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Interview

Prostitution : "Die Ehe ist eine Lüge": Promovierte Ex-Prostituierte rechnet mit der Liebe und den Männern ab

Alice Frohnert hat mehr als 15 Jahre als Prostituierte gearbeitet. Mit dem Gewerbe hat sie noch lange nicht abgeschlossen – mit der Liebe und den Männern schon.

Ein Zusammenschnitt von Alice Frohnert als Prostituierte (früher) und heute

"Mir ist damals aufgefallen, dass mich viele Menschen anstarren, also habe ich versucht, damit Geld zu machen" – Ex-Prostituierte Alice Frohnert

Manchmal wollten die Männer nur angebunden und geschlagen werden. Aber meistens wollten sie Sex. Die damals 22-jährige Alice Frohnert tat das, wofür sie bezahlt wurde. Mehr als 15 Jahre lang. Dann reichte es ihr. So sehr sich ihre Kunden nach wildem Sex sehnten, sehnte sie sich nach einer intellektuellen Herausforderung. Also holte sie mit Mitte 30 ihren Studienabschluss in Kommunikationswissenschaft in Berlin nach, promovierte und schrieb ein Buch. "Prostitution und Gesellschaft" ist aktuell wieder in einer Neuauflage erschienen. Mittlerweile arbeitet die 57-Jährige als Journalistin bei einer kleinen Luxemburger Tageszeitung. Mit dem stern spricht sie über ihre Erfahrungen mit untreuen Männern und der Ehe und erklärt, warum wir alle ein bisschen mehr wie Heidi Klum sein sollten. 

Frau Frohnert, Ihre Doktorarbeit haben Sie noch während ihrer Arbeit im Bordell geschrieben. Die Medien berichteten damals darüber und bezeichneten Sie als 'die wissenschaftliche Hure'. Ist das ein Kompliment oder eine Beleidigung? 

Alice Frohnert: Hure ist ein gängiger Begriff, das ist für mich in Ordnung. Und gut auch, dass die Medien jetzt wissen, dass Prostituierte auch wissenschaftlich arbeiten können. Vor allem das wollte ich damals mit meinem Buch aussagen, das jetzt in einer Neuauflage erschienen ist: in leichterer Sprache. 

Sie haben sich damals für die Prostitution entschieden, um sich ihr Studium zu finanzieren. Es hätte natürlich auch noch andere Möglichkeiten gegeben, Geld zu verdienen.

Ja, aber ich mochte Sexualität und Männer. Und mir ist damals aufgefallen, dass mich viele Menschen anstarren. Ich will nicht behaupten, dass ich wunderschön war, aber ich fiel offenbar auf und war gut gestylt, also habe ich versucht, damit Geld zu machen. In der 'Bild'-Zeitung habe ich von entsprechenden Angeboten gelesen und so fing alles an. Mein erster Job war in einem Nachtclub am Savignyplatz in Berlin. Am Anfang mochte ich es noch sehr, auch meine Kolleginnen. Anders als in anderen Jobs gibt es unter Prostituierten keinen Neid. Entweder bist du der Typ von einem Mann, dann nimmt er dich oder du bist eben nicht der Typ, dann nimmt er jemand anderen. Das hat nichts mit dir persönlich zu tun.

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Ein sehr oberflächlicher Job, der Sie schon bald nicht mehr glücklich gemacht hat.

Natürlich ist der Job oberflächlich und ich sage es ganz offen: Wenn man diesen Job mehr als zehn Jahre macht, entwickelt man einen Hass auf das männliche Geschlecht. Da kommt dann beispielsweise ein Vater von drei Kindern, der sich regelmäßig von mir anbinden und schlagen lässt oder ein Mann, dessen Freundin gerade schwanger ist. Ich habe wirklich viel Widerwärtiges erlebt, Furchtbares, Schlimmes. Die menschliche Natur ist erbarmungslos.

Trotzdem kämpfen Sie für einen besseren Ruf für das Gewerbe.  

Das tue ich, weil das Gewerbe stigmatisiert wird. Es wird auf Prostituierte herabgeblickt. Dabei könnte unsere Gesellschaft ohne Prostitution überhaupt nicht überleben.

Sie sagen selbst, Sie hätten Widerwärtiges erlebt und dadurch einen Hass auf Männer entwickelt. Wenn Sie die Prostitution weiter unterstützen, nehmen Sie in Kauf, dass andere junge Frauen die gleichen Erfahrungen machen wie Sie.

Natürlich würde ich jedem Mädchen raten, lieber zu studieren, als in die Prostitution zu gehen. Aber das ändert nichts daran, dass wir die Prostitution brauchen. Das ist etwas, was viele Menschen, auch viele Feministinnen, nicht wahrhaben wollen: Die Prostitution ist als Ventil der Gesellschaft lebensnotwendig. Wir haben Triebe, die wir nicht abstellen können. Außerdem sind Männer meiner Meinung nach polygam und brauchen mehrere Frauen. Das hat mir mein Beruf gezeigt. Ganz abgesehen davon, dass zu mir auch viele behinderte Männer gekommen sind, die gar keine andere Möglichkeit gefunden haben, Sex zu haben. Wir dürfen die Prostitution also nicht abschaffen, wir müssen die Bedingungen verbessern.

Was muss sich konkret verbessern?

Zunächst einmal müssen die Kunden verstehen, dass eine Prostituierte ihnen ebenbürtig ist, ob es ihnen passt oder nicht. Sie sollten keine Macht über sie ausüben oder sie erniedrigen, wie viele Männer es immer wieder versuchen. Außerdem brauchen wir mehr Schutzgesetze für Prostituierte. Deutschland ist da schon ganz gut. Aber in Luxemburg, wo ich derzeit lebe, gibt es gar nichts. Das sollte in keinem Land der Fall sein. Jedes Land muss seine Prostituierten schützen. Man kann nicht so tun, als gebe es keine Prostitution, die gibt es überall. Auch die Polizei muss die Prostitution anerkennen und schützen. Und Prostituierte sollten Menschen haben, mit denen sie über ihre Arbeit sprechen können. Profis, so wie Feuerwehrleute oder Polizisten diese Möglichkeit auch haben. Denn dieses Gewerbe ist psychisch sehr belastend.

Dafür haben Sie diesen Job wirklich lange ausgehalten.  

Es war ja nicht alles schlecht. Ich hatte auch nette Kunden, Studenten, mit denen ich mich gut verstanden habe. Ich erinnere mich noch an einen Medizinstudenten aus Freiburg, der in einer festen Beziehung war. Aber sextechnisch hatte er sich eben mehr vorgestellt. Manchmal hat mich sowas schon gereizt. Außerdem habe ich gut verdient und kam aus einem armen Elternhaus.

Was haben Ihre Eltern zu ihrem Job gesagt?

Ich habe das meinen Eltern nicht gesagt. Sie haben erst davon erfahren, als ich mit den Medien darüber gesprochen habe. Aber sie haben mich nicht verurteilt. Mein Vater verteidigte mich gegenüber anderen und sagte: 'Sie finanziert sich ihr Studium damit.' Einmal haben mich meine Eltern sogar zusammen von einer Schicht abgeholt.

Waren Ihre Eltern verheiratet?

Ja, sie waren fast 50 Jahre zusammen, bis zum Tod meines Vaters.

Trotzdem glauben Sie nicht an die Ehe. Sie schrieben mir, viele würden in einer Ehe in einer Lüge bis zum Tod leben.

Ja, die Ehe ist eine Lüge. Mein Vater hat meine Mutter betrogen und sie wusste es. Es ist alles nur Schein. Und ich weiß so viel über Gewalt in der Ehe, es gibt so viele Frauen, die von ihrem Ehemann vergewaltigt werden. Es spricht nur keiner drüber.

Es gibt viel Gewalt in Ehen, das zeigen auch Zahlen. Aber das ist nicht der Normalfall.

Das würde ich anzweifeln, dass es nicht der Normalfall ist, es spricht ja niemand drüber.

Sie klingen frustriert. Haben Sie durch Ihren Beruf den Glauben an die Liebe verloren? 

Die Liebe gibt es nicht. Das ist ein Wort, mehr nicht. Das gibt es vielleicht in der Literatur oder in der Dichtkunst, aber nicht im wahren Leben.

Das ist eine ziemlich deprimierende Lebenseinstellung. Damit nehmen Sie gerade vielen jungen Menschen Hoffnung.

Ich finde das ja ganz toll, dass junge Menschen noch an eine Liebe wie bei Romeo und Julia glauben, wirklich. Sollen sie gerne machen. Aber später flacht alles ab, spätestens, wenn man Kinder hat. Da ist man dann durch die Ehe nur noch ökonomisch verflochten und kann sich deshalb oft nicht trennen. Meistens nimmt sich dann der Mann eine andere jüngere Frau. Oder er geht zu einer Prostituierten.

Sie sprechen aus Erfahrung.

Ja, die meisten meiner Kunden waren verheiratet. Aber ich will den Männern gar keinen Vorwurf machen, die sind von der Natur so programmiert. Ich finde das normal.

Wäre das für Sie also okay, wenn Ihr Partner zu einer Prostituierten gehen würde?

Das wäre natürlich ganz schlimm für mich, schrecklich. Mein Freund und der Vater meines Sohnes hat mich betrogen, daher weiß ich, wovon ich spreche. Männer ticken nun mal so. Aber wahr ist: Der einzige Schmerz, der schlimmer ist als der Liebeskummer eines betrogenen Menschen, ist, wenn ein Angehöriger stirbt. Eine ganze Welt bricht zusammen.

Das klingt, als hätten Sie den Vater Ihres Sohnes sehr geliebt.

Er war meine große Liebe. Es war eine Amour Fou. Wie im Film. Auch für ihn habe ich meinen Job als Prostituierte aufgegeben.

Haben Sie sich getrennt, weil er Sie betrogen hat?

Nein, der Grund waren diese ganz typischen Beziehungsprobleme, die mit der Zeit kommen. Die sexuelle Gier lässt nach und auf einmal merkt man, dass man sich gar nichts zu sagen hat. Er war Gärtner. Die Gesprächsthemen haben mir nicht ausgereicht. Und so kommt es bei den meisten Paaren, wenn die sexuelle Begierde weg ist. Wenn 25-jährige Menschen heiraten wollen, kann ich das nicht verstehen. Glauben die denn wirklich, dass die mit 80 immer noch zusammen sein werden und sich lieben so wie jetzt? Glauben die denn, diese Verliebtheit, dieses anfängliche Frohlocken, wird immer anhalten?

Dass die anfängliche Verliebtheit nicht immer anhält, ist vermutlich so, aber vielleicht entwickelt sich mit den Jahren eine andere Art von Liebe daraus.

Da müssten wir also Liebe definieren. Wenn es vor allem Gewohnheit ist: Gut, ja, dann kann es so lange halten. Ich glaube nicht daran. Aber ich merke, dass die junge Generation wieder etwas anders tickt und das finde ich ja auch schön und toll, wirklich. Die setzen sich für das Klima ein, die wollen die Welt verbessern und sie sind Träumer und glauben an die Liebe. Mein Sohn ist 21 und der ist genauso. Als er eine Freundin hatte, hat er mir gesagt, er wird mit ihr zusammen bleiben.

Sind sie noch zusammen?

Nein. Er leidet immer noch darunter. Aber er glaubt trotzdem noch an die Liebe.

Vielleicht verlieben Sie sich ja auch noch mal und wissen es nur noch nicht.

Nein, dafür bin ich zu alt. Ein Mann bedeutet für mich Arbeit. Sie lachen, aber so ist es! Männer sind Arbeit und auf dieses ganze Essen gehen und so, diese Vorarbeit, darauf habe ich gar keine Lust. Und wofür? Genug sexuelle Erfahrungen habe ich ja nun wirklich. Wem es allein darum geht, dem kann ich nur raten, es wie Gerhard Schröder zu halten und immer wieder neu zu heiraten. Oder wie Heidi Klum, eine tolle Frau. Die nimmt sich wen sie will, immer wieder andere Männer und ist sexuell aktiv. Die macht alles richtig. Die eine große Liebe: Das gibt es nicht.

Sie haben den Vater Ihres Sohnes als Ihre große Liebe bezeichnet. Hätten Sie ihn auch betrogen? 

Hm…Nein. Nein, das hätte ich nicht gemacht. Der Gedanke ist absurd! Daran habe ich gar nicht gedacht.

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