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Coronavirus in Deutschland Hendrik Streeck will Strategiewechsel – das rät der Virologe bei den jetzt steigenden Fallzahlen

Coronavirus in Deutschland: Hendrik Streeck will Strategiewechsel – das rät der Virologe bei den jetzt steigenden Fallzahlen
© Federico Gambarini/ / Picture Alliance
Die Zahl der täglichen Corona-Neuinfektionen ist in den vergangenen Monaten in Deutschland deutlich gestiegen. Das ist jedoch nicht zwangsläufig ein Grund zur Beunruhigung, so der Bonner Virologe Hendrik Streeck. Seiner Meinung nach sollten wir auf ganz andere Faktoren schauen.

Nach dem Lockdown im Frühjahr schien Deutschland das Coronavirus weitgehend im Griff gehabt zu haben. Pro Tag meldete das Robert Koch-Institut nur noch eine niedrige dreistellige Zahl an Neuinfektionen. Doch mit Beginn der Urlaubssaison schnellten die Infektionszahlen wieder in die Höhe – auch, weil weite Teile der Bevölkerung die Hygienevorschriften nicht mehr so ernst nehmen wie noch in den Anfangsmonaten der Pandemie. Derzeit stagniert die Zahl der täglichen Neuinfektionen auf einem Niveau von etwa 1500 bis 2000 Fällen. Doch viele Experten fragen sich: Wie lange noch?

Denn in Frankreich, Großbritannien, Spanien, Österreich und Tschechien steigen die Zahlen bereits rapide. "Das Blatt wendet sich", schrieb gestern der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach auf Twitter. "In wenigen Wochen wird Europa mehr neue Covid-Fälle pro Tag als die USA haben." Schon jetzt werden in einigen Ländern erneut Debatten über regionale Lockdowns geführt.

Streeck: "Dürfen uns nicht auf reine Infektionszahlen beschränken"

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck wirbt dagegen im Umgang mit dem Coronavirus für einen Strategiewechsel. "Wir dürfen uns bei der Bewertung der Situation nicht allein auf die reinen Infektionszahlen beschränken", sagte Streeck im Gespräch mit der "Welt am Sonntag". "Es stimmt, die Zahlen der positiv getesteten Menschen sind in Deutschland und Europa signifikant. Gleichzeitig sehen wir aber kaum einen Anstieg der Todeszahlen."

Das habe mehrere Ursachen, betonte der Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Universität Bonn. So wurde die Zahl der sensitiven Tests in den vergangenen Monaten deutlich nach oben gefahren, zudem stecken sich in der derzeitigen Phase der Pandemie hauptsächlich jüngere Menschen an. "Das sagt mir, dass wir umdenken müssen. Wir dürfen (...) die Labore nicht so stark belasten."

Natürlich sollten Infektionen mit Sars-CoV 2 so weit unterbunden werden wie möglich, daran lässt auch Hendrik Streeck keinen Zweifel. Gesellschaftlich betrachtet seien Infektionen ohne Symptome seiner Meinung nach jedoch nicht zwangsweise schlimm: "Je mehr Menschen sich infizieren und keine Symptome entwickeln, umso mehr sind – zumindest für eine kurzen Zeitraum – immun. Sie können zum pandemischen Geschehen nicht mehr beitragen", so der Virologe.

"Wir können nicht jede Infektion verhindern"

Für seine Neubewertung schlägt er vor, "die Faktoren ins Zentrum zu stellen, die in der Pandemie wichtig sind". Dazu zählt er die "stationäre Belegung, intensiv-medizinische Belegung und die Anzahl der Tests, die es braucht, einen Corona-positiven Menschen zu finden". Für eine bessere Übersicht schlägt er vor, für diese Faktoren auf Landes- und Bundesebene ein Ampelsystem zu installieren. "Denn eines ist klar: Wir können nicht jede Infektion verhindern, und das ist auch nicht zielführend. Je eher wir zu einer Souveränität mit dem Virus gelangen, desto besser werden wir auch damit klarkommen."

Streeck ist überzeugt davon, dass die Einhaltung der AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken) unsere Gesellschaft ohne nennenswerte Steigerung der Todeszahlen über die nächsten Monate bringt. Außerdem rät er, die in den vergangenen Monaten vorherrschende Verbots- durch eine Gebotskultur zu ersetzen. "Wenn wir nur warnen, werden irgendwann die Warnungen nicht mehr gehört."

cf

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