Autosammlung "Prototyp" Vollgas an der Hafenkante


Im Herzen von Europas größter Baustelle, der Hamburger Hafencity, hat die hecklastige Autosammlung "Prototyp" eröffnet. Ohne Absperrleine vorm Lack reihen sich die Trüffeln für den automobilen Gourmet aneinander. Und für die Zukunft haben die Macher noch eine feine Idee mehr.
Von Christoph M. Schwarzer

Roooar. Zwischengas, nächster Gang. Sogar der Sound in der Warteschleife des Telefonanschlusses stimmt. Hier, in der Ausstellung "Prototyp" mitten in Hamburgs boomender Hafencity, hat man Benzin im Blut. Erklären kann das der 34-jährige Gründer der Sammlung Oliver Schmidt nicht. "Die Leidenschaft war in uns drin", sagt er und schließt damit seinen Partner und Schwager Thomas König (36) mit ein. Als Führerschein-Rookies fingen sie mit einem Kübelwagen an. Und weil in fast "jedem Auto ein Stück Porsche" steckt, war es offenbar unvermeidbar: Über die Jahre fiel den beiden ein Sportwagen nach dem nächsten zu. Am liebsten boxend und hecklastig, bevorzugt exklusiv.

Was sich hier auf drei Etagen des sensibel restaurierten Hafengebäudes versammelt hat, ist vom Speziellen das Besondere. Ein Porsche 914? Schön, aber zu banal. Bei "Prototyp" steht eine rare Version mit dem Sechszylinder aus dem 911 T. Rennsportwagen? Auch schön, aber speziell wird es erst bei Otto Mathés "Fetzenflieger". Der Rennfahrer hatte nach einem Unfall eine Armlähmung, baute seinen Eigenbau komplett auf Einhandbetrieb um und fuhr weiter. Und weil bekanntlich rostet, was nur rastet, kriegen viele der Autos regelmäßigen und gnadenlosen Auslauf. Zum Beispiel beim heimischen Stadtparkrennen. Oder noch besser beim "Goodwood Festival of Speed" in England, wo sich Autoverrückte aus aller Welt ein Rennen auf der "Hofeinfahrt" des Earl of March liefern.

Personen. Kraft. Wagen.

"Ein richtiges Museum im klassischen Sinn sind wir nicht", sagt Oliver Schmidt. Ihn interessiert die Geschichte hinter dem Auto, ganz klar. Die Personen, die damit verbunden sind. Die Fahrer, die Konstrukteure, die Karosseriespengler, die Mechaniker. Die mit Schmalz im Kopf und Öl an den Fingern. Zweideutig ist bei "Prototyp" nur der Claim: Personen. Kraft. Wagen. "Das altmodische Wort hinter dem Kürzel Pkw ist fast vergessen und sagt doch alles", sagt Schmidt.

Vor allem die zweite Bedeutung des Wagens im Sinn von Wagnis scheint es ihm angetan zu haben. Die ganze Ausstellung ist ohne Geld der Stadt oder des Staates entstanden. Viele Autos gehören nicht den Initiatoren Schmidt und König, sondern privaten Sammlern oder Autofirmen. "Kein Geld vom Steuerzahler, das bedeutet auch die Freiheit, ohne Korsett rumspinnen zu dürfen", erklärt Schmidt, und der Stolz über das Erreichte schwingt in seiner Stimme mit.

Eleganzwettkampf auf der Baustelle

Für die Zukunft schwebt ihm eine feine Idee mehr vor. Irgendwann werden die Baukräne und Betonmischer aus der Hafencity verschwunden sein. Dann wird die Sammlung "Prototyp" eine Perle auf der Hamburger Museumsschnur von der Kunsthalle über das Haus der Fotografie, die Sammlung Tamm bis zur Elbphilharmonie sein. Und in dem Park, der jetzt noch auf dem Reißbrett ist, dann aber real vor der Tür sein wird, könnte der erste automobile Concours d'Elegance auf deutschem Boden stattfinden. Ähnlich wie im kalifornischen Pebble Beach würde etwa ein Mercedes 540 K Spezial gegen einen Voisin C23 um die Krone des elegantesten Fahrzeugs kämpfen. Die Vision für "Prototyp" in der Hafencity: Goodwood meets Pebble Beach.

Sonderausstellung Rennsport

Bis dahin müssen sich die Besucher mit dem Vorhandenen begnügen. Mit dem Gruppe C-Mercedes, auf dem Michael Schumacher und Karl Wendlinger für die Formel 1 lernten. Mit den Veritas-Rennwagen, die auf BMW-Basis nach dem Krieg das Nonplusultra waren. Und mit dem Holzmodell, auf dem englische Spezialisten die Karosserie der Auto Union-Rennwagen auferstehen ließen. Die Hammerschläge der Spengler sind auch beim Rennwagen des Hannoveraners Petermax Müller gut zu erkennen. Da ist das Blech dann nicht aalglatt. Es lebt.


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