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Leonardo da Vinci: Der erste moderne Mensch

Künstler, Erfinder, Anatom und Dandy: Leonardo da Vinci war ein rastloser Forscher und radikaler Denker. Seine Werke waren visionär und griffen großen Erfindungen voraus. Bestsellerautor Stefan Klein stellt das Universalgenie aus der Toskana in ein neues Licht - und porträtiert ihn als Vorreiter der modernen Wissenschaft.

Von Stefan Klein

"Und hier soll Leonardo seine Leichen gewaschen haben." Wir waren eine steile Treppe hinuntergestiegen in die Gewölbe des Krankenhauses Santa Maria Nuova, des ältesten noch bestehenden Hospitals in Florenz; dort führte mich die Architekturhistorikerin Esther Diana in diesen von schweren Pfeilern unterbrochenen Raum, an dessen Wänden drei steinerne Wannen standen. Jede war aus einem einzigen Felsblock gehauen, und jede bot genug Platz, um ein Pferd darin zu baden.

An Regalen vorbei, in denen Aktenordner verstaubten, begleitete mich Esther Diana in ein kleineres Gewölbe: "Und hier fanden die Sektionen statt." Nur zwei Glühbirnen spendeten dem fensterlosen Raum Licht, so matt, dass es schien, als würden an den Wänden noch immer die Fackeln glimmen, die Leonardo da Vincis Hände bei der Arbeit beleuchtet haben müssen.

Warum zog sich der Meister zu seinen Forschungen in diese Unterwelt zurück? Sicher kamen im kühlen Kellergewölbe die Prozesse des Verfalls langsamer in Gang. Freilich konnte Leonardo den Wettlauf mit Zeit und Zersetzung trotzdem nicht gewinnen. "Allein um eine wahre Kenntnis der Blutgefäße zu gewinnen", schrieb er, "habe ich mehr als zehn menschliche Körper zerlegt." Die Strukturen des Körpers sind eingebettet in Fett und Bindegewebe; sie freizulegen ist ein langwieriges Geschäft, bei dem Leonardos wichtigstes Werkzeug die langen Fingernägel seiner bloßen Hände gewesen sein dürften - jener Hände, die die "Mona Lisa" schufen und das "Mailänder Abendmahl".

Leonardo rüttelte an Tabus

Vor allem aber war Leonardo unter der Erde neugierigen Blicken entzogen. Denn der Meister rührte am Tabu der christlichen Totenruhe, und darauf standen schwerste Strafen der Kirche. Um die Gefahr des Aufsehens weiter zu verringern, arbeitete er nach Dienstschluss. Er berichtete von der "Furcht, die Nachtzeit in der Gesellschaft gevierteilter und enthäuteter und schrecklich aussehender Leichen zu verbringen".

Doch ohne die grausigen Stunden hätte er die Perfektion, mit der er Menschen darzustellen verstand, niemals erreicht. Bis ihm etwa das so oft bewunderte Lächeln der Mona Lisa gelang, hatte er jahrelang Funktion und Lage jedes einzelnen Muskels im Gesicht, seine Nerven, die Kiefernknochen studiert.

Als er um die Muskeln, Knochen und Sehnen wusste, grub er sich tiefer ein in die Leiber, legte ihre damals geheimsten Organe frei. Wie besessen fertigte der Meister Hunderte Zeichnungen von Lungen, Mägen und Geschlechtsteilen, selbst Innenansichten des Gehirns. Einen Atlas des menschlichen Organismus wollte er schaffen. Und er war bereit, alle Tabus zu missachten. Als er sich später an die Untersuchung der Herzkammern machte, gar Ungeborene im Mutterleib zeichnete, wurde er verraten. "Der Papst hat herausgefunden, dass ich drei Leichen enthäutet habe", schrieb Leonardo, inzwischen in Rom, voll Sorge. Wenig später verließ er die Stadt und trat in die Dienste des Königs von Frankreich.

Bedingungslos neugierig

Selten hat ein Mensch so rastlos geforscht wie Leonardo da Vinci. Seine leidenschaftliche Neugier prägte ihn unter all seinen Charakterzügen am stärksten, sie zeichnete ihn selbst unter den zahlreichen hervorragenden Künstlern seiner Ära aus. Das unbedingte Verlangen, alles über die Welt zu erfahren, war so unerhört neu, dass es Leonardo zwar Triumphe als Entdecker, Erfinder und Künstler eintrug, ihn aber auch ins Abseits stellte. Andere mochten glauben, er wollte wissen. Er war nicht bereit, eine Meinung hinzunehmen, solange er nicht selbst nachgeforscht hatte, und koste es einen Konflikt mit dem Papst.

So wurde Leonardo Wegbereiter der Wissenschaft. Er zeigte, wie weit ein Mensch kommen kann, der sich auf eigene Anschauung und auf eigenes Denken verlässt. Mehr noch: Er machte vor, wie man in einer Welt, die im Wandel begriffen ist und in der die alten Autoritäten keine Sicherheit mehr bieten, seinen Weg gehen kann. Leonardo war der erste moderne Mensch - ein Individualist.

Die wahre Bedeutung seines Lebens und Schaffens beginnt sich zu offenbaren - fast 500 Jahre nach Leonardos Tod. Denn endlich wird der Meister aus Vinci nicht mehr nur als Künstler, sondern zunehmend auch als Erforscher der Welt ernst genommen. In jahrzehntelanger Anstrengung haben Wissenschaftler die über Europa und Amerika verstreuten Bruchstücke aus Leonardos Notizbüchern wieder zusammengesetzt. Viele seiner Ideen wurden erst in diesem gewaltigen Puzzle erkennbar. Ganz neue Einsichten erlaubte zudem der spektakuläre Fund eines verschollen geglaubten Codexes. Und seit einigen Jahren haben Experten der verschiedensten Gebiete begonnen, sich Leonardo zu widmen. Während Kunsthistorikern viele Skizzen und Gedankengänge unverständlich blieben, können Herzchirurgen, Physiker oder Ingenieure sie aus Sicht ihres Fachs nachvollziehen - und sie staunen.

Die Züge eines Sehers

Wer war dieser Mann, der im Jahr 1452 als unehelicher Sohn einer Tagelöhnerin in der unbedeutenden Kleinstadt Vinci zur Welt kam? Viele Bewunderer denken an ein zerfurchtes Gesicht, umrahmt von schon etwas schütteren, langen Haaren und einem wallenden Bart. So hat er sich selbst um 1515 gezeichnet. Über 60 Jahre war er damals alt. Aus den tief liegenden Augen sprechen Weisheit, vielleicht auch Resignation und eine Spur von Spott - die Züge eines Sehers, der sich von der Welt abgewandt hat. Diejenigen, die ihn kannten, schildern einen anderen Menschen: Ein unterhaltsamer, auch ein höchst zupackender Mann sei dieser Leonardo aus Vinci gewesen, nichts weniger als weltfern. Die Zeitgenossen lobten ihn als vorzüglichen Gesellschafter, der betörend Laute spielte und sang. Auch habe er edle Pferde gehalten und seine Hände mit Edelsteinringen geschmückt. Während andere Künstler Handwerkerkluft trugen, erschien er in knielange, rosenfarbige Mäntel gehüllt - ein Dandy, der wusste, seinen Ruhm zu genießen. Höchst diesseitig zeigt ihn auch ein Porträt, das sein Lieblingsschüler Melzi anfertigte. Wir sehen einen Mann in seinen besten Jahren mit ebenso freundlichen wie ebenmäßigen Zügen und hellwachem Blick; in den Augenwinkeln stehen Lachfältchen.

Leonardos Blick war tatsächlich außergewöhnlich. Wie seine Tagebücher beweisen, beobachtete er die Erscheinungen der Natur und des Alltags unfassbar genau. Zugleich wusste er, dass das, was er sah, nur ein Ausgangspunkt für seine Überlegungen sein konnte. Während sich seine Zeitgenossen auf Predigten und Bücher verließen, musste er lernen, die richtigen Schlüsse aus seinen Beobachtungen zu ziehen. Mal mehr, mal weniger treffsicher deutete er, was er in den Leichenkammern über den menschlichen Körper, beim tagelangen Betrachten von Vögeln über die Physik des Fliegens oder bei Spaziergängen am Flussufer über Strömungsmechanik herausfand. Er begann Verbindungen zwischen den unterschiedlichsten Wissensgebieten herzustellen, mit Vermutungen zu spielen und sie zu testen. Und schließlich entdeckte er neue Wege, seine Erkenntnisse zu vermitteln. Ein Schultergelenk etwa zeigte er ein halbes Dutzend Mal nebeneinander: mal von vorn, mal von der Seite oder hinten; hier die Sehnen hervorhebend, dort die Muskeln halb durchsichtig zeichnend, damit jeder die Funktionsweise des komplizierten Körperteils auf Anhieb verstand. Solche Darstellungsweisen haben nur noch wenig mit der Zeichenkunst der Renaissance gemeinsam, viel stärker erinnern sie an die interaktiven Computergrafiken des 21. Jahrhunderts.

In jahrelanger Selbsterziehung hat Leonardo sich zu einem Meister des Denkens und der Problemlösung entwickelt. Seine Strategien waren die Antwort auf eine Zeit heftiger Umbrüche: Das Leben war unsicher geworden, die Menschen suchten nach neuer Orientierung. Mit dem Buchdruck war eine neue Kommunikationstechnik entstanden. Nach dem Fall Konstantinopels 1453 hatte sich die Wirtschaft globalisiert, und wer die Chancen zu nutzen verstand, konnte innerhalb weniger Jahre unermesslichen Reichtum ansammeln. Doch zugleich häuften sich die Bankrotte. Söldnerführer terrorisierten das Land. Die moralische Autorität der katholischen Kirche brach zusammen, Columbus landete in Amerika. Taschenuhren kamen auf und vermittelten ihren Trägern ein neues Zeitgefühl.

Ein aufregendes Leben

Vor diesem Hintergrund stieg Leonardo auf vom unehelichen Sohn aus bescheidenen Verhältnissen, der nie eine höhere Schule besuchte, zu einem Mann, um dessen Gegenwart die Mächtigen Italiens warben, bis er sich schließlich für die Freundschaft des Königs von Frankreich entschied. Sein Leben währte 67 aufregende Jahre: Achtmal wechselte er den Wohnort, zweimal war er auf der Flucht vor heranrückenden Truppen. Er zog als Militäringenieur an der Seite des Feldherrn Cesare Borgia, eines für seine Brutalität gefürchteten Sohns des Papstes, in den Krieg. Er musste sich wegen seiner Homosexualität vor Gericht verantworten (und wurde freigesprochen). Dreimal wagte er einen völligen Neuanfang - mit 30, Mitte 50 und noch einmal mit etwa 60 Jahren. Leonardo erlebte Triumph und Scheitern, Existenzangst und grenzenlosen Luxus.

Sein Leben erscheint voller Widersprüche. Leonardo bekundete eine hohe moralische Gesinnung als Vegetarier und Pazifist - und stellte sich in den Dienst blutrünstiger Tyrannen, für die er Massenvernichtungswaffen entwickelte. Selbst vor der Idee eines Giftgasangriffs schreckte er nicht zurück. Er zeigte sich gegenüber der Religion zeitlebens kritisch, wofür man ihn sogar einen Häretiker schimpfte - dennoch schuf Leonardo Gemälde, aus denen eine tiefe Gläubigkeit spricht. In hohem Alter schloss er sich sogar einer Ordensgemeinschaft an.

Das meiste, was über Leonardo bekannt ist, wissen wir von ihm selbst. Gut 6000 von einst wohl über 10.000 Manuskriptseiten von ihm sind erhalten. Manchmal auf riesigen Bögen, oft in Notizbüchern, kleiner als ein Handteller, hat der Meister buchstäblich alles niedergeschrieben, was ihm durch den Kopf ging: Ideen und Träume, Theorien über den Ursprung der Welt, Pläne für Bücher, selbst Einkaufslisten. Vermutlich trug der Meister seine Notizbücher am Gürtel, jedenfalls muss er sie ständig mit sich geführt haben, damit sich kein Gedanke verflüchtigen konnte.

Der Visionär

Die Aufzeichnungen dokumentieren auch das innere Selbstgespräch eines einsamen Mannes, seine Angst, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen, und sein Wissen um die Kosten des Ruhmes: "Als der Feigenbaum ohne Frucht da stand, sah keiner ihn an. Im Wunsch, Früchte zu tragen und Lob zu bekommen, ließ er sich von Menschen verbiegen und brechen." Auf den meisten Seiten spielt der Text aber nur eine untergeordnete Rolle. Viel mehr Raum nehmen Zeichnungen ein: Entwürfe für Gemälde und riesige Reiterstatuen, Bilderrätsel, geometrische Studien und Skizzen der menschlichen Organe. Manche seiner Entwürfe nehmen die Technik späterer Epochen vorweg: So plante Leonardo Flugmaschinen mit dem aerodynamisch richtigen Flügelprofil. Wie Versuche mit Nachbauten vor Kurzem bewiesen, fliegen manche dieser Geräte tatsächlich. Andere Skizzen zeigen Automaten von Menschengestalt und durchtunnelte Berge.

Leonardo allerdings machte es seinen Lesern nicht gerade leicht. Dass er grundsätzlich in Spiegelschrift schrieb, gehört noch zu den kleineren Hindernissen, seit es Transkriptionen in Druckschrift gibt. Schlimmer ist, dass seine Aufzeichnungen keiner Ordnung folgen. Er notierte, was ihn gerade beschäftigte, und weil es in seinem Kopf unablässig gebrummt haben muss, sind die Blätter oft ein Wirrwarr von Dutzenden Ideen. Als dann noch Händler nach dem Tod des Meisters die Manuskripte auseinanderrissen und die Fragmente über aller Herren Länder verstreut wurden, war das Durcheinander perfekt. Mark Rosheim gehört zu den Fachleuten, die versuchen, den Meister aus heutiger Sicht zu verstehen. Der Ingenieur lebt in der amerikanischen Stadt Minneapolis in einem hellgrünen Holzhaus, das dem Besucher ins Auge springt, weil ihn an der Vorgartentreppe ein Roboter aus Blechbüchsen begrüßt. Rosheim konstruiert Roboter, die er unter anderem an die US-Weltraumbehörde Nasa verkauft. Bei Untersuchungen über ein Roboter-Schultergelenk stieß er vor Jahren auf Leonardos anatomische Studien und war fasziniert von ihrer Präzision.

In seinem Wohnzimmer präsentierte Rosheim mir einen schwarzen, auf drei Rädern befestigten Holzrahmen, der ein Gewirr aus ebenfalls hölzernen Zahnrädern, Federn, Nockenscheiben und Hebeln enthielt. Das Ganze war ungefähr so groß wie eine Palette und erinnerte an ein riesiges Uhrwerk. Rosheim zog eine Feder auf, stellte das Wägelchen zurück auf den Boden und ließ es los. Das Gefährt fuhr ein Stück weit geradeaus, schlug eine Kurve und legte dann einen kühnen, doch präzisen Slalom zwischen Sofa, Stehlampe und Kamin hin. Rosheim fing es wieder ein, machte sich am Mechanismus zu schaffen und wechselte ein paar Nocken aus. Wieder aufgezogen, nahm der Wagen nun einen anderen Kurs über den Teppich. "Sie sehen den vermutlich ältesten programmierbaren Automaten der Welt." Er selbst habe ihn nach Plänen des jungen Leonardo zusammengebaut.

Leonardo ein Robotiker? Ich konnte meine Zweifel schlecht verbergen. Fälschlich pries man ihn ja auch als den Erfinder von Helikopter und Fahrrad. Rosheim erklärte, die Zeichnung hätten die Kunsthistoriker früher als eine selbst fahrende Kutsche gedeutet, die aber nicht funktionieren konnte. Dann aber schaltete Carlo Pedretti sich ein, der Altmeister unter den Leonardo-Forschern. Er äußerte die Idee, dass Leonardo sich kein Automobil, sondern einen Automaten ausgedacht habe.

Von einer solchen Maschine berichten Zeitzeugen tatsächlich. Übereinstimmend schildern sie einen mechanischen Löwen, den Leonardo als Geschenk für den neuen französischen König konstruiert habe. Das Tier habe beim Einzug des Monarchen in Lyon 1515 einen fulminanten Auftritt gehabt: Es lief ein paar Schritte, stellte sich dann auf die Hinterbeine und riss sich die Brust auf. So brachte der Löwe einen Strauß Lilien, die Wappenblume der französischen Herrscher, zum Vorschein. Rosheim ist überzeugt, dass sein Federwagen nichts anderes ist als der Antrieb des Löwen. Die programmierbare Steuerung diente also dazu, das Tier komplizierte Bewegungen ausführen zu lassen - und die Illusion zu erwecken, dass der Löwe liefe, während er in Wirklichkeit rollte.

Den älteste digitale Computer

Von diesem Erfolg beflügelt, machte sich Rosheim an eine noch spektakulärere Rekonstruktion. Stolz führte er mich in seine Küche. Dort stand in der Spüle ein Zylinder, der in regelmäßigen Abständen Wasser aus verschiedenen Rohren spuckte. Während Rosheim das Gerät vorführte, tropfte es von seinen Hemdsärmeln, doch vor lauter Begeisterung nahm er es gar nicht wahr. Kopple man 24 Zylinder, erklärte er, habe man den Taktgeber für eine digitale Uhr. Anders verschaltet würde eine mit Wasser statt mit Strom betriebene Rechenmaschine daraus. Kühnes Fazit: "Leonardo entwarf den ältesten digitalen Computer der Menschheit." Tatsächlich enthalten die Handschriften das Konzept einer solchen Maschine; zweifelhaft bleibt nur, ob Leonardo sie je baute.

Kein Zweifel hingegen besteht an einer der erstaunlichsten Leistungen Leonardos: einer Expedition ins menschliche Herz. Auf mehreren bläulich getönten Blättern aus dem Nachlass finden sich Zeichnungen schneckenförmiger Wirbel. Notizen in Spiegelschrift erklären die rätselhaften Diagramme als Strömungslinien des Bluts, wenn dieses die linke Herzkammer verlässt. Zudem behauptete Leonardo, dass ebendiese Wirbel die Herzklappe zudrückten, damit das Blut nicht zurück ins erschlaffende Herz strömen kann.

Wie konnte er das wissen? Das Blut fließen zu sehen ist unmöglich, denn in ein schlagendes Herz kann man nicht schauen. Noch Jahrhunderte nach Leonardo hatten Wissenschaftler keine genaue Vorstellung davon, was sich am Ausgang des Herzens wohl abspielen mag. Erst in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts fand das Rätseln ein Ende, als es amerikanischen und britischen Forschern gelang, mit hochmodernen Magnetresonanztomografen Bilder von den Blutströmungen im lebenden Herzen zu gewinnen. Sie fanden die Verhältnisse so wie von Leonardo beschrieben.

Ein künstliches Herz

Morteza Gharib ist eine Kapazität auf diesem Gebiet. Der Biophysiker von der kalifornischen Universität Caltech hat künstliche Herzen, verbesserte Herzklappen und ähnliche Dinge erfunden. Ihm habe der Atem gestockt, als er die Zeichnungen vom Blutfluss an der Aortenklappe gesehen habe, sagt Gharib: "Leonardo muss Versuche angestellt haben. Nur so konnte er zu diesen Einsichten kommen." Gharib suchte in den Aufzeichnungen des Meisters nach Belegen - und wurde fündig: Leonardo beschrieb die Herstellung eines künstlichen Herzens. "Blase dünnes Glas in eine Gipsform und zerbrich dann die Form. Aber erst gieße Wachs in den Ausgang eines Rinderherzens, damit du die wahre Form dieses Ausgangs bekommst", heißt es auf einem der blauen Papiere. An anderer Stelle erklärt Leonardo, wie sich die Strömungen im Glasherz sichtbar machen ließen: indem man Hirsesamen in die Flüssigkeit streut.

Im Labor baute Gharib einen künstlichen Herzausgang nach Leonardos Skizzen. Statt mit bloßem Auge verfolgte er die Bewegungen mit einer komplizierten Laser-Messapparatur. Am Ende erschienen auf Gharibs Computerbildschirmen genau die Stromlinien, die der Meister fast 500 Jahre zuvor aufgezeichnet hatte. "Leonardos Blick war so scharf, dass er mit dem Zeichenstift Zusammenhänge erfasste, die andere Wissenschaftler erst viele Generationen später in Gleichungen zu gießen verstanden", sagt Gharib.

Doch das schärfste Auge wäre hilflos gewesen ohne Kombinationstalent. Jahrzehnte zuvor hatte sich Leonardo mit der Strömung an Schleusentoren befasst. Jetzt wusste er, wonach er suchen musste, denn das Blut sollte sich ähnlich verhalten wie das Wasser in einem Kanal. Nach einer Engstelle baut sich ein Kehrwasser auf; Wirbel entstehen, die das Schleusentor von außen zudrücken können. Als Wasserbauingenieur musste er diesen Effekt verhindern - die Natur jedoch hatte ihn beim Herzen geschickt ausgenutzt.

Damit offenbart Leonardos Erforschung des Herzens zugleich eines der Geheimnise seines Denkens. Statt von der Oberfläche eines Problems immer mehr in die Tiefe zu dringen, bewegte er sich gewissermaßen quer zu den Schichten - wie ein Fassadenkletterer, der ein Gebäude erstiegen hat und von dort horizontal über die Balkone in ein anderes Haus eindringt. Das einzigartige Zeugnis seiner Notizbücher ermöglicht es heute, Schritt für Schritt Leonardos Gedanken zu folgen. Und die Faszination seiner Handschriften erschöpft sich nicht darin, einen der ungewöhnlichsten Menschen, die es je gab, gleichsam von innen her kennenzulernen. Denn Leonardo gibt auch den Blick frei auf die Methoden, die ihn zu seinen Erfolgen führten. So beschreibt er, wie es ihm möglich war, 200 Jahre vor der Entdeckung der mathematischen Gesetze der Schwerkraft den Flug von Kanonenkugeln vorauszubestimmen. Und im Ton einer Anweisung an seine Schüler erklärt er die Strategien, denen er seinen Einfallsreichtum verdanke.

Viele von Leonardos Empfehlungen erscheinen uns ungewohnt in einer Welt, die sich rasend schnell immer weiter spezialisiert. Doch die vertraute Weise, Probleme durch Zergliedern in immer kleinere Fragen zu lösen, hat uns tief in eine Sackgasse geführt. Und fraglich ist, ob sie genügt, um den Ausweg zu finden. Spezialisten allein können die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht lösen. So ist es an der Zeit, vom Generalisten Leonardo zu lernen - nicht als Ersatz für die moderne Weise zu denken, sondern um sie zu ergänzen.

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