HOME

Zu Gast bei John Grøtting: Warum ein Mann Kochbücher karamellisieren will

Ein bestimmtes Rezept im überquellenden Kochbuchregal zu finden, ist praktisch unmöglich. John Grøtting wollte genau das ändern und entwickelte Caramelized - eine Kochbuch-App.

Von Denise Wachter

Das älteste Kochbuch, das bei John Grøtting im Regal steht, ist über 30 Jahre alt. Die Kochbibel "From Julia Child's Kitchen" gab ihm als Jugendlichem den Anstoß zum Kochen. Mittlerweile zieren viele Kochbücher seine Regale, doch Grøtting ist niemand, der seine Schätze vollkleckern und sie in der Küche tatsächlich benutzen will. Deshalb musste eine digitale Lösung her.

Der 49-Jährige ist ein Kind aus dem Silicon Valley: sein norwegischer Vater arbeitete als Ingenieur für Röntgenmaschinen, seine amerikanische Mutter als Designerin. Sie hat unter anderem riesige Neon-Schilder für Las Vegas kreiert. Inspiriert von seinen Eltern kombinierte der gebürtige Amerikaner die Leidenschaften der beiden: Er studierte Design und gründete 1994 mit Kommilitonen eine Digital-Agentur. Anfang der 90er Jahre war das revolutionär, denn Agenturen, die digitale Lösungen präsentierten, gab es damals noch nicht. Deshalb zählten zu ihren Auftraggebern ziemlich schnell renommierte Kunden wie Mercedes und Siemens.

Multikulti-Küche

"Meine Mutter hat schon immer sehr vielseitig gekocht. Sie wuchs in China auf und kehrte später mit ihrer Familie in die USA zurück ", sagt Grøtting. Ihre Küche war seit jeher asiatisch geprägt, deshalb gab es bei Grøtting zu Hause entweder asiatische oder, wegen der Nähe Kaliforniens zu Mexiko, mexikanische Gerichte. "Wir kochten sehr multikulti. Das tue ich heute noch. Am Wochenende kommen Freunde zu Besuch. Ich mache eine Jambalaya, die ist der spanischen Paella ähnlich, aber ein Gericht aus der kreolischen Küche Louisianas. Für meine Freunde sind meine Gerichte immer eine Überraschung", so Grøtting.

Nach seinem Studium arbeitete er als Art Director in einer Firma in San Francisco. Zwei Jahre später wechselte er zu der Agentur Studio Archetype nach New York, wo er als Creative Director arbeitete. Drei Jahre verbrachte Grøtting in der Stadt, hatte das Tempo der Metropole im Blut. Doch nach einiger Zeit fragte er sich: Möchte ich wirklich dieses hektische New-Yorker-Leben führen? Er entschied sich, zurück nach Los Angeles zu gehen. Bei marchFirst, damals eine der größten Internetfirmen weltweit (mit mehr als 10.000 Mitarbeitern) lernte er seine zukünftige Frau Nora kennen. Sie stammt aus Wiesbaden. 2001 erwarteten sie ihr erstes Kind und beschlossen ihre Tochter Lena in Deutschland groß zu ziehen. Grøtting baute in Hamburg bei der Werbeagentur Philipp und Keuntje eine "Digital Unit" auf. Die Arbeit bedeutete viel Stress für. Da er immer schon gerne am Herd stand, war das Kochen immer der Ausgleich zur Arbeit.

Mehrwert durch Caramelized

Die kreative Arbeit in der Werbebranche inspirierte Grøtting. Er hatte viele Einfälle, die er mit Kunden im digitalen Bereich umsetzen wollte. Trotzdem rumorte in seinem Kopf schon seit längerer Zeit die Idee der Kochbuch-App: Grøtting wollte Kochbücher digitalisieren, ohne dass sie an Wert oder Liebe zum Detail verlieren. Auf einer Messe in Paris stellte er 2012 seine Idee der Kochbuch-App in einer Beta-Version vor, die Resonanz war groß - und positiv. Das motivierte ihn weiterzumachen. Bereits Anfang 2013 war die App auf dem Markt erhältlich. Der Name sollte köstlich klingen, seine Frau Nora liebt Karamell und Grøtting wollte den Kochbüchern mit besonderen Features aufwerten, sie also verfeinern, karamellisieren. So entstand "Caramelized".

Heute gibt es Rinderfilet mit einer Bordelaise-Sauce aus Rotwein, Ofengemüse und Schokokuchen mit flüssigem Kern, den hat seine Tochter Lena ausgesucht. Grøttings Sohn Niklas ist zwei Jahre jünger als die zwölfjährige Lena. Beide Kinder lieben es zu kochen - auch mit dem iPad. Das Rezept für das Hauptgericht stammt aus dem Kochbuch "Handbook for the perfect steak" von Marcus Polman, was nicht nur köstliche Rezepte beinhaltet, sondern auch Hintergrundinformationen zu unterschiedlichen Kuhrassen.

Das iPad ist Grøttings ständiger Begleiter in der Küche. Derzeit können 20 Kochbücher über Caramelized bereits erworben werden. "Eigentlich sollten wir pro Monat 20 anbieten können", sagt Grøtting. Aber erst muss in eine neue Software investiert werden, da die Produktion der digitalen Kochbücher sehr aufwendig ist. Jede einzelne Seite eines Buches muss individuell programmiert und mit Features aufgewertet werden: Jedes Rezept kann auf eine beliebige Personenzahl skaliert werden, ist ein Rezept mit Zeitangaben versehen, ist die Eieruhr nicht weit. Pro Rezept können mehrere Timer aktiviert werden. Grøtting arbeitet eng mit den Kochbuchautoren zusammen. Das spürt man auch, denn die Gestaltung für jedes Buch ist liebevoll und individuell umgesetzt. Tim Mälzer gefiel die App so gut, dass bereits drei seiner Bücher über Caramelized erhältlich sind.

Wie es weitergeht? Es sollen viele Kochbücher, auch fremdsprachige, folgen. Zu Begriffen wie blanchieren, karamellisieren oder Zwiebel schneiden sollen in Zukunft Kochtechnik-Videos verlinkt werden. Und wenn man auf der Suche nach einem bestimmten Rezept ist, tippt man das Gericht oder eine Zutat direkt ins Suchfeld ein.

Auf die Frage, was Essen für ihn verbindet, antwortet er, es sei Kultur und Familie. "Kochen ist Wissen", ruft der zehnjährige Niklas. "Ja, das auch", sagt John und schmunzelt. "Aber es verbindet auch die Menschen. Es ist ein Ausdruck von Liebe. Und Menschen, die gerne kochen, sind auch Menschen, die anderen gerne etwas schenken und Freude bereiten möchten."