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Kampf gegen den Darmkeim: Neue Ehec-Spur führt nach Kassel

Auf einer Familienfeier bei Göttingen haben sich mehrere Menschen mit dem Ehec-Erreger angesteckt. Versorgt wurde die Feier durch eine Catering-Firma aus Kassel. Die Zahl der Todesopfer steigt weiter.

Nach zwei weiteren Todesfällen ist die Zahl der Ehec-Opfer in Niedersachsen auf zehn gestiegen, aus Hessen wurde der erste Ehec-Tote gemeldet. Bundesweit gibt es damit 29 Todesopfer. Ein 57-jähriger Mann starb nach Angaben der Stadt Frankfurt am hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). Er hatte mit seiner Ehefrau Ende Mai Hamburg besucht.

Die zwei Ehec-Infizierten aus dem niedersächsischen Landkreis Harburg starben nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Hannover bereits am Mittwoch an der schweren Durchfallerkrankung. Es handele es sich um einen 68-Jährigen aus Neu Wulmstorf und eine 20-Jährige aus Buchholz. Der zusätzlich an einer Krebserkrankung leidende Mann war demnach bereits am 3. Mai an Ehec erkrankt, die junge Frau starb neun Tage nach dem Ausbruch der Krankheit.

Wie das Ministerium weiter mitteilte, wurde nach einer Familienfeier im Landkreis Göttingen eine weitere Häufung von Fällen der Darmkrankheit registriert. Fünf der rund 70 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet befänden sich im Krankenhaus. Beliefert worden sei die Festgesellschaft von einer Catering-Firma aus dem Landkreis Kassel in Nordhessen. Auch dort seien Gäste der Familienfeier an Ehec erkrankt.

Ob der Caterer möglicherweise von dem als Auslöser der Epidemie in Verdacht stehenden Biohof mit Sprossen beliefert worden ist, sei noch unklar, sagte ein Ministeriumssprecher. Die Behörden in Hessen und Niedersachsen bündelten bei den Untersuchungen ihre Kräfte.

Noch immer keine neue Spur

Die Untersuchungen von Gurkenproben aus Magdeburg im Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) haben unterdessen noch keine neuen Hinweise auf die Infektionsquelle ergeben. Der mit den gefährlichen Erregern belastete Gurkenrest war in der Mülltonne einer an Ehec erkrankten Familie gefunden worden. Laut Landesgesundheitsminister Norbert Bischoff (SPD) kam der Fund nur durch einen Zufall zutage. Die Biotonnen von Erkrankten würden normalerweise nicht untersucht, weil im Müll ohnehin viele Keime seien, sagte Bischoff. "Uns sagen die Fachleute, das bringt nichts."

Auch wenn Politik und Wissenschaft keine Entwarnung geben: Seit mehreren Tagen gehen die gemeldeten Fälle zurück. Notaufnahmen registrierten deutlich weniger Patienten mit blutigen Durchfällen, berichtete das Robert Koch-Institut (RKI). Die Einschätzung einer langsameren Ausbreitung der Seuche teilte auch das Gesundheitsministerium in Niedersachsen. Die Zahl der Fälle und Verdachtsfälle stieg am Donnerstag auf 564, teilte das Gesundheitsministerium in Hannover mit. Das waren 21 mehr als am Vortag. Bei 452 Erkrankten gibt es bisher einen definitiven Labornachweis, dass es sich um Ehec handelt. 112 Menschen erkrankten an der HUS. "Grund zur Entwarnung gibt es noch nicht", sagte ein Ministeriumssprecher.

Das RKI beobachtet die Seuche nun schon im zweiten Monat. Der früheste Beginn der Durchfallerkrankung datiert vom 1. Mai. Insgesamt erkrankten seitdem rund 2800 Patienten nachweislich an Ehec, davon 722 an der lebensgefährlichen Komplikation HUS, dem hämolytisch-urämischen Syndrom. Als Infektionsquellen stehen neben Gurken, Tomaten und Salat vor allem Sprossen in Verdacht. Beim BfR gelten Sprossen nach Hinweisen aus Niedersachsen als "mögliche Ursache" der Infektionen. Bei den Befragungen des RKI, die nach Angaben des Instituts von Beginn an auch den Verzehr von Sprossen umfassten, hatten sich nicht einmal ein Drittel der Patienten daran erinnert. In einer laufenden dritten Fall-Kontroll-Studie des RKI wird nun speziell der Verzehr von Salatzutaten einschließlich Sprossen untersucht.

Nach BfR-Angaben konnten in der Vergangenheit allerdings drei Viertel der Ehec-Ausbrüche in Deutschland nicht aufgeklärt werden. Hauptgrund ist, dass Lebensmittel, die als Überträger in Verdacht gerieten, zum Zeitpunkt der Erkrankungen und späteren Untersuchungen oft restlos verbraucht waren.

Spanien will auf Klagen verzichten

Spanien will auf Schadenersatzklagen gegen Deutschland verzichten. Auf mögliche private rechtliche Forderungen der Bauern gegen den Hamburger Senat habe die Regierung aber keinen Einfluss, sagte der spanische Europaminister Diego Lopez Garrido in Berlin. Zu der Warnung des Hamburger Senats vor Gurken aus Spanien sagte Garrido: "Es wurden Fehler gemacht." Nach Deutschland gingen etwa ein Viertel aller spanischen Gemüseexporte. Spanien hoffe nun auf Entschädigungen der EU für seine Gemüsebauern.

EU-Gesundheitskommissar John Dalli stärkte den deutschen Behörden den Rücken. "Wir sollten jetzt nicht über das Krisenmanagement streiten, sondern erst einmal die Krise bewältigen", sagte Dalli der "Passauer Neuen Presse". Die frühzeitige Warnung vor spanischen Gurken sei richtig gewesen.

Die unter der Ehec-Krise leidenden Bauern sollen nach dem Willen der EU-Kommission höher entschädigt werden als geplant: 210 Millionen Euro statt der zunächst vorgeschlagenen 150 Millionen Euro. "Das Geld wird bis Juli bereitstehen", sagte Agrarkommissar Dacian Ciolos am Mittwoch in Brüssel. Die EU-Staaten müssen dem Vorschlag noch zustimmen.

mlr/DPA/AFP / DPA

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