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Software-Update Die Staubsauger von iRobot bekommen ein komplett neues Gehirn mit KI-Fähigkeiten

Nun identifiziert der Roboter "Schmutzzonen" wie den Esstisch. 
Nun identifiziert der Roboter "Schmutzzonen" wie den Esstisch. 
© iRobot / PR
iRobot spendiert seinen Saugern ein großes Software-Update. In Zukunft werden die Roboter viel schlauer, um zu verstehen, wann und wo sie saugen sollen.

Im Corona-Jahr 2020 bringt iRobot kein neues Gerät heraus, die Markteinführung eines Mähroboters mit einem revolutionären Navigationssystem wurde verschoben. Dafür gibt es für fast alle Kunden ein gewaltiges Software-Update. Die bessere Funktionalität der Plattform iRobot Genius Home Intelligence kostet nichts und von ihr profitieren alle iRobot "connected"-Maschinen, also Geräte, die mit einem WiFi-Netz verbunden sind. Die volle Funktionalität steht bei den Geräten der neuern Baureihen zur Verfügung, die bereits über ein intelligenteres Mappingsystem verfügen (Roomba i7, i7 +, s9 und s9 + und Braava Jet M6 Robomop). 

Colin Angle, der Chef von iRobot, kann man einen Nerd nennen - einen Roboter-Nerd. Seine Firma ist seit 16 Jahren maßgeblich am Erfolg der Saugroboter beteiligt. Der stern sprach mit ihm über die Philosophie hinter der "Genius Home Intelligence". Denn es handelt sich nicht allein um ein Update, das die Roboter ein wenig cleverer saugen lässt. Hinter "Genius Home Intelligence" steckt eine ganze neue Roboter-Philosophie und hier beginnt iRobot einen Pfad zu betreten, der weit über "besser Staubsaugen" hinausführt.

Weg von der Autonomie

16 Jahre lang sei es sein Ziel gewesen, dass die Roboter möglichst automatisch und ohne Zutun des Menschen ihren Job verrichten, erklärt Angle. Dieses Ideal kann man sich wie den Service im Hotel vorstellen: Die Reinigungskräfte arbeiten unsichtbar und wie von Zauberhand wird alles aufgeräumt. Die Geräte der - teuren - Baureihen i7 und s9 kommen diesem Wunschbild sehr nahe. Mit ihren Sammelbehältern in der großen Dockingstation können sie wochenlang ohne Zutun des Besitzers sauber machen und wenn die Wohnung nicht mit Roboterfallen wie Kinderspielzeug versehen ist, funktioniert das auch reibungslos.

Aber das ist nicht das, was die meisten Kunden wünschen, sagt Angle heute. Denn iRobot stieß auf ein erstaunliches Phänomen: Die Roboter starten, wie vom Besitzer programmiert, und wollen saugen und dann werden sie abgeschaltet, weil der Besitzer sich gestört fühlt, obwohl er den Zeitplan eingegeben hat.

"Die Leute wollen gar nicht, dass der Roboter immer autonomer und selbstständiger wird. Die Kunden wollen mehr Kontrolle über das, was der Roboter tut" so Angle. Das macht auch Sinn, findet er. "Wenn Sie eine Haushaltshilfe haben, wollen Sie auch mit ihr sprechen. Wenn Sie nicht mit ihr sprechen dürften, sondern darauf vertrauen müssen, dass sie alles richtig macht, wird man nur frustriert."

"Ich habe jahrelang gesagt, der perfekte Staubsauger ist ein Gerät, dass Sie nicht sehen und berühren und dass sie nie anfassen müssen. Nun musste ich einsehen, dass ich nicht richtig lag. Der perfekte Staubsauger ist ein Gerät, das zuhören kann. Der das tut, was sie wollen."

Das hört sich zunächst nicht so großartig an, bedeutet aber einen fundamentalen Umschwung: Roboter müssen nicht immer autonomer funktionieren. Autonomes Handeln ist nur die Grundlage, höher entwickelte Maschinen müssen lernen, besser mit dem Menschen zusammenzuarbeiten. Ziel ist es, dass der Roboter zum Begleiter wird, der mit den Menschen kommunizieren kann.

Die Maschine erkundet die Wohnung

Der erste Schritt ist, dass die Roboter die Wohnung besser kennenlernen. Bisher kennen die Maschinen von iRobot nur den Grundriss und den Namen der Zimmer. Per Sprachsteuerung kann man ihnen zurufen "Mache das Schlafzimmer sauber". In Zukunft soll der Roboter einzelne Zonen erkennen, wie den Tisch in der Küche oder dem Esszimmer oder die Couch. Dann kann man ihm befehlen "mache um den Küchentisch herum sauber." Dazu verwenden die Maschinen auch Bildverarbeitung und integrierte Kameras, um Möbelstücke wie Sofas, Tische und Küchenarbeitsflächen zu identifizieren.

Neben den feinmaschigeren Kommandos wird der Roboter die Gewohnheiten des Haushalts besser verstehen. Etwa in dem er sich mit anderen vernetzen Geräten verbindet. Wird dann tagsüber die Alarmanlage angeschaltet, ist das ein Hinweis, dass das Haus leer ist und er ungestört saugen kann. Ähnliches passiert, wenn er mit den GPS-Daten der Bewohner gefüttert wird. Der Roboter wird in Zukunft versuchen, Muster bei seinem Besitzer zu erkennen und selbst Vorschläge für die Reinigung zu machen. Außerdem merkt er sich "Fallen" im Haus und bittet dann darum, die Stellen an der er regelmäßig stecken bleibt, in Zukunft auszulassen.

Was bedeutet das alles? Erst einmal ist das ein schöner Funktionszuwachs, den die iRobot-Kunden per Update der App umsonst bekommen. Und so wird es besser gelingen, die Gewohnheiten eines Haushalts mit einem smarteren Reinigungsplan zu koordinieren.

Die Maschine als Partner 

Wichtiger ist, was dahintersteht: Colin Angle will die Roboter zu Begleitern und einem dienenden Partner machen. Also müssen sie zusammenarbeiten und mit den Menschen kommunizieren können. Dieses Ziel hat iRobot schon weit länger im Auge, als Colin Angle heute zugibt. Dem stern sagte Angle 2019, dass es nur noch fünf Jahre dauern werde, bis ein Roboter seinem Besitzer ein Bier bringen würde. Fast alle denkbaren Dienstleistungen in einem Haushalt müssen sehr eng auf die Gewohnheiten und Wünsche der Menschen abgestimmt sein. Um ein Bier zu bringen, muss der Roboter sich in der Wohnung fast genauso gut auskennen wie der Mensch und er muss sehr detailliert kommunizieren können.

"Im Kern sind wir eine Firma für Künstliche Intelligenz. Wir müssen von einem Denken weg, wie wir alles nur automatischer machen können, unsere KI muss kommunikativ sein und zusammenarbeiten können. Wir wollen keine unsichtbaren mechanischen Kräfte in der Wohnung wirken lassen, sondern ein echter Partner werden." Angle ist überzeugt, dass Vertrauen und rigider Datenschutz zentral für die Entwicklung von partnerschaftlichen Maschinen sind. Kein Wunder: In früheren Zeiten kannte niemand die Geheimnisse der Herrschaft so gut wie die Diener. Je mehr Roboter in die Rolle eines Begleiters und Helfers hineinwachsen, umso mehr wissen sie auch von den Bewohnern des Hauses. "Das ist nicht nur ein Update, es ist der Beginn einer langen Reise."

Trainierte KI kann der Kunde kaum wechseln

Den Esstisch erinnern, ein Bier erkennen, wissen, wann der Besitzer ein Schläfchen macht – für den Science-Fiction-Fan hört sich das nicht überwältigend an. Aber KI wird mit solchen kleinen Schritten in unser Leben kommen. Denn anders als bei Laborversuchen muss die Technik im Haushalt über Jahre hinweg funktionieren, der User darf nicht mit einem endlosen Training der Maschine überfordert werden und es muss ein bezahlbares Preisschild an dem Produkt hängen.

"Wir müssen sehr vorsichtig sein, die Daten schützen und die Beziehung zu unseren Kunden zu bewahren, aber ich glaube, wir sind die Firma, die das hinbekommen könnte - unsere Roboter werden smarter sein als die anderer Anbieter." Eine Künstliche Intelligenz dieser Art wird die Beziehung von Kunden und iRobot verändern. Und das ist auch nötig. iRobot stellt sehr gute Sauger her, aber die Spitzenmodelle kosten über 1000 Euro und von unten drängen immer bessere und deutlich günstigere Geräte nach. Ein autonomes Gerät kann man austauschen, aber eine KI, die Jahre des Trainings hinter sich hat, um ihren Herren kennenzulernen und zu verstehen, kann nicht so einfach gewechselt werden.

"Das ist meine Aufgabe, ich widme mein Leben, der Idee die Roboterindustrie aufzubauen. Da geht es nicht allein um Staubsauger, es geht um eine zusammenarbeitende KI, die es einem Roboter erlaubt zu sprechen und mit dem Menschen zu kommunizieren – das ist eine zentrale Schnittstelle."

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