagen zu leiten. Doch einem nachhaltigen Neustart steht zumindest das Alter entgegen. Matthias Müller ist bereits 62 - in diesem Alter darf man beispielsweise bei BMW schon lange nicht mehr im Vorstand seine Tage verbringen. Die Bayern ersetzten den 59jährigen Norbert Reithofer im Mai durch den 49jährigen Harald Krüger und zeigten der Konkurrenz wie man einen Generationswechsel ruhig und wohl vorbereitet vollzieht.

Es spräche daher auch bei Volkswagen einiges dafür, dass man Audi-Chef Rupert Stadler als neuen ersten Mann ins Kalkül zieht. Stadler ist erst 52 Jahre alt, jedoch seit vielen Jahren fest im Volkswagenkonzern verwurzelt und entsprechend verdrahtet. Gegen ihn spricht, dass Stadler kein Ingenieur, sondern Finanzer ist und an sich Nachfolger des bisherigen Finanzvorstands Hans Dieter Pötsch werden sollte, der im November den Aufsichtsratsvorsitz bei Volkswagen übernimmt. Hier sehen Stadler viele besser aufgehoben.

Ein echter Neustart könnte wohl nur mit einem wirklich neuen Mann gelingen. Innerhalb von zwei Tagen jemanden - mit entsprechenden Meriten - aus einem anderen Konzern zu reißen und in das anspruchsvolle VW-Gefüge zu drücken, ist schlicht nicht machbar. Trotzdem: Frischer Wind muss her. Ein Konzernlenker, der ohne Altlasten die verkrusteten VW-Strukturen aufbricht und den Autobauer von Grund auf neu aufstellt wird eine Herkulesaufgabe. Der 57jährige Herbert Diess könnte diesen Neuanfang vollziehen. Erst jüngst von BMW zu Volkswagen gekommen, fehlen ihm zwar noch die so wichtigen Verflechtungen in dem Konzernkonglomerat, jedoch dürfte man den Wolfsburgern einen Neustart mit ihm noch am ehesten abnehmen. Zudem gilt er als echter Auto-Fachmann; nicht ganz unwichtig, um in Wolfsburg Erfolg zu haben. Im Gegensatz zu Müller und Stadler fehlt Herbert Diess jedoch bisweilen das Verhandlungsgeschick zwischen einzelnen Parteien. Und genau das dürfte in der Abstimmung zwischen Gewerkschaften, Anteilseignern, Marken und künftigen Stoßrichtungen besonders wichtig sein. Allerdings hört man mittlerweile aus Wolfsburg wohl gesonnene Hymnen auf den drahtigen Bayern, wie geschmeidig er sich beim Ausbalancieren der Kräfte anstellt.

Eine andere Alternative wäre der aktuelle Skoda-Chef Winfried Vahland (58), der im Konzern als bestens verdrahtet gilt und die Tschechen in den vergangenen Jahren auf die Erfolgsstraße gebracht hat. Er ist zwar ebenfalls ein Technikfan, vielen im VW-Konzern jedoch zu hemdsärmelig und wird von einigen Entscheidern als der falsche Mann als Konzernchef in Wolfsburg angesehen. Volkswagen braucht jedoch nicht nur einen neuen Kopf, sondern auch eine neue Strategie. Das Markengemenge ist für einen einzelnen nahezu unregierbar geworden. Die neue Nummer eins braucht daher dezentrale Markenlenker, die mit einem entsprechenden Vertrauen ausgestattet sind und abgeglichen mit den Konzerninteressen eine freiere Hand als bisher haben. Ob man langfristig alle dieser Marken unter einem Volkswagendach braucht, wird sich zeigen. Zu groß sind die Produktüberlappungen von Seat und Skoda, VW und Audi, Audi und Lamborghini, zukünftig wohl auch bei Bentley und Porsche. Braucht man Ducati und will man sich die italienische Dauerbaustelle Alfa Romeo tatsächlich noch einverleiben?

Daneben gibt es ganz andere Probleme zu lösen. Die Rückgewinnung des Vertrauens speziell in den USA dürfte Jahrzehnte dauern. Zudem braucht man gerade hier andere Modelle, um gegen GM, FCA und Toyota zu bestehen. Die starke Absatzkonzentration auf China ist ebenso ein Problem, wie die schwierige Marktlage in Südamerika und hier speziell in Brasilien. Wer auch immer der neue Martin Winterkorn wird - er sitzt auf einem heißen Stuhl.

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