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Videospielmesse Gamescom: Zaubern gegen die Krise

Die Videospielmesse Gamescom in Köln hat begonnen: Mit Electronic Arts und Sony stellten zwei Branchen-Schwergewichte ihre Zukunftspläne vor. Überraschen konnte aber nur einer von beiden.

Von Christoph Fröhlich, Köln

Harte Zeiten für Sony: Im letzten Geschäftsjahr machte der Elektronikkonzern knapp 4,5 Milliarden Euro Verlust, das Geschäft mit Fernsehern ist eingebrochen, auch der Verkauf der mobilen Spielkonsole Vita kommt nur stockend voran. Mehr als 10.000 Stellen sollen gestrichen werden. Um aus den roten Zahlen zu kommen, setzt Sony nun sogar Hoffnungen in das gute, alte Buch: Auf der Gamescom in Köln präsentierte das Unternehmen am Dienstagabend ein Gadget namens "Wonderbook", dass demnächst Millionen von Kindern und Eltern begeistern soll.

Sony setzt auf Harry Potter

Dabei handelt es sich um ein Lesebuch, dessen Seiten mit großen Symbolen bedruckt sind, sogenannten Augmented-Reality-Codes. Werden die von der Kamera der Playstation 3 erkannt, beginnt das Buch auf dem Fernseher zum Leben zu erwachen und eine Geschichte zu erzählen. Mehr noch: Mit den bewegungsempfindlichen "Playstation Move"-Controllern können Spieler sogar aktiv in die Geschichte eingreifen.

Als prominentes Zugpferd hat Sony niemand Geringeres als "Harry Potter"-Autorin J.K. Rowling verpflichtet, die exklusiv für den Dienst das "Buch der Zaubersprüche" geschrieben hat. Der Wackel-Controller dient hier als ein leuchtender Zauberstab, was vor allem Kids und Potter-Fans gefallen dürfte. Später soll es weitere Lesebücher wie "Diggs Nightcrawler" - einer Detektivgeschichte mit einem sechsbeinigen Wurm - sowie eine spezielle Version der BBC-Dokumentation "Dinosaurier - Im Reich der Giganten" geben. Auch Disney ist mit an Bord und wird in den kommenden Monaten interaktive Bücher für die Playstation 3 veröffentlichen.

Mit "Wonderbook" will Sony an den Erfolg der Karaoke-Software "Singstar" oder der Kamera-Erweiterung "EyeToy" anknüpfen. Doch das moderne Lesebuch war nicht die einzige Neuerung: Neben einigen Fortsetzungen bekannter Videospielreihen - unter anderem einer Vita-Version von "Assassin‘s Creed 3" oder "Call of Duty: Black Ops" - zeigte Sony gleich fünf neue Marken. Das wohl kreativste Spiel des Abends war "Tearaway", das jüngste Projekt der "Little Big Planet"-Macher für den Handheld Vita.

Der große Vita-Hit

Die Hauptrolle darin spielt ein kleines Papiermännchen namens Iota, der in einer ebenfalls aus Papier bestehenden Welt überleben muss. Um Iotas Feinde auszuschalten, muss der Spieler sämtliche Möglichkeiten der Vita ausnutzen: Klopft er an die touch-empfindliche Unterseite der Konsole, bohrt sich der Finger scheinbar durch den Boden der Spielwelt und erledigt so die marodierenden Monster. Neigt man das Gerät zur Seite, kippt auch Iotas Umgebung, pustet man auf die Konsole, zieht im Spiel ein Sturm auf. Verpackt ist das Ganze in einen einzigartigen Comicstil. Die Präsentation von "Tearaway" sorgte für lautstarken Applaus beim Fachpublikum. Denn das Papierspiel ist nicht nur sehr kreativ und einzigartig, sondern nutzt die Möglichkeiten der Vita geschickt aus. Ein Veröffentlichungstermin ist bislang nicht bekannt.

Dass Sony Mut zur Lücke beweist, zeigt das Unternehmen auch bei zwei anderen Spielen: "Rain" und "Puppeteer" stammen beide aus dem japanischen Entwicklungsstudio und sind sowohl von der Thematik als auch in ihrer Umsetzung eher an ein Nischenpublikum gerichtet. "Rain" handelt von einem unsichtbaren Jungen, der nur im Regen sichtbar ist, "Puppeteer" von einem magischen Theater, bei dem der Star der Show eines Nachts entführt und in eine Puppe verwandelt wird.

Ob diese beiden Spiele ein finanzieller Erfolg werden, bleibt abzuwarten - mutig sind sie allemal. Den großen Nachschub an neuartigen Spielkonzepten erklärten die Entwickler im Anschluss an die Pressekonferenz damit, dass Sony seine Spiele-Designer wie Musikstars behandelt und ihnen relativ große Freiheiten gewährt. Wie es anders geht, zeigte Electronic Arts (EA).

Und ewig lockt die Fortsetzung

Beim US-amerikanischen Publisher EA wurden fast ausnahmslos Fortsetzungen bekannter Spielereihen gezeigt: ein neuer Teil des Rennspiels "Need for Speed", "Fifa 13", "Crysis 3" oder die nächste Runde der Team-Ballerei "Army of Two: The Devils Cartel". Letzteres zeigt besonders deutlich, wie die Spiele zur Massenware verkommen. Während die beeindruckenden Feuergefechte vollgepackt sind mit explodierenden Fässern, abstürzenden Hubschraubern und heißlaufenden Gewehren, bleibt die Story ein Witz: Die beiden Charaktere Alpha und Bravo kämpfen gemeinsam gegen ein fieses, mexikanisches Drogenkartell. Nicht einmal das Setting ist sonderlich kreativ, immerhin ballerten sich Spieler bereits im ersten Teil vor vier Jahren durch eine Wüstenlandschaft, die auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden ist.

Dass EA nur noch etablierte Marken vorantreibt, kommt nicht von ungefähr: Im Mai verkündete das sonst erfolgsverwöhnte Unternehmen, dass es in diesem Geschäftsjahr bis zu 100 Millionen Dollar Verlust machen könnte. Schuld seien laut Konzernchef John Riccitiello Investitionen in Spiele für die nächste Konsolengeneration gewesen. Aber auch der mangelnde Erfolg der letzten großen Innovation "Star Wars: The Old Republic" dürfte einen großen Anteil haben. Mit dem Science-Fiction-Rollenspiel wollte EA den Branchenprimus "World of Warcraft" herausfordern - und ist kläglich gescheitert. Nun verkündete das Unternehmen, dass das kostenpflichtige "The Old Republic" (Entwicklungskosten: rund 150 Millionen Dollar) ab Herbst kostenlos spielbar sein wird.

Sony mag vielleicht mit einigen Ideen scheitern, doch EA scheint gar keine neuen mehr zu wagen. Welche Strategie aufgehen wird - das entscheiden am Ende die Gamer.