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Tokyo Motor Show: Zurück in die Zukunft

Die japanischen Autohersteller strotzen wieder vor Selbstbewusstsein. Auf der Tokyo Motor Show zeigen sie, was sie aus den Rückschlägen gelernt haben.

Von Frank Janßen/Tokyo

So ein Bild hat Seltenheitswert. In Europa ist es vielleicht undenkbar. Doch am Vorabend der Tokyo Motor Show standen die 14 mächtigsten Bosse der japanischen Auto- und Motorradindustrie einträchtig nebeneinander auf der Bühne und blickten in Zukunft. Doch zunächst galt es für die Manager auf dem Empfang der japanischen Herstellervereinigung JAMA, den Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Toshiyuki Shiga erinnert sich genau: "Ich war am Nachmittag des 11. März 2011 um 14:46 Uhr in einer Videokonferenz, als die Erde bebte", sagt der Nissan-Chef im Rückblick auf die größte Katastrophe der jüngeren japanischen Geschichte. "Wir eilten zum Fenster und sahen große Gebäude schwanken. Da wussten wir, dass die Lage sehr ernst war." Shiga telefonierte umgehend mit Toyota-Präsident Akio Toyoda; beide einigten sich auf humanitäre Hilfe, schickten Teams mit Ingenieuren und Technikern in das Krisengebiet.

Jahre der Rückschläge

Das Beben, das den Tsunami auslöste und dessen Folgen noch Jahrzehnte andauern werden, hat Japans Autoindustrie hart getroffen. Als ob nicht die Finanzkrise nach dem Lehman-Schock 2008 schon genug für Talfahrt gesorgt hätte. Honda beispielsweise hat damals einen Großteil der Entwicklungsprojekte auf Eis gelegt, um seine Zahlungsfähigkeit nicht zu gefährden. Und als ob nicht zahlreiche Rückruf-Aktionen 2009 in den USA besonders den Branchenriesen Toyota schon arg ins Schlingern gebracht hätten. Und: Als ob nicht der starke Yen der Exportnation Japan schon genug Kopfzerbrechen bereitet hätte.

Spannende Neuvorstellungen

Doch während die letzte Toyko Motor Show im November 2011, gut ein halbes Jahr nach der Katastrophe von Fukushima, noch von Agonie gezeichnet war, so liegt der Aufbruch in diesem Jahr in der Luft. Die Japaner strotzen wieder vor Selbstbewusstsein – und das nicht allein wegen des Zuschlags für die Olympischen Spiele 2020. Die japanische Autoindustrie ist wieder da. Sogar Honda, vom Erdbeben besonders betroffen und gefühlt für die vergangenen zwei Jahre von Bildfläche verschwunden, kehrt gleich mit zwei Sportwagen zurück ins Rampenlicht: dem S660 Concept und dem Supersportwagen NSX Concept. Toyota zeigt nicht nur Hightech, sondern auch Emotionen: nicht nur ein Brennstoffzellenfahrzeug, das 2015 serienreif auf den Markt kommen soll, sondern auch ein traumhaft schönes Coupé der Tochter Lexus namens RC. Sogar Subaru, sonst eher für rustikale Förster-Dienstwagen mit Allradantrieb bekannt, zeigt ein hinreißend schickes Kombi-Coupé, das an BMWs Z3 und Z4 erinnert, und natürlich – typisch japanisch – auch ein bisschen praktisch ist: Der Subaru Cross Sport hat sowohl eine zweigeteilte Heckklappe zum einfachen Beladen des Kofferraums als auch einen faltbaren Beifahrersitz, wenn mal das Surfbrett mitmuss.

Bei so viel Aufbruchstimmung sind auch die deutschen Premiumhersteller nicht weit: Porsche präsentierte in Tokyo – zeitgleich übrigens mit der Messe in Los Angeles – das kleine SUV Macan. Und BMW enthüllte die neue Generation des Mini. In Japan ist der kleine Frauenliebling ein Bestseller: 2,5 Millionen Exemplare hat die britische Tochter davon seit 2001 hier verkauft. Bei den gebeutelten japanischen Autoherstellern hat man sich die Philosophie, die hinter emotionsstarken Autos deutscher Herkunft steht, offenbar zu Eigen gemacht. Ein aktueller Slogan der Japaner lautet: "Wenn es keinen Spaß macht, ist es auch kein richtiges Auto."

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