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H. Hell: Was ich über Sex gelernt habe: Wie der Fluglotsenstreik eine Liebe am Flughafen von Mallorca zerlegte

In Extremsituationen und bei Schlafentzug verwandeln sich selbst Frischverliebte in blutrünstige Untiere, die sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen - auf Flughäfen zum Beispiel.

Der Urlaub war entzückend - ab Ryanair zerstörte eine Liebe.

Der Urlaub war entzückend - ab Ryanair zerstörte eine Liebe.

Beobachtungen während des , der vergangene Woche tausende Urlauber zu "Zwangsurlauben" auf Mallorca verdammte. 

 

14 Uhr. Ein verliebtes Paar betritt nach einem romantischen Verwöhnwochenende im noblen Port D’Andratx den von Palma de Mallorca.

Sie zu ihm: "Oh, Hase, das war der schönste Urlaub meines Lebens. Das Hotel, die Tapas, die Sonnenuntergänge, der Sex …" Sie quiekt vor lauter wie ein kleines Ferkelchen und schmiegt sich an die Schulter ihres braungebrannten Gatten.

Er zu ihr: "Mit dir an meiner Seite, Mausilein, würde mir sogar eine Wurzelbehandlung Spaß machen! Magst du noch ein Champönchen, bevor wir einchecken?"

Ihre Antwort ist ein erneutes vergnügliches Quieken.

 

14.30 Uhr. Die Frischverliebten wollen gerade ihr dreiteiliges Louis Vuitton Kofferset aufgeben, als eine Lautsprecherdurchsage ertönt. "Der nach Hamburg mit Ryanair ist annulliert." Dasselbe gilt für alle anderen Flieger, die den französischen Luftraum passieren müssen. Fluglotsenstreik in Frankreich! Nichts geht mehr. Man solle sich zum Infoschalter seiner Airline begeben.

 

Sie (leicht irritiert) zu ihm: "Aber WIR doch nicht, oder?!"

Er zu ihr: "Doch, Maus, ich fürchte wir auch."

Sie zu ihm: "Wieso hast du eigentlich gebucht? Du weißt, ich hasse Billigfluglinien."

Er zu ihr: "Maus, es gab leider keine anderen Flüge mehr an unserem Wunschtermin."

Sie: "Hmpf."

 

14.50 Uhr. Fassungslos registrieren Hasi und Mausi, dass die Schlange vorm Infoschalter gefühlte fünf Kilometer misst und sich einmal kreuz und quer durch das gesamte Airportgebäude schlängelt. Bei Easyjet, Nikki und Co. sieht’s ähnlich aus.


Sie zu ihm: "Was ist das hier für eine SCHEISSE?!?!"

Er zu ihr (mit Schweiß auf der Stirn und zittriger Stimme): "Maus, jetzt beruhig dich bitte, ich kann doch auch nichts machen jetzt."

Sie zu ihm (hysterisch-kreischig): "DOCH! Ich will jetzt, dass du was tust! Ich hab morgen hab ich einen Termin bei Marlies Möller, auf den warte ich seit zwei Wochen."

Er zu ihr: "Mausi, bitte ..."

 

16.24 Uhr. So langsam hat es sich herum gesprochen. Ryanair bucht seine Passagiere ausschließlich gratis auf Ryanair-Flüge um, die frühestens in EINER WOCHE gehen. Leider dauert die Bearbeitung pro Passagier ca. 20 Minuten, weil lediglich zwei Mitarbeiter am Schalter sitzen. Die Warteschlange bewegt sich praktisch gar nicht vorwärts. Mausi fächert sich mit einer "Gala" Luft zu und würdigt Hasi keines Blickes mehr. Der rauft sich das gegelte Haupthaar, weil er eigentlich morgen einen wichtigen Geschäftstermin hat.  

 

21.34 Uhr. Immer mehr Passagiere brechen in Tränen aus. Eine ältere Dame wird die Hochzeit ihrer Tochter verpassen. Ein junger Mann sein Tinderdate. Eine krebsrot gebrannte Rentnergruppe aus dem Schwabenland bricht in kollektive Schnappatmung aus. "A Schkandal isch dasch", meint einer. Die anderen nicken eifrig. Es riecht nach Angst, Schweiß, Alkohol, Verzweiflung und Salamibaguette. Die Passagiere besserer Airlines werfen den Billigflieger-Losern mitleidige Blicke zu, während sie nach einer Gratis-Erfrischung in bereitstehende Busse steigen und in Hotels gebracht werden.

Sie zu ihm (mit einer Mischung aus Hilflosigkeit und irrem Zorn im Blick): "Guck mal, die fahren schon weg. Und wir nicht – weil DU alter Geizhals unbedingt Ryanair buchen musstest. Verdammt, Patrick, ICH WILL VON DIESER VERSCHISSENEN INSEL WEG, JETZT!"

Er zu ihr (leise, aber bestimmt): "Halt jetzt den Mund, Stefanie."

 

Parallel kommt es in der Warteschlange zu einer Rangelei, weil sich ein besoffener Brite vordrängeln will. Hasi kassiert einen Kinnhaken und Mausi kippt sich ihre lauwarme Sprite übers Satinblüschen. Sie fängt an zu heulen: "Ich HASSE Mallorca! Ich verklag Ryanair und diese blöden Fluglotsen von hier bis Meppen!"

 

2.08 Uhr. Eine völlig übermüdete Ryanair-Mitarbeiterin erklärt unserem Pärchen, dass sie einen Flug in genau einer Woche bekommen können. Mit drei Zwischenstopps in drei Ländern.

Sie zu ihm: "Aber dann verpasse ich Petras Geburtstag! DAS GEHT GAR NICHT!"

Daraufhin lässt sich Hasi lediglich die Kosten für den Flug erstatten und nimmt heimlich einen Schluck aus der kleinen als Flamencotänzerin verkleideten Schnapsflasche, die als Souvenir für Mausis Mutter gedacht war.

 

3.19 Uhr. Während Mausi ihren Frust zusammen mit anderen verzweifelten Urlaubern in der "Cerveceria" ertränkt, versucht Hasi einen Flug nach Deutschland zu buchen, was schwer ist, weil sein Akku schlapp macht und er ständig aus dem Wi-Fi des Airports fliegt. Auch werden Buchungen immer wieder per Mail "storniert".

 

Gegen 3.57 Uhr kann Hasi sein Glück kaum fassen: "Ich hab uns für übermorgen auf einen Flug über Barcelona und Amsterdam nach Hamburg gebucht. Dauert zwar 36 Stunden, aber was soll’s", krächzt er mit letzter Kraft.

Aber Mausi redet gar nicht mehr mit ihm sondern mit dem Barkeeper. "Ich kann einfach nicht fassen, was dieser Trottel uns hier eingebrockt hat … Das Ganze hier ist echt sowas von unter meinem Niveau. Hicks!"

 

4.45 Uhr. Als der arme Hasi ENDLICH das scheinbar letzte verfügbare freie Zimmer auf der Insel über ein Portal im Internet gebucht hat, ist Mausi bereits auf ihrem Barhocker an der "Cerveceria" eingepennt. Hasi sinkt kurz darauf erschöpft neben ihr auf den kalten Marmorfliesen zusammen.

 

Ihren geplanten Silvesterurlaub auf den Malediven wollen die beiden abblasen. "Mich kriegen keine zehn Pferde mehr auf eine Insel", grummelt Hasi und zündet sich verbotenerweise eine Zigarette an. "Jetzt ist eh alles scheißegal." Eine etwa siebzigjährige Britin, deren neonpinkes Tanktop den passenden Schriftzug "Life is a Bitch" trägt und der ein vorderer Schneidezahn fehlt, tut es ihm gleich. Beide murmeln im Chor: "Fuck, fuck, fuck, fuck ..."

 

6.28 Uhr. Am nächsten Morgen fahren Hasi und Mausi in getrennten Taxen in ein heruntergerocktes 2-Sterne-Hotel im El Arenal. Hasi wird wohl auf einer Liege am Pool nächtigen müssen, denn Mausi möchte ihn vorerst nicht mehr sehen.

 

Ich bin mir aber sicher, dass die beiden wieder zueinanderfinden werden, wenn sie erstmal eine Mütze Schlaf nachgeholt haben. Denn so eine Woche Zwangsurlaub, die schweißt ja auch irgendwie zusammen. Danach kann einen so leicht nichts mehr schocken. Danke Ryanair!

 

Diese Kolumne basiert auf wahren Ereignissen, die sich am 10.10.2017 in Anwesenheit der Autorin während des Fluglotsenstreiks am Airport von Palma de Mallorca abspielten.

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