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Toyota-Chef Akio Toyoda im Interview: "Gewinn ist nicht alles"

Seit Juni ist Akio Toyoda Chef des weltgrößten Autobauers Toyota. Ein Gespräch über die Lage der Branche, Krisenzeiten in der Firma und seine Rennfahrerleidenschaft.

Herr Toyoda, hören Sie oft den Vorwurf, Sie hätten Ihren Posten nur geerbt?

Also, ich wurde niemals gezwungen für Toyota zu arbeiten. Als ich nach meiner Ausbildung begann, mich für Autos zu interessieren, bin ich zu meinem Vater gegangen und sagte: "Ich möchte gern bei dir arbeiten." Daraufhin sagte er: "Du bist bei uns nicht willkommen. Niemand möchte als dein Vorgesetzter bei Toyota arbeiten." Er hat sich aber doch für meine Einstellung entschieden. Seither arbeite ich sehr hart, dass nicht der Eindruck entsteht, ich hätte den Posten nur aus familiären Gründen bekommen.

Sie können es sich leisten, Autorennen zu fahren. Klingt etwas nach Playboy. Oder?

Unser Cheftestfahrer kam eines Tages zu mir und sagte: "Sie sind unser Vorgesetzter. Sie sollten mehr über das Autofahren wissen als wir, um Entscheidungen treffen zu können." Ich lerne bei diesen Rennen sehr viel über die Autos. Seit drei Jahren arbeiten wir nun zusammen, Fahrer, Mechaniker und Entwickler. Das Wissen dieses Teams, seine Qualität, ist seitdem gewachsen, und ich bin überzeugt, dass wir deshalb auch bessere Autos bauen können.

Sollen die Autos auf diesem Weg einen Schuss Sportlichkeit bekommen?

Genau das hat uns jahrelang gefehlt. Wir haben unseren Ruf etabliert als zuverlässige Marke. Jetzt möchten wir die emotionale Seite stärker betonen. Ich nenne das die Würze.

Werden Sie weiter Rennen fahren?

Ja, ich möchte das Auto verstehen, ich möchte wirklich eine Art Dialog mit dem Produkt führen. Wir legen großen Wert auf "Genba", damit ist die Praxis vor Ort gemeint. Auch in der Werkstatt oder am Fließband kann man Problemen besser auf den Grund gehen als am Schreibtisch.

Ihr Antritt als Präsident fällt zusammen mit der größten Wirtschaftskrise seit dem Krieg. Für das abgelaufene Geschäftsjahr musste Toyota einen Verlust von 3,3 Milliarden Euro ausweisen - die ersten roten Zahlen seit Gründung der Firma. Wurde Toyota kalt erwischt?

Nein. Es war auch schon vor der Krise schwierig, Autos zu verkaufen. Diese Krise ist nicht zufällig entstanden. Die Bedingungen, die jahrzehntelang ein Wachstum der Autoindustrie begünstigt haben, sind nacheinander weggebrochen. Der rasante Fortschritt hat sich teilweise verlangsamt, die Kapitalmärkte sind kompliziert geworden, die traditionellen Märkte wie Europa, Japan und die USA sind zusehends gesättigt. Wir müssen uns fragen, ob wir alles richtig gemacht haben. Bauen wir die richtigen Autos, nach denen sich die Kunden sehnen? Zum Beispiel Autos, die einen geringen Verbrauch und hohe Fahrfreude bieten und sehr sicher sind. Wenn wir die bauen, dürfen wir auch wieder gute Erträge erwarten und können dem Staat hohe Steuern zahlen, was allen zugute kommt.

War die Krise vorhersehbar?

Teilweise schon. Erste Anzeichen gab es schon 2006. Aber viele von uns haben erst nach dem Lehman-Schock realisiert, wie schlimm es wird.

Sie kennen die USA gut. Hat es Sie überrascht, dass die Krise dort ihren Ursprung genommen hat?

Schauen wir uns dort den Autosektor an: Die Zahl von 16 bis 17 Millionen verkauften Fahrzeugen jährlich ist nicht zu halten, weil ein großer Teil auf Pump gekauft wurde. Aber das Auto bleibt das Hauptverkehrsmittel in den USA, neben dem Flugzeug. Der öffentliche Verkehr ist unterentwickelt. Auf 12 bis 13 Millionen Autos wird der Markt wohl zurückgehen.

Auch Ihr Unternehmen hat schon vor der Krise Probleme gespürt. Die sprichwörtliche Qualität von Toyota- Fahrzeugen hat mit dem starken Wachstum zum Teil nicht mitgehalten. Rückrufe waren früher undenkbar, heute gehören sie dazu.

Wir müssen uns fragen, was ein gesundes Maß des Wachstums ist. Bisher lag das Interesse vornehmlich auf Absatz und Gewinn. Das kann nicht alles sein.

Wie sehen die Autos in 20 Jahren aus? Werden wir dann alle elektrisch fahren?

Ich bin gespannt. Wenn die Spritpreise weiter steigen und die fossilen Brennstoffe zur Neige gehen, muss man das berücksichtigen. Wir haben schon in der 90er Jahren das erste Hybridmodell, den Prius, eingeführt.

Müssen die Autos kleiner werden?

Sie müssen die richtige Größe haben. Und leichter werden. Wir haben uns beispielsweise sehr lange stark am amerikanischen Markt orientiert. Also haben wir große Autos entwickelt, weil die dort gefragt waren. Und diese Autos haben wir dann auch anderswo angeboten.

Und in Zukunft...

... müssen wir die Kundenwünsche einzelner Märkte stärker berücksichtigen, uns anschauen, welche Straßen dort vorhanden sind, und überlegen, welche Produkte sich dafür eignen.

Können Sie sich ein Leben ohne Auto vorstellen?

Nur in der Großstadt.

Interview: Frank Janßen, Harald Kaiser / print

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