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Schweinegrippe verunsichert Deutschland: Impfen lassen oder nicht?

Neue Todesfälle und geschlossene Schulen - die Schweinegrippe verunsichert zunehmend die Deutschen. Die wichtigste Frage: Was bringt die Impfung? stern.de gibt Antworten.

Es ist die größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik: 50 Millionen Impfdosen haben die Länder eingekauft, seit dem 26. Oktober wird geimpft. Doch viele Bürger sind verunsichert, ob sie die Spritze in Anspruch nehmen sollen oder nicht. Die wichtigsten Fakten zu den Vakzinen und der Schweinegrippe.

Wem wird die Schweinegrippe-Impfung empfohlen?

"Grundsätzlich können alle Bevölkerungsgruppen von einer Impfung gegen die Neue Influenza A (H1N1) profitieren", heißt es in der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko). Vorrangig gegen die Schweinegrippe geimpft werden sollten laut Stiko Schwangere sowie Kinder und Erwachsene mit einer erhöhten gesundheitlichen Gefährdung infolge eines Grundleidens. Dazu zählen etwa Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen, Diabetiker und Menschen mit einem Immundefekt. Bei ihnen ist zu befürchten, dass eine H1N1-Infektion schwerer verläuft und häufiger Komplikationen auftreten. Auch medizinischem Personal wird die Impfung nahegelegt. Denn sie haben zum einen ein größeres Risiko sich anzustecken, zum anderen besteht eher die Gefahr, dass sie während der Arbeit das Virus auf jemanden übertragen, der bereits durch eine Krankheit geschwächt ist.

Welche Argumente sprechen für die Impfung?

Der generelle Nutzen einer Impfung liegt auf der Hand: Man schützt sich selbst mit hoher Wahrscheinlichkeit vor einer Ansteckung - und bewahrt damit auch andere, weil man ja das Virus nicht weiter trägt. Niemand kann voraussagen, wie sich das Virus H1N1 in Zukunft entwickelt. Manche Experten befürchten, dass es zu einer zweiten, schweren Grippewelle kommt, da dies bei früheren Pandemien wie der von 1918/19 der Fall war. Ist der größte Teil der Bevölkerung geimpft, kann diese zweite Welle kaum aufkommen. Auch wenn die Grippe meist mild verläuft, sind doch Menschen daran gestorben. Das Robert-Koch-Institut weist darauf hin, dass schon die normale Grippewelle im Winter dramatisch verlaufen kann: Bei der schwersten saisonalen Grippewelle dieses Jahrzehnts, 2004/2005, gab es in Deutschland geschätzte 12.000 Todesfälle bei rund 4,7 Millionen Arztbesuchen aufgrund einer Influenza.

Welche Argumente sprechen gegen die Impfung?

Bisher verläuft die Schweinegrippe in den meisten Fällen sehr mild, da erscheint der Aufwand dieser Massenimpfung im Vergleich durchaus übertrieben. In Deutschland hat man es leider - anders als in den USA - nicht geschafft, die Impfung gegen H1N1 einfach in den "normalen" saisonalen Grippeimpfstoff zu integrieren. Statt dessen wird "Pandemrix" genutzt. Das Präparat enthält Wirkverstärker und löst daher häufiger Nebenwirkungen wie zum Beispiel Kopfschmerzen oder Fieber aus. Dass eine zweite, schwere Pandemie-Welle drohen könnte, ist zwar möglich - aber eben nur das: möglich. Es kann auch sein, dass sie ausbleibt. Zudem ist der Vergleich mit der verheerenden Spanischen Grippe, die von 1918 bis 1920 mehrere Millionen Todesopfer forderte, nicht ganz redlich. Es ist ungeklärt, wieso die Virusinfektion damals so oft tödlich verlief, eventuell waren auch folgende bakterielle Infektionen ein großes Problem. Und diese lassen sich heute im Gegensatz zu 1918 gut mit Antibiotika behandeln. Problematisch ist auch, dass die Behörden zwar Risikogruppen ausgemacht haben, für diese aber zum Teil keinen adäquaten Impfstoff bereitstellen können - etwa für Schwangere oder chronisch kranke Kinder.

Was ist die Empfehlung für Schwangere?

Für sie ist die Entscheidung für oder gegen die Impfung besonders schwer. Auf der einen Seite drohen schwerere Symptome bei einer Grippe-Infektion, daher empfiehlt die Stiko auch Schwangeren - ebenso wie chronisch Kranken - die Impfung. Aber die zuständige Kommission meint auch, dass sie bis zum Vorliegen weiterer Daten einen Spaltimpfstoff erhalten sollten, der keine Wirkstoffverstärker enthält. Nur: So ein Impfstoff gegen H1N1 ist in Deutschland bisher gar nicht zugelassen. "Pandemrix" enthält Wirkstoffverstärker, "Celvapan" enthält ganze Viren und nicht nur Teile davon - ist also kein Spaltimpfstoff. Auch der dritte in der EU zugelassene Impfstoff entspricht nicht diesen Kriterien. Das tut lediglich das in den USA verwendete Präparat - aber das haben die Ärzte hierzulande natürlich nicht im Schrank stehen. Wie sie mit dieser widersprüchlichen Empfehlung umgeht, muss wohl jede Schwangere gemeinsam mit ihrem Arzt entscheiden.

Ab wann wird geimpft?

Die Impfaktion ist am 26. Oktober gestartet. Zuerst steht das Angebot allen zur Verfügung, denen die Impfung besonders empfohlen wird. Das sind Mitarbeiter des Gesundheitswesens, der Polizei, der Feuerwehr sowie Menschen mit chronischen Erkrankungen und Schwangere. Wahrscheinlich wird es bis Ende November dauern, bis diese Gruppen versorgt wurden. Anschließend - oder je nach Andrang ausnahmsweise auch zwischendurch - können sich alle anderen Bürger immunisieren lassen. Ingesamt wir die Impfaktion wohl bis Ende Januar dauern. Die nötigen Impfdosen werden nicht alle gleichzeitig produziert. Im Durchschnitt sollen in der nächsten Zeit wöchentlich rund 1,5 bis 2 Millionen Impfdosen in den Ländern verteilt werden, sagt Gesundheitsstaatssekretär Klaus Theo Schröder.

Wo wird geimpft?

An welcher Stelle die Impfungen durchgeführt werden, ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Informationen darüber erhalten Sie am besten bei Ihrem Hausarzt oder dem zuständigen Gesundheitsamt. Die Hotlines der Landesämter finden Sie auf auf der Seite www.neuegrippe.bund.de/

Welche Impfstoffe stehen in Deutschland zur Verfügung?

50 Millionen Dosen des Impfstoffs "Pandemrix " haben die Bundesländer beim Pharmahersteller Glaxo Smith Kline gekauft. Soldaten, Bundespolizisten und Mitglieder der Bundesregierung sollen dagegen mit "Celvapan" vom Hersteller Baxter versorgt werden. Dafür hat das Bundesinnenministerium 200.000 Dosen bestellt. Beide Impfstoffe sind in Studien kontrolliert und von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMEA) zugelassen worden. In der EU ist zudem noch der Impfstoff "Focetria" zugelassen.

Welche Nebenwirkungen sind möglich?

Leichte Nebenwirkungen nach einer Pandemrix-Spritze sind häufig: Mehr als einer von zehn Geimpften hat danach Kopf-, Gelenk- oder Muskelschmerzen, Mattheit oder Fieber. Ebenso häufig kommt es zu Schwellungen, Schmerzen oder Verhärtungen an der Injektionsstelle. Es gibt jedoch auch sehr seltene, aber schwere Nebenwirkungen wie die Nervenkrankheit Guillain-Barré-Syndrom, die mit Lähmungserscheinungen einhergeht.

Wie funktioniert der Impfstoff "Pandemrix"?

"Pandemrix" enthält einen Wirkstoffverstärker, das sogenannte Adjuvans AS03. Adjuvantien reizen das Immunsystem, um so die Wirkung der Impfung zu verbessern, können aber auch zu häufigeren und stärkeren Nebenwirkungen führen. Mehr als eine von zehn Personen leidet Studien zufolge nach der Impf-Spritze an Kopf-, Gelenk- oder Muskelschmerzen, Mattheit oder Fieber. Ebenso häufig treten Schwellungen, Schmerzen oder Verhärtungen an der Injektionsstelle auf. Das Vakzin ist nicht aus ganzen Viren hergestellt, sondern aus Teilen des Erregers - aus Eiweißen der Virushülle. Die Viren wurden in Hühnereiern gezüchtet, wie dies auch bei den bewährten Impfstoffen gegen die saisonale Grippe der Fall ist. Die Impflösung enthält zudem das quecksilberhaltige Thiomersal. Die umstrittene Substanz verlängert die Haltbarkeit. Vorsicht vor der Impfung ist geboten bei Allergien gegen Hühnereiweiß (Ovalbumin), Formaldehyd, Gentamicinsulfat (ein Antibiotikum) und Natriumdeoxycholat. Pandemrix wird von Glaxo Smith Kline hergestellt.

Wie funktioniert der Impfstoff "Celvapan"?

Der Impfstoff "Celvapan" enthält nicht nur Virus-Bruchstücke, sondern ganze, abgetötete Viren. Es handelt sich also um einen Ganzvirus-Impfstoff, nicht um einen Spaltimpfstoff wie dies bei Pandemrix der Fall ist. Ganzvirus-Impfstoffe gelten als weniger verträglich. Im Gegensatz zu "Pandemrix" kommt "Celvapan" ohne Wirkverstärker aus. Die Viren wurden in Säugetierzellen gezüchtet - also nicht in Hühnereiern wie dies beim saisonalen Grippeimpfstoff der Fall ist. Vor dem Einsatz im Impfstoff werden die Krankheitserreger abgetötet. Celvapan wird in Muskelgewebe gespritzt und in zwei Dosen in einem Zeitabstand von mindestens drei Wochen verabreicht. Die häufigste Nebenwirkung von Celvapan sind Schmerzen an der Injektionsstelle - dies wurde in Tests bei mehr als einer von zehn geimpften Personen beobachtet. Der Impfstoff wird von Baxter hergestellt.

Was sind Wirkverstärker?

Im Impfstoff Pandemrix ist das Adjuvans AS03 enthalten. Er soll eine stärkere Reaktion des Immunsystems anregen. So kommt die Impfung mit weniger Virus-Material aus. Zusätzlich erhoffen sich Experten, dass die Wirkverstärker bis zu einem gewissen Grad zu einer Kreuzimmunität führen - also nicht nur vor diesem H1N1-Virus schützen, sondern auch vor ähnlichen H1N1-Stämmen. Eindeutig belegt ist dieser Zusatznutzen aber noch nicht. Das Adjuvans AS03 besteht aus drei Substanzen: Squalen, Vitamin E und Polysorbat 80. Squalen ist ein Zwischenprodukt des Cholesterin-Stoffwechsels im Körper und wird aus Haifischleber gewonnen. Polysorbat 80 ist Bestandteil vieler Lebensmittel. Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts kann der Mensch davon täglich bis zu 10 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht bedenkenlos zu sich nehmen. In einer Impfdosis sind 4,86 Milligramm Polysorbat 80 enthalten.

Wie gefährlich ist die Schweinegrippe?

Nach den bisherigen Beobachtungen sind die Ansteckungswege und auch die Infektionsraten ähnlich wie bei herkömmlichen Influenza-Viren. Auffallend ist die verhältnismäßig hohe Zahl von gesunden jungen Menschen, die sich infizieren. Doch auch bei ihnen verläuft die Erkrankung fast immer mild.

Warum wird darum so viel Aufhebens gemacht?

Weil sich trotz der derzeit relativ ruhigen Lage die Situation in den kommenden Monaten oder Jahren verschärfen könnte. Besonders fürchten Experten eine Art Kreuzung des neuen H1N1-Virus mit einem aggressiveren Virus, das bislang noch nicht gut an den Menschen angepasst ist. Die Vogelgrippe vom Typ H5N1 wäre ein solcher Kandidat. Im ungünstigsten Fall könnten sich beide Varianten verbinden und so ein Virus hervorbringen, das die hohe Ansteckungsrate des einen mit der Aggressivität des anderen kombiniert. Um dem vorzubeugen, sollten die Fallzahlen also auch bei einem für sich milden Virus möglichst gering gehalten werden. Denn je weniger Menschen und Tiere sich infizieren, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit für eine gefährliche Veränderung der Erreger.

Wie kann man sich am besten schützen?

Größere Menschenansammlungen sollten vermieden werden. Ist das nicht möglich, empfehlen Experten einen Mindestabstand zu anderen von einem Meter, was auch bedeutet, dass Umarmungen und Küsse unterbleiben sollten. Auf jeden Fall angeraten sind folgende Vorsichtsmaßnahmen:
• Mund, Nase und Augen möglichst nicht mit den Fingern berühren, um Viren nicht auf die Schleimhäute zu bringen.
• Die Hände sollten regelmäßig mindestens 20 bis 30 Sekunden lang mit Seife und Wasser gewaschen oder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis gereinigt werden.
• Darüber hinaus hilft es der körpereigenen Abwehr - wie sonst auch -, genügend zu schlafen, sich gesund zu ernähren und Sport zu treiben.

Woran erkennt man, dass man sich angesteckt hat?

Die Symptome unterscheiden sich nicht von denen einer "normalen" Grippe: plötzliches hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Husten, Mattigkeit, fehlender Appetit. In einigen Fällen kann es auch zu Übelkeit und Darmbeschwerden kommen. Ob es sich tatsächlich um eine Infektion mit dem neuen H1N1-Erreger handelt, kann allein eine Laboranalyse klären.

Wie lange dauert es, bis Symptome auftreten?

Die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Erkrankung wird als Inkubationszeit bezeichnet. Sie ist von der Art des Influenza-Virus abhängig. Bei der neuen Grippe scheint diese mit einem bis zu vier Tagen ähnlich zu sein wie bei der saisonalen Grippe. Ansteckend ist ein Infizierter dem Robert-Koch-Institut zufolge allerdings schon am Tag vor dem Symptombeginn. Bis zu einer Woche scheiden Menschen, die sich angesteckt haben, Viren aus.

Sollte man bei Symptomen zum Arzt gehen?

Am besten bleiben Kranke zu Hause und kurieren sich dort aus. Das hilft ihnen und verhindert, dass sie andere Menschen anstecken. Wer glaubt, sich angesteckt zu haben, gehört auf keinen Fall an den Arbeitsplatz. Ein Telefonat mit dem Hausarzt bringt Klarheit, wie am besten weiter vorgegangen werden sollte.

Welche Medikamente gibt es?

Wer schon an der Schweinegrippe erkrankt ist, kann sich mit antiviralen Medikamenten behandeln lassen. Zu den sogenannten Neuraminidasehemmern zählen Tamiflu (Wirkstoff Oseltamivir) und Relenza (Wirkstoff Zanamivir). Diese haben sich bisher als wirksam erwiesen. Seit Ende Juni 2009 gab es aus mehreren Staaten Meldungen über aufgetretene Resistenzen gegen Tamiflu. Der WHO zufolge handelt es sich dabei allerdings bisher um Einzelfälle. Beide Arzneimittel sind rezeptpflichtig und müssen unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden. Werden sie nicht richtig dosiert, könnte das die Entstehung von resistenten Viren begünstigen, befürchten Mediziner. Sie raten auch davon ab, sich mit Tamiflu und Relenza zu bevorraten. Bei Kindern sollten die Mittel ebenfalls nicht zur Vorbeugung verwendet werden. Eine Studie der englischen Gesundheits-Agentur "Health Protection Agency", die im Journal "Eurosurveillance" veröffentlicht wurde, hat ergeben, dass Tamiflu bei ihnen sehr häufig Nebenwirkungen hervorruft.

Wo kann ich mich weiter informieren?

Informationen zum Thema Schweinegrippe gibt es unter anderem unter den folgenden Adressen:
Informationen zur Impfung"Wir gegen Viren", Internetseite des Robert-Koch-Instituts und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
• Informationen vom Paul-Ehrlich-Institut (vor allem über Impfungen)
• Alles über die neue Influenza auf der Internetseite des Robert-Koch-Instituts
• Kostenlose Info-Hotline des Bundesgesundheitsministeriums: 0800/440.05 50 (Montag bis Donnerstag 8-18 Uhr, Freitag 8-12 Uhr)
• Ratgeber "Erkältung und Grippe" auf www.stern.de/grippe

Frank Ochmann, Nina Bublitz

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