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US-Gamer Matt Haag: Dieser Junge verdient Millionen beim Videospielen

Matt Haag ist 22 und verdient eine Million Dollar im Jahr mit Videospielen. Er ist der Popstar einer Generation, die Roboter cooler finden als Ronaldo. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Karriere.

Von Christoph Fröhlich

Vor wenigen Jahren wendete er noch Burger-Scheiben bei McDonald's, nun verdient Matt Haag Millionen Dollar mit Videospielen.

Vor wenigen Jahren wendete er noch Burger-Scheiben bei McDonald's, nun verdient Matt Haag Millionen Dollar mit Videospielen.

Wenn Matt Haag zum Training geht, braucht er keine Sporttasche. Er muss sich auch nicht in nach Schweiß stinkende Umkleideräume zwängen oder samstags zum Kreisligaspiel fahren. Der 22-jährige US-Amerikaner muss nicht einmal aus seinem bequemen Chef-Drehstuhl aufstehen, wenn er trainieren will. Denn Haag ist professioneller Gamer. Alles, was er braucht, sind Tastatur und eine Maus, als Xbox-Gamer ein Controller und ein Headset. Er hat sich auf die beliebte Shooter-Reihe "Call of Duty" spezialisiert, die jedes Jahr Millionen Menschen an die Konsolen lockt. Darin geht es um Teamplay und Taktik, doch vor allem braucht man schnelle Reflexe. Und nur wenige drücken die Knöpfe so schnell und gnadenlos wie Haag. Er ist einer der besten der Welt, sein Jahresgehalt beträgt eine Million Dollar aufwärts, wie kürzlich die "New York Times" schrieb. Kein schlechter Schnitt für jemanden, der wenige Jahre zuvor als Teenager Burger bei McDonalds brutzelte.

Vom McDonalds-Brater zum Millionär

Seine Gamer-Karriere begann Haag mit 15 Jahren. Zu Weihnachten schenkten ihm seine Eltern "Call of Duty 4", und er war von dem Spiel so begeistert, dass er es bis zu acht Stunden am Tag zockte. Seine Mutter nahm ihm irgendwann den Controller weg, doch das hielt den Teenie nicht vom Zocken ab - er kaufte einfach weitere Controller und versteckte sie überall im Haus.

Später organisierte er kleine Online-Wettbewerbe auf der Xbox, bei denen er ein paar Hundert Dollar verdiente. Vor fünf Jahren nahm ihn sein Onkel das erste Mal zu einem Videospiel-Turnier nach Kalifornien mit. Schon damals zeigte er sein Talent, Haag landete auf dem vierten Platz. Er selbst war unzufrieden mit seiner Leistung, doch einige bekannte Menschen aus der Szene wurden auf den schlaksigen Jungen mit den dunklen Augen aufmerksam.

Einer von ihnen war Hector Rodriguez, ein ehemaliger Versicherungsanalyst und leidenschaftlicher Gamer. Er erkannte Haags Talent und lockte ihn in sein Team namens "OpticGaming" - zwei Jahre später kam der Durchbruch: Sie räumten auf den "Call of Duty"-Championships 400.000 Dollar ab.

Gaming schlägt Hollywood

Games sind längst zum Milliardengeschäft geworden. Allein der Shooter "GTA V" spielte in den ersten 24 Stunden 800 Millionen US-Dollar ein - dagegen sieht selbst Hollywood alt aus. Die Streamingplattform Twitch wurde im August für mehr als eine Milliarde Dollar von Amazon aufgekauft. Statt Fußball schauen viele Jugendliche im Netz lieber zu, wie sich virtuelle Sportler in beliebten Online-Spielen duellieren. Im vergangenen Jahr waren es bereits 2,4 Milliarden Stunden, ermittelte der Analysedienst IHS. Auf Turnieren werden Rekordsummen ausgeschüttet, Ende Juli gab es auf einem Event in Seattle ein Preisgeld von mehr als fünf Millionen Dollar. Die Sieger räumten pro Kopf rund 740.000 Euro ab - mehr als die deutschen Nationalspieler, die in Brasilien eine Rekord-Prämie von 300.000 Euro einheimsten.

Doch Videospiele haben Matt Haag nicht nur reich, sondern auch berühmt gemacht. Mit knielangen Shorts, Schlabbershirt und Basecap ist er der Posterboy des boomenden E-Sport-Markts. Im Internet kennt man ihn unter seinem Synonym "Nadeshot", auf Youtube hat er 1,5 Millionen Abonnenten. Seine Fans zahlen monatlich knapp fünf Dollar, um ihm über das Internet beim Trainieren zuschauen zu können. "Was ist es, was die Leute an mir anziehend finden? Ich wünschte, ich wüsste es", sagte Haag im Januar dem "Chicago Tribune". Mit seinem Youtube-Kanal verdient er in diesem Jahr knapp 700.000 Dollar, zusammen mit Turniergeldern und diversen Sponsorings knackt er die Millionen-Dollar-Marke.

Matt Haag ist der Posterboy einer neuen Generation, die Gamern lieber beim Spielen zusieht, statt selbst zu zocken

Matt Haag ist der Posterboy einer neuen Generation, die Gamern lieber beim Spielen zusieht, statt selbst zu zocken

Ein Popstar im Netz

Haag ist ein Popstar für die Netz-Generation. Er reist um die Welt und nimmt an Dutzenden Videospiel-Turnieren teil. Er stellt sein Leben auf Twitter und Instagram zur Schau und 824.000 Menschen lesen mit. Wenn er nicht gerade spielt, teilt er Eindrücke aus seinem Leben. Kürzlich postete er ein Bild, dass ihn mit einer Art Schwimmmaske voller Kabel auf dem Kopf zeigte. Forscher wollten herausfinden, wie sein Gehirn funktioniert und wie er mit Stress während eines Matches umgeht.

Das Bild wurde in einem Studio von Red Bull aufgenommen, seinem Sponsor. Dort helfen ihm Therapeuten und Sportwissenschaftler, besser mit Druck umzugehen und ein gesünderes Leben zu führen. Seit er Profi-Gamer ist, muss er in Form bleiben: Er isst jetzt zwischen den Spielsitzungen Pancakes mit vielen Proteinen, die mit Leinöl und Chia-Samen garniert sind. Sein Ernährungsplan wurde von einem Diätexperten zusammengestellt, erzählte er der "New York Times". Er muss auf Fahrradtrainern strampeln und quält sich durch stundenlange Yoga-Sitzungen. Und das alles, damit er am Computer noch schneller und effizienter tötet.

"Was passiert, wenn ich nicht mehr mithalten kann?"

Dass seine Karriere irgendwann ein Ende finden wird, weiß Haag. "Ich denke bestimmt zehnmal am Tag über meine Zukunft nach", sagt der 22-Jährige der "New York Times". "Was passiert, wenn morgen niemand mehr meine Videos anklickt? Was passiert, wenn man nicht mehr mithalten kann und einfach aufhören will, weil man sonst wahnsinnig wird?"

Er würde gerne ab und zu einfach mal das Haus verlassen, in dem er und seine Team-Partner gemeinsam zocken. Eine Nacht abschalten, runterkommen, niemanden am eigenen Leben teilhaben haben lassen. Doch seine Team-Partner würden nicht mitkommen, sie bleiben lieber am PC. Am Ende schlägt sich auch Haag wieder die Nacht vor dem Rechner um die Ohren. Er kann es sich nicht leisten, Fans an andere Spieler zu verlieren. Er wird mit seinen Videos pro Abruf bezahlt, deshalb muss ständig neues Material im Netz landen. Er buhlt mit Zigtausenden anderen um die Aufmerksamkeit der User. Es ist anstrengend, doch lohnenswerter als McDonald's.