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Android-Handy: Google attackiert das iPhone

Das iPhone bekommt magische Konkurrenz vom "Magic". Das neue Smartphone von Google wird - wie schon der Vorgänger - von HTC gebaut. Das neue "Wunder-Handy" soll für den Durchbruch des kostenlosen Android-Betriebssystems sorgen.

Von Gerd Blank

Würde man dem amerikanischen Werbefernsehen Glauben schenken, wäre das Google-Handy eine Offenbarung. US-Bürger scheinen den ersten Versuch Googles zu lieben, den Mobilfunkmarkt umzukrempeln. Gebaut wurde das vermeintliche Wundertelefon von HTC, den derzeit wohl erfolgreichsten Hersteller von Smartphones. Zusammen will man nicht nur die Welt erobern, sondern gleichzeitig den Erfolg von Apples iPhone brechen.

In Deutschland wird das Gerät exklusiv bei T-Mobile verkauft, damit hat das Unternehmen gleich zwei Smartphones im Sortiment, die als erste Ihrer Art gelten. Da ist zum einen das iPhone von Apple, das Handy, welches als erstes mit großen Touchscreen und neuen Bedienkonzept punkten konnte. Und eben das "G1", das erste Google-Handy.

Die Suchmaschine für die Hosentasche

Das besondere am "G1" ist das Betriebssystem Android: Es basiert auf Linux und kostet nichts. Entwickelt wurde Android nicht von Google allein, insgesamt sind 47 Partner an Board der Open Handset Alliance. Doch Google ist treibende Kraft hinter dem Projekt. Schließlich soll das das auch mobile Internet vom größten Suchmaschinenanbieter der Welt dominiert werden.

Andy Rubin ist Googles Chefentwickler für die mobile Wunderwaffe. Sein Arbeitsplatz ist auf dem imposanten Google-Campus im Silicon Valley. Vor dem Eingang des Bürokomplexes begrüßt ein riesiger grüner Roboter Mitarbeiter und Besucher: Das Markenzeichen das Handybetriebssystems. Rubin macht gleich klar, dass er das erste Google-Handy von HTC noch für eine Betaversion hält. "Das G1 ist nicht fertig, es ist die Version 0.8. Das G2 ist das, was wir wollen, es ist die Version 1.0". Das G2 ist das Exklusiv-Gerät von Vodafone, welches Ende April in den Handel kommt und, wie auch der Vorgänger, von HTC gebaut wurde. Im Gegensatz zum Vorgänger wurde beim G2 auf eine Tastatur verzichtet, wodurch das Gerät nicht nur viel schlanker wurde, sondern die Ähnlichkeit zum iPhone noch deutlicher wird. Allerdings hält Rubin sein Betriebssystem für leistungsfähiger: "Wir sind mit der Version 1.0 schon jetzt so weit, wie Apple erst mit der angekündigten Version 3.0 sein wird."

Es kling ein wenig wie eine Rechtfertigung. Wohl nicht ganz ohne Grund: Alle neuen Smartphones müssen sich am iPhone messen lassen. Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren ist Apples Handy zur Blaupause für Geräte geworden, mit denen man auch gerne von unterwegs aus auf E-Mails zugreift, das Internet nutzt und, vor allem, Software kauft. Im App Store, Apples virtuellen Software-Kaufhaus, werden mehr Programme heruntergeladen als irgendwo sonst. Der Erfolg des Music Stores, inzwischen weltweiter Markführer im Vertrieb digitaler Musik, scheint Apple mit Software ein zweites Mal zu glücken.

Weniger Zugriff auf Heimcomputer

Da der mobile Mensch immer weniger auf stationäre Rechner zugreift, haben auch andere Unternehmen erkannt, dass althergebrachte Geschäftsmodelle nicht mehr ewig gelten. Microsoft versucht mit aller Kraft, verlorenen Boden im mobilen Sektor wieder gutzumachen und benennt alle mit Windows Mobile betriebenen Geräte kurzerhand in "Windows Phones" um. Eine Update des erfolgreichen Betriebssystems erscheint Mitte des Jahres und soll nicht mehr so aussehen, als ob Techniker eine Software für Techniker entwickelt haben, sondern auch normale Nutzer zum mobilen Windows führen.

Das freut viele Hardwarehersteller, die kein eigenes Betriebssystem entwickeln, sondern häufig die Microsoft-Software als Motor nutzen. Trotz moderner Technik sahen die Geräte mit Windows Mobile gegen das iPhone oft alt aus. Kein Wunder, dass viele Unternehmen dem Ruf von Google folgen, um an einer neuen Software zu arbeiten, mit der sich wieder mehr Geräte verkaufen lassen.

Welches ist das überlegene Smartphone-Betriebssystem

Der Mobilfunkmarkt ist gesättigt, allein in Deutschland hat statistisch jeder Bundesbürger fast zwei Handys. Das bekommen die ehemaligen Vorzeigeinnovatoren wie Nokia und Sony Ericsson deutlich zu spüren, sie haben keine Geräte im Portfolio, die den neuen Trend bedienen und millionenfache Kaufimpulse auslösen können. Doch während Nokia, immer noch weltweiter Handy-Marktführer, weiterhin auf das Symbian-Betriebssystem setzt, schloss sich jüngst Sony Ericsson der Google-Initiative an um künftig ebenfalls Smartphones mit Android herausbringen.

Vorbei die Zeiten, in denen es genügte, lediglich der Hardware einen neuen Anstrich zu geben. Über viele Jahre brauchten die Gerätehersteller nicht viel mehr tun, als ab und zu das Gehäuse ihrer Geräte zu überarbeiten, während die Betriebssysteme oft blieben wie sie waren. Die neuen Mitspieler bestimmen die Regeln, die etablierten Hersteller konnten nicht so schnell auf den neuen Trend reagieren. Es brauchte fast zwei Jahre nach Apples iPhone-Vorstellung, bis Nokia ebenfalls ein Touchscreen-Handy zeigen konnte. Und während Motorola noch immer das inzwischen überholte Razr-Klapphandy immer wieder neu auflegt, haben Samsung und LG längst eigene Touchscreen-Geräte in den Handel gebracht haben.

Apple zeigte mit dem iPhone, das Software wichtiger als Hardware ist. Innerhalb kürzester Zeit verlangten Käufer nach der Möglichkeit, die mobilen Geräte mit Programmen individualisieren zu können. Wurde das Apple-Telefon bei dessen Ankündigung von etablierten Handy-Herstellern noch nicht als Konkurrenzprodukt ernst genommen, gilt das Gerät inzwischen als Blaupause für eine neue Gerätegeneration. Apple zeigte zudem, wie ein Handy entwickelt wird, ohne auf Mobilfunkprovider Rücksicht zu nehmen. Das Branding von Gerät und Software reduziert sich bei aktuellen Mobiltelefonen auf ein Minimum. Und Google setzt mit Android auf diesen Trend noch einen drauf.

Android kostet nichts und das macht es für Hardwarehersteller - gerade in der Finanzkrise - interessant. Entweder können sie die Ersparnis an die Verbraucher weiter geben, wodurch die Geräte billiger werden, oder sie verdienen an den Geräten mehr. "Egal wie, mit Android gibt es immer Gewinner", sagte Andie Rubin von Google. Für diesen Gewinn nehmen die Unternehmen auch in Kauf, dass sie auf ihren eigenen Geräten nicht mehr das Sagen haben.

Google überall

Das kostenlose Betriebssystem integriert die Google-Suche, Google Mail, den hausegeigenen Fotodienst Picasa und die Google-Tochter Youtube. Google überall. Nur mit einem Google-Mail-Konto lässt sich das Gerät wirklich nutzen. Ohne dieses lässt sich zwar noch telefonieren, doch wer mehr will, muss seine Daten mit Google teilen. Doch auch Google hat nichts zu verschenken, denn das Unternehmen will mit der kostenlosen Software Geld verdienen. Durch Anzeigen, die neben Suchanzeigen platziert werden. Doch damit Käufer dennoch zum Android-Gerät greifen, soll die Software besser werden als die der Konkurrenz: "Unsere oberste Priorität ist es, für jedes Produkt eine Killerapplikation zu entwickeln, die den Nutzern kostenlos zur Verfügung steht", sagte Andy Rubin im Interview mit stern.de: "Ein Vorteil an Android ist die Schnelligkeit, mit der neue Softwarelösungen entwickelt werden." Bei Windows Mobile mussten Nutzer oft Monate, wenn nicht Jahre auf ein Update warten, um zusätzliche Dienste zu nutzen. Für das Google-Handy soll Software innerhalb weniger Wochen zur Verfügung stehen.

Wer programmieren kann, darf für Android Software schreiben. Einzige Voraussetzung für eine Veröffentlichung: Der Entwickler muss ein Bankkonto haben, damit er einwandfrei identifiziert werden kann. Zwar macht Google keine Einschränkungen bei der Entwicklung von Software, sobald sich aber Nutzer über bestimmte Programme beschweren, werden die Entwickler gesperrt und dürfen bis auf Weiteres keine Software mehr für das Google-Phone veröffentlichen.

Digitaler Spielplatz

Wer sich darauf einlässt, Informationen über sein Telefonverhalten mit Google zu teilen, darf sich also über einen digitalen Spielplatz für die Hosentasche freuen. Alles scheint mit dem Google-Phone möglich zu sein, für fast jeden Wunsch gibt es eine passende Applikation. Wie auch Apple davor und Microsoft danach führt ein integrierter Software-Marktplatz zu den Programmen, die aus der schmucken Hardware einen echten Alleskönner macht. Das Telefon wird zum Experimentierkasten. Es gibt Barcode-Leser, die Produkte im Internet finden oder verpackte Nahrungsmittel mit der Ernährungsampel abgleichen. Programme für Musik, Foto, Video und Kommunikation sowie für Spiel, Job und Sport tummeln sich im umfangreichen Marktplatz - und jeden Tag kommen weitere Anwendungen dazu. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf ortsbasierte Dienste gelegt. Im HTC Magic, dem zweiten Google-Handy, ist ein GPS-Empfänger integriert. So könnten künftig auch ortsbasierte Kleinanzeigen auf dem großen Touchscreen angezeigt werden. Quasi der Schauermann in der Hosentasche, der beim Spaziergang durch die Stadt in die Geschäfte und Restaurants locken soll.

Doch Google hat es nicht nur auf die Bürger westlicher Großstädte abgesehen sondern auf die sogenannten "emerging Markets". So wird Google bislang in Afrika kaum genutzt, was an der geringen Verbreitung von internetfähigen Computern liegt. Rubin sieht die große Chance darin, mit Produkten wie dem Google-Phone und dem kostenlosen Android-Betriebssystem ganz neue Nutzer zu erreichen. Und diese so zu mehr Informationen, Medien und Bildung zu führen. Zuerst wird das Unternehmen allerdings nichts mit den Google-Diensten verdienen. Doch das schreckt Andy Rubin nicht: "Wir denken nicht kurzfristig. Wir wollen langfristig diese Nutzer davon überzeugen, dass sie von unseren Diensten profitieren, wodurch wir wiederum profitieren werden."