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Wende im Smartphone-Markt?: So will Huawei 2017 weltweit an Apple vorbeiziehen

Huawei war vor sechs Jahren ein Nobody im Smartphone-Geschäft. Nun ist der chinesische Konzern weltweit in den Top 3, in diesem Jahr könnte er Apple als Nummer zwei überholen. So soll die Wachablösung gelingen. 

Huawei-Chef Richard Yu bei der Präsentation eines neuen Smartphones

Huawei-Chef Richard Yu bei der Präsentation eines neuen Smartphones

Vor zehn Jahren beherrschten Nokia, Motorola und Sony Ericsson den Handymarkt. Dann kam das iPhone. Steve Jobs stellte im Januar 2007 das erste Apple-Telefon vor und wirbelte damit den Mobilfunkmarkt gehörig durcheinander. In der Folge kam es zu einer kompletten Neuordnung: Apple und Samsung wurden zu den treibenden Kräften, Nokia versank in der Bedeutungslosigkeit und zahlreiche neue Player drängten auf den wachsenden Markt.

Einer der jungen Wilden war Huawei. Im Frühjahr 2009 brachte der chinesische Konzern, der bis dahin als Netzwerkausrüster tätig war, als absoluter Nobody sein erstes Smartphone auf den Markt. "Vor sechs Jahren wusste niemand, wer wir sind", sagte Unternehmenschef Richard Yu jetzt im Rahmen der Technikmesse CES in Las Vegas. Heute sieht das ganz anders aus: Huawei zählt zu den drei erfolgreichsten Smartphone-Herstellern der Welt und könnte noch in diesem Jahr Apple als Nummer zwei ablösen.

Apple für Huawei in Schlagdistanz

Im dritten Quartal 2016 brachte Huawei 32,5 Millionen Smartphones an den Mann. Das reicht für einen globalen Marktanteil von 8,7 Prozent. Apple verkaufte im gleichen Zeitraum 43 Millionen iPhones, woraus sich ein Marktanteil von 11,5 Prozent ergibt. Das ist immer noch ein deutlicher Abstand, doch Cupertino ist in Sichtweite gekommen. "2017 haben wir die Gelegenheit, in die Top 2 vorzustoßen", sagt Yu. Gelingen soll das mit mehr Innovationen und neuen Märkten.

Im gesamten Jahr 2016 verkaufte Huawei weltweit 139 Millionen Smartphones, 29 Prozent mehr als im Vorjahr. Eine bemerkenswerte Steigerung, denn der globale Markt wuchs laut IDC gerade einmal um 0,6 Prozent. Der Anstieg ist besonders erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Huawei (und die Tochtermarke Honor) in den USA praktisch keine Rolle spielt. In Apples Heimatmarkt erreicht Huawei gerade einmal einen Marktanteil von 0,5 Prozent. Dabei gelten die Vereinigten Staaten als größter Markt für Highend-Phones. Hier sieht Huawei enormes Wachstumspotenzial.

Vom Billigheimer zum Premium-Hersteller

Vor ein paar Jahren war Huawei vor allem durch seine Billig-Smartphones vom Discounter bekanntgeworden. Mittlerweile hat man das Einsteigersegment hinter sich gelassen und konzentriert sich auf die obere Mittel- und die Premiumklasse. Mit dem Mate 9 brachte der Konzern vor ein paar Monaten eines der besten Android-Smartphones überhaupt auf den Markt, das es in puncto Verarbeitung, Akkulaufzeit und Kamera mit Samsung und Apple aufnehmen kann.

In wenigen Monaten, womöglich schon zum Mobile World Congress in Barcelona Ende Februar, wird die Vorstellung des Huawei P10 erwartet. In der P-Reihe sorgt Huawei traditionell mit innovativen Funktionen für Aufsehen, vergangenes Jahr zeigte man etwa erstmals die gemeinsam mit Leica entwickelte Doppelkamera.

Innovationen sind laut Richard Yu der Schlüssel zur weltweiten Nummer zwei. Um den Vorwurf der chinesischen Copycats abzuschütteln, betont Richard Yu, dass der Konzern jedes Jahr zwischen 10 und 15 Prozent seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung investiere. Steigt der Umsatz, werden auch die Investitionen nach oben geschraubt. Auf diese Weise will man stets oben mitmischen und die Technik vorantreiben. Eines der nächsten Wachstumsfelder sei der Bereich der Künstlichen Intelligenz, glaubt Yu.

Partnerschaften sollen Vertrauen steigern

Um die Marke bekannter zu machen setzt Huawei auf eine großangelegte Marketing-Offensive und bekannte Testimonials. FC-Bayern-Star Robert Lewandowski und Hollywood-Schauspielerin Scarlett Johansson werben etwa für das P9-Smartphone, Modell Karlie Kloss wie für die Huawei Watch. Zudem sponsert der Konzern eine Riege bekannter europäischer Fußballvereine, unter anderem Borussia Dortmund, FC Arsenal, Paris Saint-Germain, Atlético Madrid und Galatasaray.

Auch bei der Technik arbeitet Huawei mittlerweile mit den Großen zusammen: Das Mate 9 kommt in den USA als erstes Smartphone mit Amazons digitalem Assistenten Alexa auf den Markt. Außerdem ist das Gerät für Googles Virtual-Reality-Plattform Daydream optimiert. Der selbst entwickelte Rechenchip Kirin 960 ist auch für Googles Augmented-Reality-System Tango gerüstet - vermutlich kommen in diesem Jahr noch Tango-Smartphones von Huawei.

Die neue Konkurrenz kommt aus China

Huawei war vor sechs Jahren angetreten, den Großen das Fürchten zu lehren. Das ist den Chinesen gelungen. Doch mittlerweile muss sich der Konzern selbst gegen Newcomer zur Wehr setzen, die Marktanteile vor allem am unteren Rand abknapsen. Im Heimatmarkt China ist der Smartphone-Hersteller BBK Electronics zum ernst zu nehmenden Herausforderer erwachsen, zu ihm gehören erfolgreiche Marken wie Oppo, Vivo und OnePlus. Die punkten mit guten Mittelklasse-Handys zum Schnäppchenpreis vor allem bei der jüngeren Zielgruppe und Menschen, die nicht ständig die neueste Technik benötigen.

Samsung und Apple schlafen ebenfalls nicht: Samsung wird demnächst das Galaxy S8 auf den Markt bringen, mit dem der Konzern das Note-7-Debakel vergessen machen will. Apple wiederum dürfte im Herbst ein runderneuertes iPhone 8 vorstellen, von dem Fans und Anleger Großes erwarten.

Für Huawei ist es essenziell wichtig, sich mit innovativen Funktionen und mutigen Entscheidungen in Premiummärkten wie Deutschland, Großbritannien oder den USA zu behaupten. Ansonsten sieht der Konzern gegen die Branchen-Giganten keinen Stich - und wird in der Heimat Opfer einer jüngeren Version von sich selbst.