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Nachhaltiges Fleisch Die geteilte Kuh: Wie Crowdbutching funktioniert und was Landwirte davon haben

Berend te Voortwis
Fleisch gemeinsam kaufen: Das ist die Idee von Berend te Voortwis, der Kaufnekuh.de gegründet hat.
Gemeinsam im Internet ein Tier kaufen und das Fleisch untereinander aufteilen, das ist die Idee hinter Crowdbutching. Der Gründer von Kaufnekuh und ein Landwirt über die Vor- und Nachteile vom nachhaltigen Fleischkauf per Klick.

Er kennt das Leben auf dem Bauernhof, weiß, dass Landwirtschaft ein Job ist, der kaum Pausen zulässt. Berend te Voortwis ist auf einem Bauernhof in den Niederlanden aufgewachsen. Tobte mit seinen fünf Geschwistern über die Äcker, war dabei, wenn einmal im Jahr eine Kuh geschlachtet wurde. Das Fleisch teilten sich Familie, Nachbarn, Freunde. Jahre später machte er aus dem Crowdbutching ein Geschäft und gründete Kaufnekuh. Es soll ein Kontrapunkt zur konventionellen Fleischproduktion setzen.

Crowdbutching setzt sich aus zwei Begriffen zusammen – Crowdfunding und Butching. Und genau darum geht es. Menschen kaufen gemeinsam ein Tier und teilen das Fleisch untereinander auf. Dafür müssen sie allerdings nicht selbst Hand anlegen, denn die Infrastruktur übernehmen Firmen wie Kaufnekuh (die Dachmarke des Unternehmens heißt inzwischen Grutto), MeinBioRind oder EinStückLand. Gekauft wird online, mehr als ein paar Klicks sind nicht nötig. Sobald genügend Menschen Fleisch gekauft haben, wird das Tier geschlachtet und von der Nasen- bis zur Schwanzspitze verwertet. 

Transparenz beim Fleischkauf

Vor ein paar Jahren habe er im Supermarkt gestanden, sich das Fleisch angeschaut, das dort verkauft wurde. Abgesehen vom Preis, habe sich te Voortwis auch über den Mangel von Transparenz gewundert. Von welchem Hof das Fleisch kommt, welcher Landwirt das Tier großgezogen hat, welches Futter verwendet wurde, war selten vermerkt. "Meistens erfährt man nichts über das Fleisch", sagt er. Das brachte ihn zum Nachdenken. Warum, fragte er sich, sollte das, was seine Familie schon seit Jahren machte, nicht auch im größeren Rahmen möglich sein?

Berend te Voortwis ging mit Kaufnekuh an den Start. Das mediale Echo war groß. Schnell wurde klar, dass er den Nerv der Zeit getroffen hatte. "Wir merkten, die Kunden sind bereit dafür, bereit für eine Veränderung", sagt er. Das war im Jahr 2015. Inzwischen gibt es das Crowdbutching-Angebot auch für Schweine, Reh und Geflügel. Der wesentliche Unterschied zum Supermarkt: maximale Transparenz. Durch die Ohrnummern verlieren Fleisch und Landwirt ihre Anonymität. "Der Kunde kann wirklich eine Wahl treffen über Rasse, Alter, Futter", so te Voortwis. Und auch die Landwirte bekämen endlich die Wertschätzung für ihre Arbeit, die sie verdienten. "Sie geben nicht einfach ihr Fleisch zum Schlachter und verschwinden in einer Blackbox. Sie sind bis zum Schluss eingebunden." 

"Wir zahlen den Landwirten mehr"

Das Fleisch stammt von kleinen, familiengeführten Bauernhöfen. Zwischenhändler gibt es nicht. Dadurch spart Grutto Geld, welches das Unternehmen an die Landwirte weitergibt. "Wir zahlen ihnen mehr und wir verändern die Preise nicht wöchentlich", erklärt te Voortwis. Kunden bekommen das Fleisch für eine Mahlzeit ab einem Preis von 1,78 Euro.

Einer der Landwirte ist Hans Hübner aus Mariaberg, Gammertingen. Er betreibt einen Bioland-Hof. Früher vermarktete der Hof die Tiere selbst, so richtig rund lief das nicht. Hübner suchte nach Alternativen und stieß auf Kaufnekuh. 2016 bot er dort die ersten vier Angus-Kühe an. "Wir haben tagtäglich über die Homepage mitgefiebert, ob und wie schnell sie verkauft wurden – das war ganz schön spannend. Ein Tier war innerhalb von anderthalb Tagen verkauft. Das war schon toll!", erzählt er.

Inzwischen verkauft der Hof 16 bis 20 Kühe und 40 Schweine im Jahr über die Plattform. Das rechne sich, sagt er. "Wir werden fair bezahlt und das Konzept bringt bestes Fleisch von Tieren, die artgerecht gehalten wurden, zu Kunden, die ansonsten vielleicht im Supermarkt Fleisch kaufen, von dem sie nicht wissen, woher es kommt." Dazu komme, dass das Fleisch nur ein Teil des Tieres sei, Kaufnekuh aber das ganze Tier verwerte. Die Häute gehen an Gerber, die Knochen werden zu Leim verarbeitet und die Innereien werden für hochwertiges Tierfutter genutzt. 

Fleisch mit Wartezeiten

Wie groß das Fleischpaket sein soll, können die Kunden online wählen. Teilweise können die Pakete, die einen Mix aus verschiedenen Teilen von Hack bis Steak beinhalten, variabel zusammengestellt werden. Ist ein Tier zu 100 Prozent verkauft, wird es zu den Schlachthöfen von Grutto gebracht. Kühe, erzählt te Voortwis, seien oftmals binnen Stunden verkauft. Das entspricht in etwa 50 verkauften Fleisch-Paketen. Bei anderen Tieren kann es zwei, drei Tage dauern, bis sie vollständig verkauft sind.

Für die Landwirte bedeutet das warten. So sagt auch Hübner: "Wir sind davon abhängig, was der Kunde kauft. Ab und zu kann dies sehr schnell gehen und manchmal braucht es ein bisschen länger". Und auch die Kunden müssen sich zeitweise in Geduld üben, vor allem, wenn es um Kuhfleisch geht. Da dies nach der Schlachtung erst reifen muss, dauert es ab Bestellung etwa drei Wochen, bis sie ihr Paket in Empfang nehmen können. Das Fleisch wird in nachhaltiger Verpackung geliefert und wird binnen 24 Stunden frisch geliefert.

"Inspiration für andere"

Die Kooperation mit Kaufnekuh ermögliche es, dass Hübner tun könne, was er am liebsten mache: "Uns auf die artgerechte Haltung unserer Tiere konzentrieren." So habe das Crowdbutching den Landwirt angespornt, in einen Schweinestall mit mehr Auslauf zu investieren. "Ohne Kaufnekuh hätten wir das wahrscheinlich nicht gemacht", sagt er.

Ist Crowdbutching ein Modell für die breite Masse? "Aktuell ist es noch ein Nischenprodukt", meint te Voortwis. Aber es gehe auch nicht darum, immer größer und größer zu werden. Wichtig sei, dass das Konzept ein Bewusstsein für nachhaltigen Fleischkonsum schaffe und Inspiration für andere Modelle sei. Niedrigpreise und übermäßiger Fleischkonsum seien nicht mehr tragbar – "die Fleischindustrie muss nachhaltiger und gesünder werden".


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