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Militär-Entwicklung So schlimm wie eine Atombombe? Experten warnen vor Drohnen-Schwärmen als Massenvernichtungswaffe

Drohnen werden immer mehr zu einem Sicherheitsrisiko
In Formation fliegende Drohnen lassen sich als Schwarm auch militärisch einsetzen
© Andrea Sabbadini/Mauritius Images
Hunderte oder gar Tausende Drohnen auf einmal zu steuern - das ist technisch längst möglich. Und immer mehr Länder interessieren sich dafür, diese Fähigkeit auch militärisch zu nutzen. Dabei vereinen die smarten Schwärme zwei der gefährlichsten Merkmale von Massenvernichtungswaffen.

Es war ein beeindruckendes Schauspiel: Mit 2000 leuchtenden Drohnen erhellte die chinesische Metropole Shanghai zum Jahreswechsel 2020 den Himmel, lies die Mini-Fluggeräte Choreographien fliegen und leuchtende Bildnisse an den Himmel malen. Doch die Technologie dahinter bereitet Militär-Experten immer mehr sorgen: Sie fürchten, dass Drohnenschwärme zu einer kaum zu bändigenden Gefahr werden können.

Die sich theoretisch auf zehntausende Drohnen vergrößerbaren Schwärme hätten das Potenzial, die Tödlichkeit einer Atombombe zu erreichen, warnt etwa der Sicherheitsberater Zachary Kallenborn. Je nach Variante sind die Drohnen als fliegendes Geschütz, zum Abwurf von Bomben oder mit Sprengsätzen versehen als Kamikaze-Fluggeräte einsetzbar, erläutert der Experte in einem Blogpost. Dabei vereinen sie seiner Ansicht nach zwei der wichtigsten Merkmale von Massenvernichtungswaffen: Die Drohnen seien in der Lage, in einem Angriff eine große Anzahl von Personen zu verletzen oder zu töten - und es sei nahezu unmöglich, dabei eine Unterscheidung zwischen feindlichen Kämpfern und der Zivilbevölkerung treffen zu können. "Schwärme könnten dasselbe Ausmaße an Zerstörung, Toten und Verletzungen verursachen wie die Atombomben in Nagasaki und Hiroshima", ist Kallenborn überzeugt.

Wettrüsten in vollem Gange

Das hindert die Staaten aber nicht daran, die Schwärme bereits jetzt einzusetzen. Britische Truppen in Mali sind etwa seit Anfang des Jahres mit Minidrohnen ausgestattet, die sich als Munition in einem Granatwerfer-Aufsatz abfeuern und so starten lassen. Die Drohnen stammen vom australischen Rüstungsunternehmen Defendtex, sie können als Ablenkungsmittel mit Blend- oder Rauchgranate, aber auch als Spähwerkzeug benutzt werden. Aber auch als fliegende Minibombe ins Ziel gelenkt werden. Und: Sie lassen sich auch zu einem Schwarm zusammenschalten.

Die Entwicklung ist rund um die Welt längst in vollem Gange. Immer mehr Staaten interessieren sich für die technischen und vor allem die taktischen Vorteile der Schwärme. Ein Video eines chinesischen Unternehmens zeigte etwa im Oktober, wie es 200 Drohnen gleichzeitig startete und synchronisiert ins Ziel führen konnte. Auch die USA, Großbritannien, Indien und selbst nicht besonders für ihre militärischen Fähigkeiten bekannte Staaten wie Georgien arbeiten an smarten Angriffs-Schwärmen.

Wettrüsten um die smarteste Software

Einer der Gründe dafür ist, dass die Entwicklung anders als bei anderen militärischen Wettläufen nicht von der Hardware abhängig ist. "Einen Drohnen-Schwarm zu entwickeln, ist im Kern ein Software-Problem", erläutert Kallenborn. Bei den eingesetzten Drohnen muss es sich nicht notwendigerweise um die Hightech-Modelle der US-Armee handeln. Sie können auch aus dem Einzelhandel stammen oder aus einfachsten Mittel zusammengeschustert werden. "Die Herausforderung ist letztlich, die einzelnen Einheiten zusammenarbeiten zu lassen." Im Detail müssen sie etwa den Standort der anderen Drohnen kennen, Informationen austauschen und mögliche Konflikte in den Flugbahnen beheben. Zudem müsse bei einem Befehl klar sein, welche Drohne nun welche Rolle übernimmt. Das ist zwar eine durchaus komplexe Herausforderung, unlösbar ist sie aber nicht: Schon im Oktober 2016 gelang es selbst Studenten der US-Eliteuniversität MIT 103 US-Kampfdrohnen als eine Einheit fliegen zu lassen. 

Die Schwärme haben einige Vorteile gegenüber klassischen Dohneneinsätzen. Während sich einzelne Drohnen vom Himmel holen lassen, ist das bei den Schwärmen kaum möglich, ist sich das US-Militär sicher. Dazu reagierten die Hunderten Drohnen zu schnell, selbst wenn welche abgeschossen werden, übernehmen einfach andere ihre Rolle. Die größte Hürde ist aber die Reaktionszeit: Solange ein Mensch die Entscheidung zum Abschuss treffen muss, ist der Schwarm schlicht zu schnell und zu flexibel, um effektiv aufgehalten werden zu können, zeigte eine Analyse des Army Future Commands. Eine Lösung wäre, die Entscheidung selbst an eine künstliche Intelligenz abzugeben. Doch einen Computer über Leben und Tod entscheiden zu lassen, ist den meisten Staaten aus moralischen Gründen zu heikel.

US Navy Laserkanone

Überwältigung durch schiere Masse

Das Potenzial für Schwarm-Taktiken ist nicht erst seit der Entwicklung von Drohnen bekannt. Die iranischen Revolutionsgarden nutzten es etwa erfolgreich, um mit kleinen Booten deutlich größere Kampfschiffe überwältigen zu können. Die Huthi-Rebellen setzten Massen ferngesteuerter Boote ein, um Tanker lahmzulegen. Die erstaunlich einfach Strategie ist, mit einer überwältigenden Anzahl von kleinen, beweglichen Zielen die Verteidigungsmaßnahmen zu überfordern. 

Die Logik des Schwarms muss dabei mit zunehmender Größe notwendigerweise künstliche Intelligenz übernehmen. "Ein Schwarm von 10.000 oder mehr Drohnen muss einen extrem hohen Grad an Autonomie aufweisen", erklärt Kallenborn gegenüber "Forbes". "Kein Mensch ist in der Lage, die Unmengen an Informationen zu verarbeiten, die für die Entscheidungen bei der Steuerung notwendig sind." Die Menschen geben das Ziel vor, können den Weg des Schwarmes zum Ziel planen. Die Koordination und damit die Steuerung der einzelnen Kleinstfahrzeuge übernehmen aber Algorithmen. Die Basis für diese beruht auf der Logik von Schwärmen, wie sie auch in der Natur bei Insekten oder Fischen zu finden sind: Sie arbeiten quasi als eine Einheit zusammen, ohne das eine zentrale Steuerung jedes Detail kontrolliert.

Kaum aufzuhalten

Das bietet auch die Grundlage für die Frage, wie man die Schwärme besiegen kann, glaubt das US-Militär. Dazu muss man die Logik der Schwarm-Steuerung erkennen und für sich nutzen. Sind die Schwärme etwa auf das Vermeiden von Kollisionen programmiert, kann man sie mit eigenen Drohnen von außen in eine Richtung leiten - wie es ein Schäferhund tut. Sind alle auf Angriff aus, muss man ihnen ein falsches Ziel unterjubeln. "Ein Zielerfassungsfehler könnte sich dann durch den ganzen Schwarm fortsetzen", ist Kallenborn überzeugt. Mit der Zunahme bekannter Vermeidungsstrategien dürfte allerdings auch eine Anpassung an diese folgen. Die Schwärme müssten lernen, in Sekundenbruchteilen auf die Taktik des anderen zu reagieren. Unmöglich, das von Menschen steuern zu lassen.

Angesichts dieser Situation und der potenziellen Tödlichkeit der Schwarm-Waffen wundert es daher nicht, dass es immer lautere Forderungen gibt, die Waffenklasse zu regulieren. Auch Kallenborns Einordung als Massenvernichtungswaffen verfolgt dieses Ziel. Sein Argument: Wie Bio- oder Chemiewaffen sollte der Einsatz großer Drohnen-Schwärme in internationalen Verträgen untersagt werden. Und zwar bevor es zu spät. Er ist sicher: "Die Gelegenheit, globale Normen und Vereinbarungen zu entwickeln, die Drohnen-Schwärme und andere autonome Waffen regulieren, ist genau jetzt."

Quellen: Forbes, Forbes 2The Bulletin, Modern War InstituteMIT Press, The Drive, Washington Post


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