IAA 2007 Blumenduft aus Auspuffrohren


Kühe, Schweine und Kunstrasen fehlen, aber sonst wird alles getan, um der Potenz-Show IAA ein umweltgerechtes Mäntelchen umzuhängen. Mit Mini-Autos wie dem VW Up - mit Größe und Trinksitten eines Zaunkönigs - versucht eine ganze Branche den Spagat zwischen Klimakiller und Umweltschützer.
Von Gernot Kramper, Frankfurt

Allen voran sprießen "Hybride" an jedem Stand. Wagen mit jener Misch-Technik von Verbrennungs- und Elektromotor, die Toyota das grünste Ökoimage eingetragen hat und deren jahrelange Verachtung die deutsche Autoindustrie schnurstracks in die Schmuddel-Ecke befördert hat. Selbst ein Poltergeist wie Porsche-Chef Wendelin Wiedeking beteuert zaghaft: "Wir sind keine Schmutzfinken" und lässt den Hybrid-Cayenne anrollen.

Auf der Straße stehen allerdings weder Hybrid-Porsche noch Q7 mit Elektrohilfsmotor, in einem ermüdenden Ankündigungsmarathon werden Sensationen "für demnächst" angekündigt, die der Realität der Konkurrenz nur hinterherlaufen. Auch interessante, technische Detailverbesserungen ändern nichts daran, dass der große Wurf "Hybrid" nicht mit deutschen Namen verbunden ist.

Die "Hybrid"-Welle rollt, weil Politik und Öffentlichkeit es fordern. Die deutschen Hersteller haben durchaus erfolgreiche Anstrengungen zur Schadstoffreduktion unternommen. Nur bekommt es so recht keiner mit. Mit dem S 300 Bluetec etwa zeigt Mercedes eine Luxuslimousine mit einem Knauserverbrauch von 5,4-Litern, sie muss sich wahrlich nicht verstecken. So gesehen hat die Autoindustrie ein Kommunikationsproblem und der Tanz ums grüne Öko-Auto ist ein richtiger Schritt für eine neue Justierung der Außenwirkung. Ob diese Imagekampagne ausreicht wird sich daran zeigen, wie Mercedes, BMW, Audi und Porsche die Herausforderung der EU-Vorgabe eines durchschnittlichen CO2-Ausstoßes von 120 Gramm pro Kilometer bis zum Jahr 2012 meistern werden.

Grüne Prospekte und Benzin-Gefühle

Umdenken findet im Kopf statt und dazu gehört es auch, die Zumutungen geänderter Rahmenbedingungen in Herausforderungen umzumünzen. Jenseits der gefälligen "Wir tragen Verantwortung"-Kampagnen hapert es damit gewaltig. Im kleinen Kreis kursieren Ansichten, die allesamt nicht grundverkehrt sein mögen, aber in der Summe nur vom Ressentiment und von der Abwehr bestimmt sind. Etwa drei Leitsätze zur Klimaveränderung: A. Ist gar nicht erwiesen B. Hat es immer gegeben C. Und überhaupt sind die Computermodelle alle ungenau. Das sind Stammtischweisheiten, an denen man sich immer wieder gern aufrichtet. Sonst ist man gern Vorreiterbranche gewesen, den Beitrag des Auto-Verkehrs am Co2-Ausstoß kann man gar nicht genug hinunterrechnen. Dann gibt es noch die anderen und die sind grundböse. Die Chinesen, weil sie nicht auf unserem Entwicklungsstand zu produzieren anfangen wollen. Der Franzos, weil er vor allem Kleinwagen mit geringem Verbrauch verkauft und sich nicht mit dem Verbrauch von Potenz-Boliden belastet. Obendrein hat er in Deutschland die gute Laune mit Diesel-Partikelfiltern getrübt, die er daheim kaum verkauft. Und als Widersacher per excellence: Toyota, weil die Japaner die Hybrid-Technik subventionieren, anstatt ihr ganzes Geld in der Formel 1 zu verjubeln. Diese Liste könnte endlos fortgesetzt werden. Man ist erstaunt, wie viel dumpfe Wut scheinbar harmlose Themen wie "Hausbrand", "Ölheizung" oder "Kaminöfen" in diesem Kreis hervorrufen können.

Deja-Vu des Kleinwagen

Volkswagen zeigte der Welt Messehighlights am Vorabend der Pressetage. Leistung und Ökologie, diesen Spagat will der Konzern meistern. Volkswagen-Chef Winterkorn: "Diese IAA zeigt, dass der VW-Konzern beides kann – vom Drei-Liter-Auto bis zum 610-PS-Sportcoupé." Auf der "Night of Driving Ideas" kam der eigentliche Star ganz zum Schluss. Bislang ist der kleine VW Up nur eine Studie, aber in zwei Jahren soll das 3,45 Meter kurze Vehikel auf der Straße rollen. Nicht nur als singuläre Lösung von Volkswagen, sondern als Mini-Baureihe im ganzen Konzern, etwa bei Seat und Skoda. Die witzig gezeichnete Studie soll aber nicht mit E-Motoren sondern mit Zwei- und Dreizylinder die Innenstädte erobern. Nebenbei in einer einfachen Version auch die Märkte der Schwellenländer. VW hat aus dem Debakel des Drei-Liter-Lupos gelernt: "Mobilität muss bezahlbar bleiben", betont Prof. Dr. Martin Winterkorn.

Die Umweltsünder sind wir

Wer nur mit dem Finger auf die böse Industrie zeigt, macht es sich leicht. An den Publikumstagen wird die nackte Wahrheit zu Tage treten. Zuvor werden sich Vorstandsbosse und Politiker vor den Öko-Modellen drängen, das Volk aber wird nicht des Minderverbrauchs wegen nach Frankfurt pilgern, sondern sich den süßen, alten Träumen von PS und Leidenschaft, von Freiheit und Geschwindigkeit hingeben. Beim Konsumgut Öko-Auto fehlt es offenbar an den sogenannten "frühen Nutzern", die den Markt beflügeln und als Leitgruppe auf die Herde der Normalkunden wirken. Ohne in billige Polemik verfallen zu wollen, reicht meist ein Blick in den Bekanntenkreis um diese Crux zu erkennen. Gehören diejenigen, die sich am vehementesten für Klimaschutz und gegen den PS-Wahn aussprechen auch zu denen, die in einen modernen Neuwagen investieren und denen die Freude an fortschrittlicher Technik auch mal ein paar Tausend Euro extra wert ist? Eher nicht. "Öko" bauen ist eine Sache, die größere Kunst wird es sein "Öko" auch zu verkaufen. VW weißt das am Besten, der Drei-Liter-Lupo hat sich am Ende wegen seines Preises nicht durchsetzen können.


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