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Interview

Imker am Hamburger Flughafen: Wie gut kann Honig eigentlich sein, der von Flugzeugen und Kerosin umgeben ist?

Ingo Fehr hat ein außergewöhnliches Hobby: Er arbeitet als Imker am Hamburger Flughafen. Umgeben von Flugzeugen und Kerosin. Kann man den Honig wirklich essen?

Ingo Fehr ist Hobby-Imker am Hamburger Flughafen

Ingo Fehr ist Hobby-Imker am Hamburger Flughafen

Honigbienen und Flughafen. Bitte helfen Sie mir, wie passt das zusammen?

Das passt sogar wunderbar zusammen. Seit 18 Jahren mache ich am Hamburger Flughafen Honig.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Wir wollten es einfach mal darauf ankommen lassen. Deshalb habe ich ein paar Bienenstöcke aufgestellt – und es hat funktioniert, jetzt habe ich sechs Bienenvölker. An die Imkerei kam ich durch meinen Schwiegervater.

Dass es Bienen in der Stadt gibt, kennt man bereits. Aber ein Flughafen als Bienenbiotop ist doch sehr speziell.

Eigentlich ist das gar nichts Ungewöhnliches. Zum einen haben wir hier viele Grünflächen, sogar Blumenwiesen. Zum anderen sind die Bienenstöcke hier sicher. Sie stehen innerhalb des Zaunes, man muss schon durch die Sicherheitskontrollen durch, um an die Bienen zu kommen.

Warum ist das von Bedeutung?

Weil die Imkerschaft mit Diebstahl von Bienenvölkern massiv Probleme hat. Man hört immer wieder, dass der eine Imker den anderen Imker bestiehlt. Wegen Varroa-Milben und Bienensterben haben die Imker im Frühjahr wenige Bienenvölker. Aber statt sich die Mühe zu machen, Bienenvölker neu zu kaufen oder sie zu züchten, wird eben geklaut. In Schleswig-Holstein hat jüngst ein Dieb 23 Bienenvölker gestohlen.

Die Bienen sind also sicher am Flughafen. Auf der Landebahn finden sie aber wohl kaum Futter.

Das ist richtig. Dafür aber auf den 200 Hektar Grünflächen, von den Baumbeständen, von den Kleingärten. Bienen fliegen etwa 1,5 Kilometer um ihren Stock. Sie sind etwa 500 Meter von der Start- und Landebahn entfernt.

Wie viele Bienen leben am Flughafen?

Gestartet sind wir mit zwei Bienenvölkern, die mit 5000 bis 10.000 Bienen aus dem Winter kommen. Heute haben wir sechs Bienenstöcke. Wenn man ein starkes Volk hat, kann die Zahl im Sommer auf bis zu 70.000 Bienen pro Volk steigen. Bis sie zum Herbst wieder weniger werden.

Die Bienen sterben.

Ja, sie arbeiten sich buchstäblich auf. Nach einer Saison als fleißige Sammelbiene sind sie dann am Ende.

Wie viel Honig ernten Sie pro Jahr?

Ich ernte zweimal im Jahr insgesamt etwa 150 Kilo, die ich in 250 Gramm-Gläser abfülle. Das sind bei der Menge etwa 600 Gläser. Das ist nicht viel, deshalb vertreiben wir den Honig nicht. Wir verschenken ihn als kleine Aufmerksamkeit zu besonderen Anlässen. 

Von welchen Pflanzen sammeln die Bienen ihre Pollen?

Das Angebot ist tatsächlich recht divers: Linde, wilder Wein, Korbblütler, Vergissmeinnicht, Kleesorten, Rosengewächse. Die Bienen helfen uns dabei, einen Überblick über die Pflanzen zu geben, die es im Flughafenbereich gibt.

Ein Flughafen ist kein guter Ort zum Durchatmen. Zu viel Kerosin, zu viele Emissionen sind hier in der Luft. Schlägt sich das nicht auf den Honig nieder?

Mehr über Urban beekeeping und das Lebenswerk einer Honigbiene finden Sie in: Honig. Von Eva Derndorfer und Elisabeth Fischer. Brandstätter Verlag. 224 Seiten. 34,90 Euro.

Mehr über Urban beekeeping und das Lebenswerk einer Honigbiene finden Sie in: Honig. Von Eva Derndorfer und Elisabeth Fischer. Brandstätter Verlag. 224 Seiten. 34,90 Euro.

Wir lassen den Honig jedes Jahr auf Luftschadstoffe wie Schwermetalle und Kohlenwasserstoffe untersuchen. 1998 haben wir das erste Mal Honigproben ins Labor geschickt. In all den Jahren wurde uns immer eine einwandfreie Qualität bescheinigt. Der Honig entsprach den Anforderungen sowohl der Deutschen Honigverordnung als auch des Deutschen Imkerbundes, und wurde als unbelastet beurteilt. Dafür lasse ich den Honig auch jährlich im Bieneninstitut untersuchen. Für den Flughafen ist die Honigqualität auch ein zusätzlicher Hinweis, dass die Luftgüte einwandfrei ist. Die Insekten würden bei nennenswerter Belastung gar nicht zu ihrem Bienenstock zurückkehren, sondern unterwegs verenden. Sie sind also auch eine Art Bio-Detektive.

Was ist mit dem Fluglärm?

Das ist gar kein Problem. Bienen nehmen zwar Erschütterungen wahr, aber nur im Umkreis von drei bis fünf Metern um den Bienenstock. Bienen haben keine Ohren. Sie spüren die Vibrationen über ein Sinnesorgan, die Fühler.

Zum Teil ist der Honigertrag in der Stadt größer als auf dem Land. Woran liegt das?

Die Vielfalt in der Stadt ist größer und es blüht über das ganze Jahr. Die Leute pflegen ihre Balkonpflanzen und ackern in Kleingärten, sodass man von März bis in den Oktober hinein ein Nahrungsangebot hat. Zum anderen ist es in der Stadt auch ein bis zwei Grad wärmer als auf dem Land. Das bedeutet: Die Bienen fliegen morgens eher los und stellen den Flugbetrieb später ein, weil es noch warm ist.

Stichpunkt Bienensterben. Sind Ihre Völker auch davon betroffen?

Ich habe auch dieses Auf und Ab. 2013 hatte ich einen hohen Völkerverlust. Da sind mir 60 Prozent meiner Bienen eingegangen. Ich beobachte das und behandle mit organischen Mitteln wie Ameisensäure und Oxalsäure gegen die Varroa-Milbe. Zu Spritzschäden, Neonikotiden und Monokulturen kann ich wenig sagen, in Flughafennähe gibt es zum Glück keine landwirtschaftlichen Flächen. Dennoch ist das Bienensterben ein Problem. Man sagt, eine Sterberate von 10 Prozent ist normal, bei mir sind es um die 25 Prozent. 

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